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Viel Jubel für Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckhardt.

Grüne feiern ihre Spitzenkandidaten

Hannover - So viel Freude gab es in jüngster Zeit auf Grünen- Parteitag en selten. Das Spitzenduo Göring-Eckardt und Trittin entfacht einen Jubelsturm der Delegierten. Jetzt müssen nur noch die Beschlüsse zum Kurs der Parteispitze passen.

Katrin Göring-Eckardt wischt auf dem Grünen-Parteitag mit einer Rede voller Verheißungen Zweifel in der Partei weg - und wird von der Basis gefeiert. Selbstbewusstsein ist angesagt bei den Grünen, wenn es nach der 46-Jährigen geht. Mit Verve schiebt sie Spekulationen über Schwarz-Grün beiseite, und sorgt damit für Erleichterung bei den Delegierten. Göring-Eckardt zeigt: Sie kann Wahlkampf, auch gegen die CDU. Sie ebnet rhetorisch Widersprüche zwischen neuer Bürgerlichkeit und linkem Programm ein - und wirbt für nichts Geringeres als „einen neuen, großen Aufbruch für diese Gesellschaft“.

Mit der Union regieren? „Wir wollen Eure Wähler“, stellt Göring-Eckardt klar. „Aber mit Euch regieren wollen wir nicht.“ Harte Attacken reiten Göring-Eckardt und der andere Spitzenkandidat Jürgen Trittin gegen die schwarz-gelben Führungsleute. Das Betreuungsgeld gebe es doch nur wegen CSU-Chef Horst Seehofer, meint Göring-Eckardt. „Bald sollen zwei Milliarden direkt in die Betreuung eines einzelnen bayerischen Ministerpräsidenten investiert werden.“ Sie setzt ihr Image als Vorkämpferin für die Ärmsten dagegen. Die Grünen fragten eben auch: „Wie geht's eigentlich denen, die ganz draußen sind?“

Trittin frohlockt: „Es gibt gesellschaftliche Mehrheiten für den grünen Wandel.“ Die Mitte sei nicht mehr bei der Union beheimatet. „Es ist eine linke Mitte, es ist die grüne Mitte, die es in Deutschland gibt.“ Gegen Angela Merkel wettert er: „Nur, weil Sie sich zwischen Crazy Horst und Rainer Brüderle stellen, sind Sie noch keine Kraft der Mitte.“

Ist also alles wie 1998, als Rot-Grün vielen wie ein politisches Projekts vorkam? „Andere reden transparent - Grüne leben transparent“, sagt Trittin. Das kann auch als Spitze gegen den designierten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und seine Nebeneinkünfte verstanden werden. Richtig glücklich sind mit Steinbrück bei den Grünen - Stand heute - die wenigsten. Kirchenfrau Göring-Eckardt nimmt sich die Aufforderung von SPD-Chef Sigmar Gabriel nach einem Bekenntnis der Grünen zur SPD vor. „Bekenntnisse gibt's nur in der Kirche.“

Abtritt des Duos unter Musik, rhythmischem Klatschen und Fahnenschwenken. Doch nun kommt die Arbeit. Eine Korrektur der rot-grünen Agenda 2010 wollen die Grünen am Samstag beschließen. Das Ziel der Regierungstauglichkeit wollen sie nicht aus den Augen verlieren.

Wie links sind die Grünen konkret? Die Parteitagsregie versucht bis zur letzten Minute, allzu linke Sozialbeschlüsse in Verhandlungen hinter verschlossener Tür zu verhindern.

Unter Trittins Federführung haben die Experten der Partei schon im vergangenen Jahr viel gerechnet: Rund zwölf Milliarden Euro wollen sie pro Jahr unter anderem mit einem höheren Spitzensteuersatz und einer Abgabe von 1,5 Prozent auf das Vermögen Wohlhabender erzielen. Viel wolle man erreichen. „Das geht nur, wenn man auch den Mut hat, Besitzstände anzugreifen“, sagt Trittin.

Steigen soll der Hartz-IV-Satz. Die Führung wollte zunächst nur eine Erhöhung von 374 auf mindestens 391 Euro. Doch hinter den Kulissen kam sie Sozialpolitikern entgegen, die mehr fordern. Nun sollen es wohl schon bald nach einem Wahlsieg im nächsten Jahr 420 Euro werden. Oder sollen es doch mehr als 470 Euro sein, wie die Berliner Grünen aus Friedrichshain-Kreuzberg fordern? Das wäre ein symbolträchtiger Linksschwenk. Spannend wird auch, ob die Grünen die Rente mit 67 wieder zurückdrehen und das Rentenniveau auf mehr als 50 Prozent anheben wollen.

Ist die Schwarz-Grün-Debatte endgültig eingefangen? Das kommt auf die Umfragen und dann auf das Wahlergebnis im Herbst 2013 an. Parteichef Cem Özdemir ruft zu einem verstärkten Kampf um Wähler auf. „Auch die Genossinnen und Genossen müssen bitte eine Schippe zulegen.“ Wenn es nicht reiche am Ende, müsse man eben anhand der Inhalte entscheiden, referiert der Tübinger OB Boris Palmer die Beschlusslage der Partei. Manchen dürfte selbst das jetzt zu schwarz-grün klingen.

Lange ist es her, dass der frühere Leitwolf und Machtarchitekt Joschka Fischer die Grünen auf Kurs trimmte. Während sich die Partei in Hannover die Köpfe heißredete, saß er mit Basecap in einem feinen Café in Berlin-Wilmersdorf, vertieft in ein Gespräch.

dpa

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