Doch Umfrage ergibt verheerendes Bild

„Sie hat mehr Substanz“: Grüne arbeiten am Wahl-Wunder - Indizien für eine neue KanzlerIN?

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
    schließen

Sollte die Union im Wahlkampf taumeln - die Grünen hätten wohl die besten Chancen aufs Kanzleramt. Die Partei ist in der Offensive. Vorne dran: Annalena Baerbock.

  • Das Bundestags-Wahljahr 2021 steht vor der Tür - doch bei den Spitzenkandidaten sind noch viele Fragen offen.
  • Nicht nur die Union, auch die Grünen suchen noch das Aushängeschild für den Wahlkampf. Und eventuell den oder die neue Kanzler/in.
  • Zuletzt stellte sich Annalena Baerbock stärker in den Vordergrund. Von der Konkurrenz gibt es Lob. Doch eine Umfrage ergibt ein recht verheerendes Bild.

Berlin/Stuttgart - Nicht einmal neun Monate vor der einschneidenden Bundestagswahl 2021 gibt es vor allem: viele offene Fragen. Klar ist, dass Angela Merkel nach 16 Jahren das Zepter abgeben wird. Klar ist auch, dass die SPD Vizekanzler Olaf Scholz ins Rennen ums Kanzleramt schicken wird. Doch so bitter das für die Sozialdemokraten ist - mit der Frage nach dem oder der neuen Kanzler/in wird diese frühe Festlegung wohl nichts zu tun haben.

Getroffen wird die Entscheidung über Deutschlands neuen Regierungschef formal natürlich vom Bundestag - und zuvor indirekt von den Wählern im Land. Doch wenn die Corona-Krise das Land nicht noch einmal komplett durcheinander wirbelt, dann dürfte die Vorentscheidung über die Neubesetzung des Kanzleramtes entweder beim nahenden CDU-Parteitag und in den folgenden Debatten der Unionsparteien getroffen werden. Oder, wer weiß, von den Grünen. Die haben sich in den vergangenen Tagen wieder stärker ins Gespräch gebracht. Allen voran eine mögliche neue Kanzlerin: Annalena Baerbock.

Grüne im Wahljahr: Baerbock „traut sich das Kanzleramt zu“ - Partei stellt Weichen

„Ja, ich traue auch mir das Kanzleramt zu“, sagte Baerbock kurz vor Weihnachten der Bild am Sonntag. Gleiches gelte allerdings auch für ihren Co-Vorsitzenden Robert Habeck. Sie traue auch „Robert Kanzler zu“, betonte die Grüne. Und bemühte sich, Zweiflern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Niemand ist als Kanzler vom Himmel gefallen“, hob sie hervor. „Alle müssten im Amt dazulernen.“ Auch ein offener Umgang mit Fehlern, eine plakative Fehlbarkeit, dürfte zum neuen Grünen-Profil gehören - unlängst räumte Baerbock auch eine Fehleinschätzung ihrer Partei bei der Pflege-Situation in den Krankenhäusern ein.

Ganz neu ist das nicht. Ihren Anspruch auf das oberste Regierungsamt im Land hatte die einstige Öko-Partei schon vor Wochen formuliert. In klaren Worten vor dem eigenen Parteitag - und in einer recht denkwürdigen Inszenierung bei selbigem: Baerbock sprach damals in weißem Outfit vor tiefschwarzer Kulisse. Und in auffällig staatstragendem Duktus. Die Bilder aus dem Berliner Tempodrom trafen damals auch auf Spott. Aber die teils skurrile Szenerie mit den beiden Grünen-Chefs im inszenierten Neo-Biedermeier-Wohnzimmer erreichte zumindest einen Zweck: Sie war Gesprächsthema.

Sich als „lernfähig“ und zugleich regierungstauglich in Szene zu setzen zählte im Dezember ohnehin offenkundig zu den großen Anliegen der Grünen. Baerbock sprach sich - eigentlich einem Kulturbruch mit den Parteiwurzeln gleichkommend, aber auch Grundvoraussetzung für eine schwarz-grüne Koalition - für größere Rüstungsausgaben aus. Am Montag legte die Partei ein Konzept für den Schienenverkehr in Deutschland nach. Auch für eine Oppositionspartei nichts Ungewöhnliches. Beobachter lasen dennoch schon einen Plan für ein „grün besetztes Verkehrsministerium“ heraus.

