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Die Party der Nein-Sager: Vor dem Parlament in Athen feiern am Sonntagabend Zehntausende den Ausgang des Referendums.

Klare Mehrheit gegen Sparpolitik

Griechenland-Referendum: Ein Nein voll Wut und Angst

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Athen - Europa starrt auf das kleine Griechenland. „Ochi“, Nein, stimmt eine klare Mehrheit beim Referendum über Euro und Sparpolitik. Für die Tsipras-Regierung ist es ein Sieg – aber mit unkalkulierbaren Folgen.

Er steht auf einem Podest aus Paletten und lässt sich feiern wie ein Popstar auf der Bühne. Alexis Tsipras hat gerade abgestimmt, hat sich im Licht der zahllosen Kameras ewig viel Zeit gelassen, den Wahlumschlag zuzukleben. Daran geleckt, ihn in den Händen gewogen, in größter Ruhe in die Urne fallen lassen. Nun lächelt der Ministerpräsident, streicht sich den Bauch, genießt die Aufmerksamkeit vor dem Wahllokal, einer Grundschule in einem Wohnviertel. Seine Anhänger haben sich auf der Straße und auf Balkonen versammelt. „Ich bin sicher, dass wir für alle Völker Europas einen neuen Weg öffnen werden“, ruft er in die Runde.

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Athen am Sonntagmorgen: Eine der ersten Stimmen für ein „Ochi“ ist gesammelt. Mit jeder Geste, jedem Wort verströmt Tsipras die Gewissheit, dass er am Ende zur Mehrheit gehören wird. In der Tat: Als es Abend wird in Griechenland, hat der Regierungschef sein Votum gewonnen. Noch nicht mal so knapp, wie es die Demoskopen vorhergesagt hatten. Ein „Festakt“, sagt Tsipras.

Ob daran viel zu feiern ist? Er ist nun Ministerpräsident eines gespaltenen Landes. Seit er vor einer guten Woche überraschend das Referendum ausgerufen hatte, tobte ein kurzer, heftiger Wahlkampf, emotional gespeist von Wut, Verzweiflung und Trotz. Es stehen sich unter den 9,8 Millionen Wahlberechtigten zwei Lager gegenüber, auch nach dem Wahltag.

Die einen befürchten, dass die von Tsipras vertretene Linie des „Ochi“ (Nein) zu den Forderungen der Gläubiger das Land aus der Euro-Zone hinausführen und in ein Wirtschaftschaos stürzen werde. „Ich möchte nicht in die 60er- und 70er-Jahre zurückgeworfen werden“, sagt eine Athener Rentnerin auf dem Weg ins Wahllokal. „Ich will weiterhin zu Europa gehören.“ Gerade die Älteren haben gespürt, welche Folgen drohen, als in den vergangenen Tagen die Banken schlossen und die Geldautomaten nurmehr 50, 60 Euro am Tag ausspuckten.

Die anderen fühlen sich geknechtet, gegängelt von den Euro-Staaten. Sie plakatieren Fotos vom deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble: „Fünf Jahre hat er euch ausgesaugt, jetzt sagt: Nein!“ Es ist die schrillere, lautere Position, ein Akt des Widerstands, man sieht deutlich mehr „Ochi“-Aufkleber im Athener Stadtgebiet. Viele junge Leute stimmten mit Nein, bei den 18- bis 34-Jährigen über zwei Drittel. Die Teilung reicht bis in die Familien hinein. „Kann ich Dich im letzten Moment noch bewegen, doch mit Ja zu stimmen?“, ruft ein Athener seiner Gattin im Stimmlokal zu. „Ochi“, ist die prompte Antwort der Frau, keinesfalls.

Zu den rätselhaften Details dieser Abstimmung gehört, dass die wenigsten Griechen verstehen, worüber sie da gerade abstimmen. Nicht den Wahlzettel, der in einem schwer verständlichen Text abstrakt von „Vorschlägen“ aus „zwei Teilen“ und der „Preliminary Debt Sustainability Analysis“ spricht statt von der Zukunft des Euro oder konkreten Sparplänen. Sie verstehen auch nicht die Folgen, denn das durchblicken selbst viele Experten nicht. Auch viele Nein-Aktivisten rechnen längst nicht mit einem Euro-Austritt des Landes. Vom populären Finanzminister Gianis Varoufakis ist schließlich der Satz überliefert, nach einem mehrheitlichen „Nein“ werde man sich binnen 24 Stunden mit den Geldgebern einigen. „Könnte man sich einigen“, schränkt er kurz nach Schließung der Wahllokale ein, so habe er das gesagt, alles andere sei üble Nachrede der giftigen Medien. Seine neue Lesart, verbreitet im TV: „Ab morgen fangen wir an, unsere Wunden zu heilen.“

Was nun? Im Fernsehen schreien sich die Diskutanten minutenlang an, als die ersten Prognosen veröffentlicht werden. „So versteht keiner was“, jammert die Moderatorin. In Athen strömen die Tsipras-Fans zum Platz vor dem Parlament, sie jubeln und schwenken Fahnen. In den touristisch geprägten Landesteilen ist die Stimmung weit schlechter. Die von der Regierung verhängten Kapitalverkehrskontrollen haben bereits spürbare Auswirkungen in Teilen der Wirtschaft. Besonders betroffen ist der Tourismus, die wichtigste Stütze der Volkswirtschaft. Die Hoteliers beklagten einen drastischen Rückgang der Buchungen – vor allem aus dem Inland. „Man hat den Tourismus zerschmettert“, klagt der Hotelbesitzer Dimitris Skalidis in der Gegend Nafplion auf dem Peloponnes. „Es kommt kein Grieche mehr, weil alle sparen müssen.“ Und weniger Europäer, weil sie nicht wissen, ob sie im Gastland noch so empfangen werden wie früher, ob sie noch willkommen sind.

Die Lebensmittelhersteller warnen, dass in den nächsten Tagen bestimmte Nahrungsmittel knapp werden könnten. Das dürfte vor allem für Fleisch- und Milchprodukte gelten, die Griechenland größtenteils aus dem Ausland bezieht und die die Importeure wegen der Zahlungsbeschränkungen nicht mehr beschaffen können. Ein Land mit beginnender Lebensmittelknappheit, ohne Bargeld, ohne Perspektiven, aber zutiefst zerstritten?

Die kryptischen Stimmzettel werden noch ausgezählt in Hellas, Dorf um Dorf meldet seine Ergebnisse, da bricht auf dem Kontinent Betriebsamkeit aus. Europas Politiker verabreden sich zu Krisenrunden. Tsipras eilt in seinen Amtssitz. Sein Regierungssprecher vermeldet am Abend, noch in der Nacht sollten die Gespräche mit den Geldgebern beginnen. Tsipras werde sich „sehr schnell bewegen, um den Auftrag des Volkes in die Tat umzusetzen“. Es klingt schon nicht mehr nach einem Festakt, eher nach einem Tanz auf der Rasierklinge.

Takis Tsafos, Hubert Kahl und Christian Deutschländer

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