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Das Leben in München ist teuer. Die oberste Vertreterin der Rentenversicherung will die Unterschiede bei der geplanten Grundrente berücksichtigt sehen.

Geplante Grundrente

Großstädter sollen mehr Rente kassieren - ist das gerecht?

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In München müssen viele Rentner jeden einzelnen Cent umdrehen. Die Hauptstadt ist ein teures Pflaster. Im Bayerischen Wald sind die Mieten dagegen günstig. Das muss bei der Grundrente berücksichtigt werden.

München - Menschen in teuren Ballungsräumen sind im Alter mehr vom Abrutschen auf der sozialen Leiter bedroht als es Rentner auf dem Land sind. Münchner Rentner können ein Lied davon singen und auch Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, ist überzeugt, dass Bewohner teurer Großstädte im Alter mehr Unterstützung brauchen. 

Als Beispiel für den finanziellen Mehrbedarf von Ruheständlern an teuren Wohnorten nennt die 54-Jährige die Bezieher kleiner Renten in München: „Im bayerischen Wald brauchen die Betroffenen im Schnitt mehrere hundert Euro weniger als in München.“ Sie legt Sozialminister Hubertus Heil (SPD) und der schwarz-roten Koalition ans Herz, diesen Sachverhalt bei der Ausarbeitung der Grundrente unbedingt zu berücksichtigen.

Die Grundrente: Vorläufermodelle der Grundrente hießen Lebensleistungsrente oder Solidarrente. Laut Minister Heil soll das Projekt tatsächlich Realität werden und zwar schon im kommenden Jahr. Die Grundrente soll all jenen ein regelmäßiges Alterseinkommen zehn Prozent oberhalb des Grundsicherungsbedarfs garantieren, die 35 Jahre an Beitragszeiten oder Zeiten der Erziehung oder Pflege aufweisen. Vor allem will man jene Frauen in der Rente besserstellen, die gearbeitet, aber zu wenig verdient haben.

Die Grundsicherung: Derzeit beträgt der bundesweite durchschnittliche Bedarf bei der Sozialleistung Grundsicherung im Alter rund 800 Euro im Monat. Die Grundrente läge auf dieser Grundlage somit bei 880 Euro – im Durchschnitt. Laut Roßbach haben bisher relativ wenige ältere Menschen Grundsicherung beantragt: „Mehr als 97 Prozent der Älteren können ihr Einkommen selbst bestreiten, weniger als drei Prozent sind auf Grundsicherung im Alter angewiesen.“

Wohnkosten sind zu unterschiedlich

Gundula Roßbach, Präsidentin der Rentenversicherung fordert höhere Grundrente in teuren Ballungsräumen.

Gundula Roßbachs Sorge: „Was mich umtreibt, ist, dass es für bundesweite Alterssicherungssysteme schwierig ist, regionale überdurchschnittliche Steigerungen bei der Miete und Unterschiede der Wohnungsmärkte auszugleichen.“ Das sagte die Rentenpräsidentin im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur. Die Unterschiede gingen im wesentlichen auf die unterschiedlichen Wohnkosten zurück. „Menschen jenseits der hochpreisigen Ballungsgebiete werden auskömmlicher von ihrer Alterssicherung leben können“, sagte Roßbach. „Dort wo das Wohnen sehr teuer ist, wird es schwieriger.“

Der Zustand der Rentenversicherung: Insgesamt bezeichnete Roßbach die Rentenversicherung als derzeit gut aufgestellt. Es gebe aber besondere Risikogruppen – etwa Erwerbsminderungsrentner. „Für die sind nun weitere Verbesserungen geplant“, sagte sie mit Blick auf ein entsprechendes Vorhaben von Union und SPD. Auch nicht anderweitig verpflichtend abgesicherte Selbstständige seien betroffen, für die die Koalition eine obligatorische Absicherung geplant hat. Langzeitarbeitslose trügen ebenfalls besondere Risiken bei der Rente. „Da muss man sich die Lücken in der Beitragszahlung anschauen.“

