+
Muss sich schwere Vorwürfe anhören: Markus Söder beim Anbringen eines Kreuzes in der bayerischen Staatskanzlei.

Es hagelte Vorwürfe

Beschimpfungen und Beleidigungen: Wüste Debatte um Kreuz-Beschluss im Landtag

  • schließen

Gräben haben sich kurzfristig aufgetan, breit und tief. Die Debatte um den Kreuz-Beschluss der CSU droht zu eskalieren. Im ganzen Land wird sie scharf kritisiert.

München – Als sie sich im Landtag eine halbe Stunde lang angekeift haben, streckenweise beschimpft und beleidigt, tritt der Innenminister ans Pult. Joachim Herrmann, oft und gerne als gemächliches Gemüt beschrieben, kann auch sehr laut sein, donnernd sogar. An diesem Nachmittag ist er aber einer der Nachdenklichen. „Bitte heute nicht mehr Gräben aufreißen als notwendig“, sagt er vorsichtig in die Runde, redet über seinen christlichen Glauben und seine Werte.

Die Gräben haben sich kurzfristig aufgetan, breit und tief. Per Dringlichkeitsantrag setzen die Grünen die erste Landtagsdebatte über den Kreuz-Beschluss der Staatsregierung durch. Die CSU soll ihre Ankündigung verteidigen, bis Juni in jedem Behörden-Eingang in Bayern ein Kreuz aufhängen zu lassen. Die Opposition greift sie dafür scharf an.

Passend zum Thema haben wir das für Sie: „Unheilige Allianz von Religionsfeinden“ - CSU schlägt zurück

„Anstelle einer tiefen inneren Überzeugung erkenne ich bei Ihnen nur kaltes Kalkül“, ruft Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze vom Pult in Richtung Markus Söder. Der Ministerpräsident sehe im Kreuz nicht das Symbol „für Hoffnung und Erlösung, sondern für die Hoffnung auf Mehrheiten. Sie spalten die Gesellschaft, Sie säen Unfrieden.“ Perfide sei das. Auch die SPD geißelt Söder, der die Debatte reglos, aber ohne Pause verfolgt. „Parteipolitik“ betreibe er. Die Freien Wähler äußern sich vorsichtiger, sprechen sich nicht gegen das Kreuz in Behörden aus, aber gegen eine politische Instrumentalisierung von CSU wie auch von Grünen.

Blume sorgt fast für einen Eklat

Die Debatte im Landtag mag bloß rituell sein. Die Reaktionen im ganzen Land sind aber ungewöhnlich scharf. Auch bei der CSU hat man registriert, dass selbst kirchennahe und/oder konservative Kreise mit der Kreuz-Aktion Söders nicht alle glücklich sind. Die katholische und die evangelische Jugend (BDKJ und EJB) verfassten einen Brief („persönlich schockiert und betroffen“) an die Staatsregierung. Das Ursymbol des Christentums werde missbraucht. Der frühere bayerische Kultusminister Hans Maier (CSU) sagte der Katholischen Nachrichtenagentur, es wäre besser gewesen, „alle bei uns lebenden Religionen zur Verständigung und zur Zusammenarbeit aufzurufen“, statt Andersgläubige durch Symbolpolitik auszugrenzen.

Sorgte mit einer Aussage fast für eine Eklat: Markus Blume.

Vielleicht interessiert Sie auch das: Söders Kruzifix - Darum ist selbst Oberbayerns oberster Heimatpfleger dagegen

Im Landtag versuchen Söders Leute, mit einer Doppelstrategie zu kontern. Ans Pult geht CSU-Generalsekretär Markus Blume, für seine Verhältnisse spricht der Protestant eher schroff. „Größte anzunehmende Dummheit“ und Heuchelei attestiert er den Grünen: „Sie möchten Bayern zu einer religionsfreien Zone machen.“ In Deutschland seien Staat und Kirche getrennt, aber sie seien sich nicht egal. Mit einem Satz sorgt Blume dann fast für einen Eklat: „Aus der grünen Multikulti-Ecke empört man sich jetzt – aber zum neuen Antisemitismus kommt kein hartes Wort.“ Auch den Kirchen gibt Blume einen für die CSU ungewöhnlichen Seitenhieb mit: „Man hat häufiger den Eindruck, dass lieber andere Religionen verteidigt werden, als dass man die eigenen Werte kraftvoll vertritt.“

Andererseits versuchen Söder und sein Innenminister Herrmann, die Debatte etwas intellektuell zu untermauern. Draußen vor dem Plenarsaal, gegenüber den Kameras, betont Söder, dass er das Kreuz als religiöses und Werte-Symbol sehe. „Alle Werte, die sich darin bündeln, beispielsweise Toleranz, Nächstenliebe und Menschenwürde, sind auch die Basis eines säkularen Rechtsstaats.“ Das Kreuz aufzuhängen, verstehe er als Zeichen einer Haltung. Es sei gut, dass jetzt auch mit den Kirchen eine Debatte darüber angestoßen werde. 

Christian Deutschländer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Seehofer tritt am 19. Januar als CSU-Chef ab
Nun hat die CSU Gewissheit: Auf einem Sonderparteitag Anfang Januar will Seehofer seinen Chefposten abgeben. Klar scheint ebenfalls, wer der Nachfolger wird - auch ohne …
Seehofer tritt am 19. Januar als CSU-Chef ab
„Er war ein schrecklicher Brexit-Minister:“ Chaos geht in Großbritannien weiter
Die britische Premierministerin setzt sich mit ihren Brexit-Plänen im eigenen Kabinett durch. Doch nicht nur im Parlament steht Theresa May noch ein schwerer Kampf bevor.
„Er war ein schrecklicher Brexit-Minister:“ Chaos geht in Großbritannien weiter
AfD-Affäre: Gauland soll wegen Weidel getobt haben - FDP äußert schweren Verdacht
Eine Spendenaffäre erschüttert die AfD. Fraktionschefin Weidel sieht sich zu Unrecht beschuldigt. Dagegen äußert die FDP einen schweren Verdacht.
AfD-Affäre: Gauland soll wegen Weidel getobt haben - FDP äußert schweren Verdacht
Maybrit Illner: Heftiger Nazi-Zoff zwischen Gauland und Göring-Eckardt 
Maybrit Illner hatte zu einer ZDF-Spezialsendung zum Thema „Neustart ohne Merkel - wer wird gewinnen und wer verlieren?“ eingeladen, die zu einer AfD-Spezialsendung …
Maybrit Illner: Heftiger Nazi-Zoff zwischen Gauland und Göring-Eckardt 

Kommentare