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Getreideexporte aus der Ukraine: Trockenhafen in Polen soll Hungersnot verhindern

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Von: Aleksandra Fedorska

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Der Nahe Osten und Afrika sind auf Getreideimporte aus der Ukraine angewiesen. Ein Trockenhafen an der polnisch-ukrainischen Grenze wäre eine Möglichkeit, die Hungersnot zu verhindern.

Warschau – Die Ukraine gehört zu den wichtigsten Exporteuren von Getreide weltweit. Es sind vor allem Länder wie der Libanon und die nordafrikanischen Staaten, die auf das Getreide aus der Ukraine angewiesen sind. Vor dem Ukraine-Krieg wurden zwei Drittel der Exporte aus der Ukraine auf dem Seeweg transportiert. Durch die russische Invasion ist dieser Transportweg inzwischen blockiert. Es gibt Versuche, Getreide mit der Eisenbahn zu exportieren, das ist aber umständlich und mit vielen Problemen verbunden. Vergangenen Monat schafften es lediglich 600 Tausend Tonnen Getreide über die ukrainische Grenze. Das sind rund 10 Prozent des regulären Exportvolumens.

Die Ukraine hat erst kürzlich angekündigt, die Getreideexporte auf der Schiene um das Fünffache steigern zu wollen. Der herkömmliche Eisenbahnbetrieb zwischen EU-Staaten und der Ukraine ist aber für die Ausfuhren nicht vorbereitet. Die Spurweiten variieren und es gibt Schwierigkeiten, die sich aus der Notwendigkeit des Umladens ergeben. Ein ukrainisch-polnischer Trockenhafen könnte diese Probleme mindern.

„Polen arbeitet derzeit an der Schaffung eines Trockenhafens an der Grenze, um die Transportkapazität für den Export ukrainischer Agrarprodukte, insbesondere in Drittländer, zu erhöhen“, sagte der stellvertretende Landwirtschaftsminister Henryk Kowalczyk. Ein Trockenhafen ist im Gegensatz zum Seehafen nicht direkt mit dem Meer oder Wasserweg verbunden. Es handelt sich vielmehr um ein logistisches Verladedrehkreuz, wo die Waren in Containern ankommen und weiter verladen werden, um anschließend mit der Eisenbahn zu einem Seehafen zu gelangen. Im Falle Polens werden die Güter zu den Umschlagterminals an der polnischen Ostseeküste gelangen.

Ukraine-Russland-Krieg: Gemeinsame Suche nach Transportalternativen für Getreide

Am 6. April traf sich der neue ukrainische Minister für Landwirtschaftspolitik und Lebensmittelversorgung, Mykola Solsky, mit dem polnischen stellvertretenden Landwirtschaftsminister, Henryk Kowalczyk, um die Frage der Einrichtung neuer Exportrouten zu besprechen. Im Fokus stand die Suche nach Exportwegen für Agrar- und Lebensmittelprodukte aus der Ukraine in Richtung der besonders abhängigen Märkte. „Wir danken unseren polnischen Kollegen für die umfassende Unterstützung beim Transit ukrainischer Agrarprodukte in die EU”, sagte Solsky.

Parallel zu den Gesprächen mit Polen finden auch Verhandlungen mit Rumänien statt. Die ukrainischen Medien berichten davon, dass die Ukraine bemüht sei, ihre Agrarexporte über europäische Seehäfen, insbesondere dem rumänischen Seehafen Constanta, zu verschiffen. Der Vorgänger des neuen ukrainischen Ministers für Landwirtschaftspolitik und Lebensmittelversorgung, Roman Łeszczenko, sprach im März mit Moldawien über eine eventuelle Möglichkeit der Nutzung ihrer Seehäfen am Schwarzen Meer. Dabei betonte Łeszczenko, dass die Ukraine Zugang zu mindestens einem Seehafen haben und in der Lage sein müsse, monatlich bis zu fünf Millionen Tonnen Getreide zu exportieren.

Ein Traktor ist am 27. April 2022 auf einem Getreidefeld in der Umgebung von Dnipro, Ukraine, zu sehen. Sieben von zehn Hektar in der Ukraine sind landwirtschaftliche Parzellen, die meisten davon sind mit Mais, Getreide und Sardellen bepflanzt. Aufgrund des russisch-ukrainischen Krieges und der daraus resultierenden Exportschwierigkeiten droht die aktuelle ukrainische Krise den Hunger über die Grenzen hinaus zu treiben, so der Leiter der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) für die Ukraine.
Ein Traktor ist am 27. April 2022 auf einem Getreidefeld in der Umgebung von Dnipro, Ukraine, zu sehen. Sieben von zehn Hektar in der Ukraine sind landwirtschaftliche Parzellen, die meisten davon sind mit Mais, Getreide und Sardellen bepflanzt. Aufgrund des russisch-ukrainischen Krieges und der daraus resultierenden Exportschwierigkeiten droht die aktuelle ukrainische Krise den Hunger über die Grenzen hinaus zu treiben, so der Leiter der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) für die Ukraine. © IMAGO/MIGUEL GUTIERREZ

Derzeit werden aushilfsweise polnische Häfen in Anspruch genommen. So wurden zwischenzeitlich 5000 Tonnen ukrainischer Mais nach Rotterdam über den polnischen Hafen in Kołobrzeg verschifft. Diese Volumina sind jedoch zu gering, um die Lieferverträge der Ukraine erfüllen zu können.

Wirtschaftliche Perspektiven für die Ukraine: Vorbereitungen für Getreideexport mit der Bahn

Die ukrainische Seite hat trotz des eskalierten Ukraine-Konflikts unter den schwierigsten Bedingungen umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um die Getreideexporte mit der Bahn effizienter zu machen. Einzelne Bahnverbindungen in der Nähe der Grenze zu Polen wurden elektrifiziert. Dies soll das Zuggewicht erhöhen und gleichzeitig die Betriebskosten senken. Die Ukraine hat außerdem trotz des Krieges intensiv an der Produktion von Schienenfahrzeugen gearbeitet. Allein im März dieses Jahres hat das Werk in Dnjepro 37 offene Waggons produziert. Die weitere Produktion von 50 Waggons ist geplant. Hinzu kommt, dass die Ukrainer die insgesamt etwa 15 Tausend russische Waggons übernommen haben, die sich zum Zeitpunkt der russischen Invasion auf ukrainischem Staatsgebiet befunden haben. Einige von ihnen gehören sogar der russischen Gazprom.

Auch, wenn es gelingt den Bahntransport bis zur polnischen Grenze zu optimieren, ist noch unklar, wer den Trockenhafen finanzieren soll. Private Investoren werden vermutlich vorsichtig sein, denn nach dem Ende des Krieges in der Ukraine, dürfte der Trockenhafen kaum noch rentabel sein, da der Transport über Odessa und andere ukrainische Häfen wieder möglich wäre. Folgerichtig müsse das Projekt aus dem polnischen Staatshaushalt bezahlt werden. (Aleksandra Fedorska)

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