Zukünftige Risiken: Solche Risiken will die Rentenversicherung jetzt genauer ermitteln. Roßbach: „Um zu sehen, wer in den kommenden Jahren in die Rentenversicherung hineinwandert, haben wir ein großes Projekt gestartet, LEA, „Lebensverläufe und Altersvorsorge““, sagte sie. Fast 10.000 Menschen habe die Rentenversicherung in Kooperation mit dem Bundesarbeitsministerium befragen lassen. „Wir sehen uns unter anderem die Lebensverläufe und die Anwartschaften in den unterschiedlichen Alterssicherungssystemen an“, sagte Roßbach. „Wir erhoffen uns viele gute, fundierte Antworten, auch über die besonderen Risiken, über die Frage, was uns in den nächsten 15, 20 Jahren erwartet.“ 

Jeder fünfte Neurentner bis 2036 ist bedroht von Armut – das ist das Szenario einer Studie.

Stadt - Land: So groß ist der Unterschied

Im Freistaat Bayern reicht die Bandbreite der durchschnittlichen Quadratmeterpreise bei den Mieten (kalt) von 4,52 Euro im Landkreis Freyung-Grafenau bis 17,27 Euro in der Stadt München.

Landkreis Freyung-Grafenau - hier lebt es sich besonders günstig

Der östlichste bayerische Landkreis Freyung-Grafenau bringt mit seinen drei Städten (auf dem Foto Grafenau) und den zahlreichen Märkten und Gemeinden gerade mal knapp 80.000 Einwohner zusammen. Hier punktet Niederbayern mit Natur und Nationalparks – wirtschaftlich soll es zu den Regionen mit „Zukunftsrisiken“ gehören (Zukunftsatlas 2016) – wobei die Arbeitslosenquote 2017 auf 3 Prozent zurückgegangen ist. Der Landkreis zählt zu den zehn günstigsten in ganz Deutschland. 4,52 Euro Kaltmiete zahlt man für einen Quadratmeter im Schnitt. Eine „exklusiv ausgestattete 5,5-Zimmer-Wohung (200 qm) mit Dachterrasse, Garage, rollstuhlgerecht“ wäre gerade für 850 Euro zu haben. Rentner in Freyung ärgern sich z. B. über den Preis für die Busfahrt nach Passau, 40 Kilometer entfernt. Die kostet 7,50 Euro – einen Seniorentarif gibt’s dafür nicht.

Die niederbayerische Stadt Grafenau im Bayerischen Wald.

Das teuerste Pflaster in Bayern 

Die Bayern-Metropole ist nicht nur im Vergleich mit Niederbayern ein horrend teures Pflaster: München schlägt in Sachen Kosten regelmäßig auch andere deutschen Großstädte. Bei den Quadratmeterpreisen für Mietwohnungen liegt die Landeshauptstadt mit im Schnitt 17,27 Euro an der Spitze (Quelle: Südbayerische Immobilien). Miete, Strom, Essen, Kleidung und Gesundheitskosten sind in München laut einer Prognos-Studie 30 Prozent teurer als im Bundesschnitt. 2016 gab es hier eine Viertelmillion über 66-Jährige. 40 Prozent äußerten bei einer Umfrage der Stadt die „Angst, sozial abzurutschen“. Rund 20.000 Münchner beziehen Grundsicherung im Alter. Das Rentenniveau ist in der reichen Stadt nicht überdurchschnittlich: Neben den Gutverdienern gibt es eben auch viele Geringverdiener in Minijobs, in der Gastronomie, im Bau- und Reinigungsgewerbe. 

Renten-Paradies Österreich?

14 Monatsrenten, höhere Auszahlungen und eine Mindestrente: Österreich gilt vielen als leuchtendes Beispiel, was die Versorgung seiner Ruheständler angeht. Lesen Sie den Faktencheck Renten-Paradies Österreich bei Merkur.de*.

Die Rente mit 63 boomt: Das müssen Sie wissen

BW


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