Markus Söder (vorne) und Horst Seehofer

Der große Groll der Glühwürmchen

Nach Rundumschlag: CSU-Ärger auf Seehofer 

München – Die CSU ärgert sich über den Rundumschlag ihres Chefs. Horst Seehofer hält einige Parteifreunde für Insekten, charakterschwach und überehrgeizig. Die Angesprochenen halten ihn für stillos. Von wegen Weihnachtsfriede.

Der Anrufer war erstaunt und etwas indigniert. „Ich bin jetzt also nur noch ein Glühwürmchen“, sagte Karl-Theodor zu Guttenberg am Telefon zu einem Vertrauten aus der CSU. Ein Käfer, Unterordnung der Polyphaga, Teilordnung der Elateriformia, Familie der Leuchtkäfer – für den auf seinen Stammbaum so stolzen Freiherrn eine besondere Kategorie.

Und es ist nicht nur Guttenbergs indigniertes Staunen. An diesem Mittwoch, an dem sämtliche bayerische Zeitungen (und ein paar große im Rest der Republik) über Horst Seehofers WeihnachtsRede berichtet haben, braut sich in der Partei Ärger über den Chef zusammen. Tenor: Wie konnte er nur.

Auf der Weihnachtsfeier für die Münchner Politikjournalisten hatte Seehofer nacheinander abwesende Parteifreunde verbal abgewatscht. Vier Stunden lang wanderte er mit seinen Nettigkeiten von Tisch zu Tisch. Neben Glühwurm Guttenberg erwischte es vor allem den Finanzminister. Markus Söder sei „von Ehrgeiz zerfressen“, habe „charakterliche Schwächen“, leiste sich „zu viele Schmutzeleien“. Bundesminister Peter Ramsauer geriere sich als „Zar Peter“. Junge Politiker arbeiteten gegen ihn, klagte Seehofer, sie verstünden nicht, wie der Dialog mit dem Bürger funktioniere.

Üblicherweise sind solche Runden zwischen Politikern und Journalisten vertraulich. Das bietet beiden Seiten die Chance, mal abseits der laufenden Kameras Zusammenhänge besprechen zu können, auf heikle Fragen nicht nur Worthülsen zu hören. Selbst da wäre die Wurm-Wortwahl schon als recht direkt empfunden worden. Seehofer aber gab zu Beginn des Treffens ausdrücklich alle Aussagen frei, wünschte sich sogar viele Meldungen der Nachrichtenagenturen. Die hat er nun bekommen, mehr als erhofft.

Die Betroffenen sind sauer. „Über wen redet er da eigentlich, über sich?“, raunzte Söder in einer ersten Reaktion mitten im Steinernen Saal des Landtags. „Munter drauf“ sei Seehofer ja. Seither aber schweigt der angeschossene Finanzminister. Enttäuscht und tief getroffen sei er, heißt es. Er habe sich stets für loyal gehalten, er habe das nicht verdient. Erst recht nicht vor der Kabinettssitzung nächste Woche in seiner Heimat Nürnberg, wo von der Titelseite der örtlichen Zeitung nun prangt: Söder ist vom Ehrgeiz zerfressen. In der Landtagsfraktion, der Seehofer nicht angehört, erfuhr der Minister am Mittwoch tröstende Worte.

Denn auch Abgeordnete, die der Watschnbaum nicht streifte, sind verärgert. Kleine Auswahl jener, die sich eh schon oft über den Chef ärgerten: „Unmöglich“ (Thomas Goppel), „trägt nicht zur Motivation bei“ (Christa Stewens), „Sonnenkönigs-Allüren“ (Hermann Imhof). Fraktionsvize Renate Dodell verbreitete auf Facebook ein Bibelzitat: „Ehre und Schmach liegen in der Hand des Schwätzers, des Menschen Zunge ist sein Untergang.“ Einzelne CSU-Abgeordnete verlangten zunächst eine Sondersitzung, um dem Glühwürmchen-Spötter heimzuleuchten. Zumindest forderten sie von Fraktionschef Georg Schmid, umgehend dem in Berlin weilenden Seehofer ihren Zorn auszurichten – was Schmid auch bald tat.

In der Fraktionsspitze wird geklagt, man berate gerade den schillerndsten und üppigsten Haushalt, den Bayern je erlebte. Der Wirbel um die wütende Weihnachtsbotschaft überschatte all das medial. „Völlig überflüssig“ sei das. „Schafscheiß“, sagt einer.

Seehofers Motive? Ein Rätsel. Ein genereller Wutanfall war es nicht. Auf seinem Zug von Tisch zu Tisch lobte Seehofer auch manche Politiker, etwa Generalsekretär Alexander Dobrindt. Er habe sich speziell über Söder geägert, mutmaßen Abgeordnete, weil der an dem Tag ein großes „Bild“-Interview gehabt habe und Seehofer nur einen kleinen Text. Etwas tiefgründiger ist die Analyse, der Chef stehe halt enorm unter Druck, da musste mal was raus. Wahrscheinlich ist indes, dass Seehofer sich einfach der medialen Breitenwirkung seiner Lästereien, sobald sie aneinandergereiht verbreitet werden, nicht bewusst war.

Am Tag nach dem Auftritt ist Weihnachtsfeier aller Abgeordneten. Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) regt an, man möge immer wieder hinterfragen, wie man mit anderen umgehe. Man dürfe Leuten auch mal sagen, „wie schön es ist, dass es sie gibt“.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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