Im Gesundheitsamt werden die Kontakte von Corona-Infizierten nachverfolgt.
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Im Gesundheitsamt werden die Kontakte von Corona-Infizierten nachverfolgt.

Zu viele Kontakte

Brisante Zahlen: Deutsche Gesundheitsämter verlieren bei Kontakt-Nachverfolgung offenbar die Kontrolle

  • Christoph Klaucke
    vonChristoph Klaucke
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Die Corona-Fallzahlen steigen stark an. Die Gesundheitsämter kommen bei der Nachverfolgung des Infektions-Geschehens an ihre Grenzen.

Berlin - Die Zahlen der Corona-Infektionen steigen rasant an. Deutschland befindet sich mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung werden verstärkt. Sogar ein Lockdown wird von der Bundesregierung nicht mehr ausgeschlossen.

Gesundheitsämter können Ursprung von Corona-Infektionen nicht ermitteln

Im Kampf gegen die heimtückische Lungenkrankheit Covid-19 ist es entscheidend, Infektionsketten zu durchbrechen. Doch den Gesundheitsämtern fällt es schwer, die Ausbrüche zuzuordnen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) erfahre in weniger als 30 Prozent der Infektionen den Ursprung einer Ansteckung, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Auch die Bundesländer tappen zumeist im Dunkeln, wenn es darum geht, den Beginn einer Infektionskette zu ermitteln.

Allein in Bayern blieben 80 Prozent der Ansteckungsorte zuletzt unbekannt, von den ermittelten 20 Prozent steckte sich aber im September und Anfang Oktober jeder Zweite zu Hause an, wie eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ, Artikel in Bezahlschranke) ergeben hat. In allen Bundesländern besteht demnach dasselbe Problem. Die Quote der ermittelten Ausbruchsursachen wird immer kleiner, die Infektionen können kaum noch nachverfolgt werden. Die Hälfte der Ansteckungen soll im privaten Bereich, in Familien oder Wohngemeinschaften passieren.

Gesundheitsämter kritisieren zu viele soziale Kontakte der Menschen

Überraschenderweise kommt es selten zu Infektionen bei Sozialkontakten. In Nordrhein-Westfalen kam es nur in sieben Prozent der Ende September aufgeklärten Fälle zu Infektionen im Umgang mit Freunden oder Bekannten. In Bayern sind es fünf bis 15 Prozent der ermittelten Fälle. Trotzdem ist weiterhin Vorsicht geboten, denn zumeist können die Fälle keinem Ausbruchsgeschehen zugeordnet werden, die Dunkelziffer ist groß.

Zuletzt nahmen die sozialen Kontakte der Menschen wieder deutlich zu. Viele kehrten an den Arbeitsplatz oder zum Sportverein zurück, auch Partys oder Familienfeiern wie Hochzeit oder Geburtstag wurden wie in Zeiten vor der Pandemie gefeiert. Bei positiven Fällen versucht das Gesundheitsamt das Infektionsgeschehen nachzuverfolgen. Doch zumeist können sich die Betroffenen nicht mehr genau erinnern, da einfach zu viele Kontakte vorlagen - oder die Liste wird schlicht zu lang.

Inzwischen sind große Feiern, die zahlenmäßig vielerorts begrenzt sind, wohl nicht mehr die entscheidenden Treiber des Infektionsgeschehens, wie das Blatt herausgefunden hat. Nur jeder zehnte der zuletzt zugeordneten Corona-Fälle ging in Baden-Württemberg auf große Partys oder Hochzeiten zurück.

Gesundheitsämter arbeiten mit veralteten Methoden

Ein wichtiges Mittel gegen die Verbreitung des Coronavirus ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Doch gerade an Orten, an denen die Menschen keine Maske tragen, entstehen Probleme. Kontaktverfolger haben, wie es aus Großstädten heißt, häufig nicht die Zeit, alle Kontaktlisten aus Restaurants und Kneipen anzufordern, um den eigentlichen Ansteckungsort eines Betroffenen auszumachen.

Bereits zu Beginn der Pandemie rückte die „retrospektive Aufklärung“ in den Hintergrund, heißt es laut FAZ aus den Behörden. Sie sei „ein hehres Ziel gewesen, das wir nicht erreichen konnten“, sagt der Leiter einer Kontaktnachverfolgung. Mittlerweile geht es darum, wen ein Infizierter selbst angesteckt haben könnte, also um die „prospektive Aufklärung“. Die engen Kontaktpersonen sollen in Quarantäne geschickt werden. Das hat zwar zur Folge, dass die Infektionskette durchbrochen wird, ihr Ursprung bleibt aber oft unbekannt.

Die Gesundheitsämter haben bei der Suche nach dem Ursprung der Infektionen mit veralteten Arbeitsmethoden zu kämpfen. Im RKI-Bericht über Ansteckungsorte heißt es, dass die Behörden diese Orte unterschiedlich klassifizieren und häufig nicht über die notwendige digitale Infrastruktur verfügten. Der Bund stellt im Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst viel Geld zur Verfügung, um das künftig zu ändern. Derzeit aber schicken sich Gesundheitsämter untereinander häufig noch Faxe.

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