Tausch-Spekulationen

Grüne meiden neue K-Frage - oder kommt nun womöglich Habeck statt Baerbock?

  • Cindy Boden
    VonCindy Boden
    schließen

Sollten die Grünen lieber Robert Habeck statt Annalena Baerbock ins Rennen um das Kanzleramt schicken? Eine Politikwissenschaftlerin erklärt, was das für die Partei bedeuten könnte.

München – „Wir werden die Fehler abstellen“, rief der Grünen-Chef Robert Habeck im Juni den Anhängern auf dem Parteitag zu. Verspätet gemeldete Sonderzahlungen und ein korrigierter Lebenslauf von Annalena Baerbock prägten da schon die Debatte um die Grünen-Kanzlerkandidatin.

Doch kurze Zeit später rauschte der nächste Ärger um die Ecke: die Plagiatsvorwürfe zu Baerbocks Buch. Nun muss sie sich Kommentare in manchen Medien gefallen lassen, die Co-Chef Habeck als Kandidat an die Wahlkampf-Front rufen. Die taz-Kommentatorin, Silke Mertins, wurde schon von Grünen attackiert. Jürgen Trittin reagierte in einer Auseinandersetzung auf Twitter: „So was lese ich sonst nur von rechten Trollen.“

Grüne: Lieber Habeck statt Baerbock? Für Politikwissenschaftlerin „blanker Unsinn“

Auch innerhalb der Partei wächst laut FAZ die Unruhe. Eine Civey-Umfrage vom Wochenende dürfte ihren Beitrag leisten: Demnach sagen 61 Prozent der Wähler, die Grünen hätten sich mit Baerbock in der Kanzlerkandidaten-Frage für die falsche Person entschieden. Jedoch sind solche Befragungen Momentaufnahmen, die nicht überhöht werden sollten.

Bundesgeschäftsführer Michael Kellner winkt jedenfalls bei den Tausch-Spekulationen ab: Das „gemeinsame Team Grün“ stehe „klar und deutlich hinter Annalena Baerbock“. Daran ändere sich auch nichts, betonte er am Montag.

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen und ihr Stellvertreter Robert Habeck.

Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung, hält einen Wechsel für „blanken Unsinn“. Auch mit Habeck bliebe schlussendlich das Problem, wie die Partei zukünftig mit Fehlern umgehe. „Dann wäre endgültig programmiert, dass die Grünen ganz massiv verlieren“, glaubt Münch mit Blick auf die Umfragen. Aktuell liegt die Partei bei um die 20 Prozent. Im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 weiter eine deutliche Steigerung.

Bundestagswahl 2021: Robert Habeck doch Kanzlerkandidat der Grünen? Laut Grundgesetz möglich

Sollte Habeck dennoch antreten, wäre klar, dass auch er gründlich durchleuchtet wird. Sein Buch von Anfang 2021 „Von hier an anders“ könnte etwa Plagiatsjägern in die Hände fallen. Außerdem müsste er zügig einen Weg finden, dem Image des „Notbehelfs“ zu entschwinden. Für Baerbock wäre die Auswechslung karrieretechnisch vorerst desaströs. Und auch organisationstechnisch käme auf die Grünen ein großer Kraftakt zu: neue Planung, neues Team, neue Kampagne. Einfacher würde es nach einem Tausch vermutlich nicht werden, vermutet auch Expertin Münch. „Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass die Grünen das tun.“ Denn auch die Diskussion in der Partei um die Stellung von Frauen könnte wieder aufbrechen.

Nichtsdestotrotz ist eine Neuaufstellung jederzeit möglich. Denn dem Grundgesetz ist das Konzept des Kanzlerkandidaten fremd. Wichtige Voraussetzung natürlich: Habeck muss wollen. Schnell ertönen bei solchen Überlegungen seine Sätze aus der Zeit in den Ohren, vom Tag der Baerbock-Kür. Als „bittersüß“ charakterisierte er ihn und unterstrich, wie gern er sich an der Spitze sah.

Momentan schaut er eher zu, hält sich vorerst in der Diskussion öffentlich bedeckt. Intern sollen laut Welt Parteizentrale und Baerbocks Bundestagsbüro aber schon mit dem Finger aufeinander zeigen, wer denn nun für die Fehler verantwortlich ist.

Grünen-Abgeordnete versuchen nun verstärkt, den Wahlkampfzug mit der Aufschrift „Inhalt“ zu versehen. So wird es vermutlich auch Habeck ab kommender Woche bei seiner „Küstentour“ in Schleswig-Holstein machen, wenn Interessierte ihn fragen: „Wann übernehmen Sie?“ (cibo)

Rubriklistenbild: © Felix Zahn/photothek.net/imago-images

Auch interessant

Kommentare