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Lorenz von Stackelberg

Große Geschichte lebt

München - Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer. Lesen Sie zum Jahrestag einen Kommentar von Lorenz von Stackelberg.

Schon richtig: Angesichts der Flut von Worten und Bildern, die pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls über die Deutschen hereinbricht, droht Übersättigung. Aber man sollte diesem Reflex entschlossen widerstehen, denn die unglaubliche Geschichte der Einheit ist wahrhaft große Historie, noch nicht eingesperrt zwischen staubigen Buchdeckeln, ein aufregender Prozess, prallvoll mit Leben – und wir alle mittendrin.

Das mag arg euphorisch klingen, zumal die ersten Jahre nach 1989 angefüllt waren mit unrealistischen Hoffnungen, enttäuschten Erwartungen und quälenden politischen Schuldzuweisungen. Millionen verkannten schlicht, dass Geschichte sich mitunter menschlicher Kontrolle entzieht.

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Denn die deutsche Wiedervereinigung war nun einmal kein präzise planbarer Prozess, wie manche noch heute meinen. Sie war eine Art Naturereignis, losgebrochen durch den Niedergang des Sowjet-Imperiums, dessen damaliger Führer Gorbatschow in den entscheidenden Tagen kein Nero sein wollte, sondern sich in die undankbare Rolle des Konkursverwalters fügte.

Dass zwei Teile eines Volkes aus diametral entgegengesetzten politischen und wirtschaftlichen Systemen ohne Blutvergießen wieder zueinanderfinden konnten, ist einer wahrhaftigen Sternstunde geschuldet und gelang letztlich nur, weil alle dazu notwendigen Mechanismen ineinandergriffen wie die Zahnräder einer Präzisionsuhr. Die friedlichen Montagsdemonstranten spielten ihren Part ebenso fehlerlos wie die Regierungen Europas und der USA. Und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, wegen seines jahrzehntelangen Festhaltens an der Einheit schon fast zum Gespött geworden, fand sich urplötzlich in der Rolle seines Lebens und handelte entschlossen. Genaugenommen war diese Konstellation utopisch.

Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir in der Fülle politischer Sonntagsreden zum 9. November in Versuchung geraten, unsere heutige deutsche Normalität für selbstverständlich und ziemlich langweilig zu halten. Vielleicht überkommt uns dann doch so etwas wie Ehrfurcht.

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