Krankenhaus überfüllt - Angst vor Epidemien

Nach Flüchtlingsandrang vor griechischer Küste: Lesbos im Ausnahmezustand

Auf Lesbos vor der griechischen Küste sind tausende Geflüchtete gelandet, und der Menschenanstrom hält an. Die Insel ist nun kaum wiederzuerkennen.

  • Die andauernden Militär-Eskalationen in Syrien bewegten Tausende Menschen dazu, Richtung EU zu flüchten.
  • Viele von ihnen müssen auf der Insel Lesbos vor der griechischen Küste ausharren.
  • Dort herrschen mittlerweile dramatische Zustände. Die Insel ist kaum wiederzuerkennen. 

Lesbos/BerlinWer noch vor kurzer Zeit auf Lesbos und in der Inselhauptstadt Mytilini war, erkennt das Eiland heute nicht wieder. Auf der Straße wird Arabisch, Urdu, Farsi und Paschtu gesprochen. Migranten aus allen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens und Afrikas bevölkern den Hafen und die Stadt Mytilini. „Schert euch zum Teufel“, murmelt ein älterer Einheimischer, der auf der zentralen Shoppingmeile Ermou seine Einkäufe macht. Er ist einer von wenigen Inselgriechen, die noch auf der Straße unterwegs sind.

Tausende Flüchtlinge sind in Lesbos - das Krankenhaus ist mittlerweile völlig überfüllt

An den Geldautomaten lange Warteschlangen: Nach Auszahlung der Renten holen die älteren Bürger ihr Geld – wie auch die Asylsuchenden, die eine kleine finanzielle Unterstützung erhalten. „Es gibt nicht genügend Geldautomaten. Aber das ist nicht das Einzige. Die ganze Infrastruktur bricht zusammen“, sag Irene, Angestellte in einem Hotel in Mytilini.

Überfüllt ist auch das kleine Krankenhaus der Insel. Es wurde einst für nicht mehr als 30 000 Einwohner gebaut. Jetzt müssen die Ärzte zusätzlich 20 000 Flüchtlinge versorgen. Migranten und Einheimische stehen gleichermaßen Schlange. Nicht erst seit der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus* haben die Inselbewohner Angst vor Epidemien. Längst sorgen sie sich wegen des Drecks und der Gesundheitsgefahren, die von den unzähligen unorganisierten, überfüllten Flüchtlingslagern auf ihrer Insel ausgehen.

Alle aktuellen Entwicklungen an der türkisch-griechischen Grenze lesen Sie übrigens in unserem News-Ticker. 

Flüchtlinge haben in Lesbos ebenfalls Angst - teilweise herrsche Gesetzlosigkeit

Angst haben aber auch die Migranten und Flüchtlinge. Hamid Reza, ein 29-jähriger Afghane, zeigt auf seine Frau und seine kleine Tochter, die er zum Hafen der Inselhauptstadt gebracht hat. „Ich habe Angst, im Lager zu leben. Ich sorge mich um meine Frau und meine Familie“, sagt er. Dort, im berüchtigten Lager von Moria, herrsche Gesetzlosigkeit. Deshalb verbringe er den Tag am Hafen.

Unterdessen ist in zahlreichen Ländern Europas eine Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen entbrannt. Die Bundesregierung ist in der Frage gespalten. Während Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sich dafür stark machte, jungen Flüchtlingen zügig zu helfen, warnte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vor nationalen Alleingängen: „Es müssen möglichst viele mitmachen.“ Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) bekräftigte dennoch seine Bereitschaft zur Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge. Am Abend stimmte die große Koalition gegen die Aufnahme von 5000 Schutzbedürftigen aus Griechenland. Die Furcht vor einer Flüchtlingskrise* nimmt unterdessen in der EU zu. Auch für Deutschland werden die aktuellen Entwicklungen wohl Konsequenzen haben*. 

 T. TSAFOS/ dpa

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Rubriklistenbild: © Reuters

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