Buchvorstellung: Karl Lauterbach fordert bessere Vorbeugung gegen Krankheiten - auch bei Politikern.
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Buchvorstellung: Karl Lauterbach fordert bessere Vorbeugung gegen Krankheiten - auch bei Politikern.

Interview mit Gesundheitsforscher Lauterbach

Gesundheitsforscher: "Unethisch und dumm"

München - Die Gesundheitsreform ist schon nach zwei Monaten gescheitert, meint Prof. Karl Lauterbach, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie an der Universität Köln und einst Mitglied der Verhandlungskommission zum neuen Gesundheitsfonds.

Lauterbach (46), der für die SPD im Bundestag sitzt, unterstützt die Forderung der CSU nach einem teilweisen Stopp der Reform. In seinem diese Woche erscheinenden Buch "Gesund im kranken System: Ein Wegweiser" (Rowohlt Berlin, 16,90 Euro) fordert er eine bessere Vorbeugung gegen Krankheiten - auch bei Politikern.

-Die Kassenärzte kämpfen für höhere Honorare. Viele Praxen beklagen massive Verluste, obwohl sie in diesem Jahr insgesamt fast 3 Milliarden Euro mehr erhalten. Ist der Aufstand begründet?

Der Protest ist nachvollziehbar. Mit der Einführung des Gesundheitsfonds zum Januar 2009 ist eine massive Umverteilung verbunden: Während Mediziner in Ostdeutschland oder Niedersachsen mehr Geld bekommen, gibt es unter den Ärzten in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg viele Verlierer. Leider trifft es häufig auch besonders engagierte Ärzte, die viele Leistungen erbracht haben. Heute beschweren sich jene Ärzte, die von dem Zuwachs nichts haben oder sogar noch Geld verlieren. Aber es gibt auch viele Gewinner, etwa die Pathologen, aber die melden sich natürlich nicht öffentlich.

-Einzelne Honorare wirken geradezu grotesk. Welcher Augenarzt kann für 21 Euro einen Patienten drei Monate lang versorgen?

Ich bin ein Gegner dieser Reform. Dennoch warne ich davor, die Relationen aus dem Auge zu verlieren: Ärzte bekommen ja nicht nur eine Pauschale pro Patient. Einzelleistungen, die zum Teil sehr viel besser vergütet werden, können zusätzlich abgerechnet werden. Die Argumente, die manche Ärzte vortragen, sind wirklich plump. Wenn die Ärzte so weitermachen, verscherzen sie es sich mit den wenigen Verbündeten, die sie noch haben. Gerade die SPD wollte nie diese Honorar-Regelung, für die sich die Kassenärztliche Vereinigung immer eingesetzt hat und die sich jetzt als Fehler erweist.

-Die CSU hat sich offen gegen den Gesundheitsfonds gestellt und eine neue Honorar-Ordnung gefordert. Hat Parteichef Seehofer Recht, wenn er sagt, der Fonds sei "gründlich in die Hose gegangen"?

Dieser Stimmungswechsel erstaunt mich. Seehofer hat den Gesundheitsfonds noch vor wenigen Monaten als eine unglaubliche Innovation gepriesen. Ich schätze ihn sehr, aber eine überzogene Standfestigkeit kann man ihm nicht vorwerfen. In der Sache aber hat er in einem Punkt Recht: Die Honorar-Reform, für die sich die Unionsparteien und die Kassenärztlichen Vereinigungen immer eingesetzt haben, ist kein Schritt nach vorn, im Gegenteil.

-Welche Alternative gibt es?

Wir sollten genau das tun, was fast alle europäischen Länder längst getan haben: ein simples Preissystem einführen, mit Patientenpauschalen in Euro und Cent für die einzelnen Arztgruppen und festen Preisen für Einzelleistungen. Diese Gebührenordnung für Ärzte muss für gesetzlich und privat versicherte Patienten gleichermaßen gelten. Die Ärzte wollen zwei unterschiedliche Gebührenordnungen und eine Zwei-Klassen-Medizin, aber da macht die SPD niemals mit. Rechtsanwälte und Architekten haben auch nur jeweils eine Preisliste.

-Manche Ärzte verschaffen ihrem Ärger Luft, indem sie nur noch gegen Vorkasse und private Barzahlung behandeln. Haben Sie dafür Verständnis?

Das sind Einzelfälle. Aber dieses Verhalten ist unethisch und dumm. Die Patienten selbst können ja nichts für die missglückte Honorar-Reform. Dumm ist der Einsatz solcher Mittel, weil sich die Ärzte damit selbst diskreditieren und in die Schusslinie stellen. Im Grunde ist ihr Anliegen ja berechtigt.

-Ignorante Ärzte, Fehldiagnosen, Pharma-Wucher: In Ihrem neuen Buch stellen Sie dem deutschen Gesundheitswesen ein verheerendes Zeugnis aus. Hat Ihre Parteifreundin Ulla Schmidt schon ein Exemplar erhalten?

Selbstverständlich hat auch die Bundesgesundheitsministerin schon ein Buch bekommen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will nicht das System schlecht machen, sondern Patienten konkrete Ratschläge geben, wie sie sich selbst mit relativ geringem Aufwand durch bessere Vorbeugung schützen können. Prävention spielt in Deutschland eine erschreckend geringe Rolle. Viele Ärzte sind schlecht ausgebildet, es gibt unzählige Beispiele von Über-, Fehl- und Unterversorgung. Ich will Betroffenen zeigen, wie sie sich selbst helfen können: Welche Cholesterinwerte sind entscheidend, auf welche Messwerte kommt es beim Blutdruck an, woran erkennt man eine gute Klinik? Das sind Fragen, die beantwortet werden.

Interview: Holger Eichele

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