Nach Angela Merkel: Grüne als Kanzlerpartei? Kretschmann warnt schon mal vor Rot-Rot-Grün

Ein klares Bekenntnis lieferte zwischen den Jahren auch der bislang einzige Regierungschef der Grünen in Deutschland, Winfried Kretschmann. „Wenn die Möglichkeit da ist, sollten wir das machen. Alles andere wäre ja auch höchst verwunderlich“, sagte er der dpa mit Blick auf einen möglichen Grünen-Einzug ins Kanzleramt.

Doch da beginnen auch schon die Probleme. Denn auch wenn denkbar scheint, dass angesichts von Impf-Miseren und Corona-Streitigkeiten die Grünen ihre Oppositionsrolle wieder in höhere Ergebnis-Regionen trägt - eine Koalition wird für die Regierungsbildung schon nötig sein. Kretschmann warnte indirekt vor einem möglichen rot-rot-grünen Bündnis. Auch diese Option sollte ausgelotet werden, erklärte Kretschmann betont zurückhaltend - und forderte eine „stabile“ Koalition im Bund ein. „Es ist bekannt, dass ich nicht so viel von dieser Konstellation halte, aber ich halte auch nichts von Ausschließeritis.“

Andere Interessen hat in dieser Frage selbstverständlich die Linke. Doch deren scheidende Parteichefin Katja Kipping gab den Grünen am Dienstag (29. Dezember) auch eine durchaus bemerkenswerte Warnung mit auf den Weg. „Am Ende werden sich die Grünen von Fridays For Future harte Fragen gefallen lassen müssen“, sagte sie der taz in einem Interview. Sollte sich die Partei für Schwarz-Grün entscheiden, könnten „vier weitere Jahre für den Klimaschutz verloren“ sein: „Dann sind die Grünen in echter Erklärungsnot.“ Angela Merkels Klimapolitik erntete zuletzt harsche Kritik. Und auch die schwarz-grüne Regierung in Hessen fiel bei Umweltschützern in 2020 durch.

Kanzlerin Annalena Baerbock? Kipping sieht bei Grünen-Chefin „mehr Substanz“ als bei Habeck

Auch bei der grünen K-Frage deutete Kipping eine Präferenz an. „Annalena hat stark aufgeholt in den letzten Monaten“, urteilte sie. „Eigentlich sagen alle: Robert Habeck ist der Bekanntere, sie ist diejenige mit mehr Substanz.“ In den sozialen Netzwerken war Baerbocks Ankündigung hingegen - etwa mit Verweis auf frühere TV-Versprecher - teils belächelt worden. Allerdings wohl größtenteils in eher Grünen-fernen Klientelen. Zugleich fanden sich aber auch Fürsprecher.

Wer es letztlich wird, das könnten die Grünen womöglich auch vom Ausgang des Unions-Rennens um die Kanzlerkandidatur abhängig machen. Denn mit der Kür des „schwarzen“ Spitzenkandidaten dürfte auch der Ton für den Wahlkampf gesetzt werden. Es könnte darum gehen, Friedrich Merz oder Markus Söder die politische Mitte abspenstig zu machen. Oder darum, sich von einem zentristischeren Kandidaten wie Armin Laschet oder Norbert Röttgen durch gezielte Akzente abzusetzen.

Annalena Baerbock (Grüne): Umfrage ergibt verheerendes Kanzler-Bild

Vielleicht ja aus diesem Grund wollen die Grünen ihren Spitzenkandidaten oder ihre Spitzenkandidatin erst nächstes Jahr küren. Baerbock würde sich jedenfalls gerüstet fühlen. Sie habe die Nervenstärke, die Verhandlungsausdauer, die psychischen und physischen Kräfte für das Kanzleramt, erklärte sie der BamS. „Ja, diese Faktoren braucht man alle. Und glauben Sie mir: Drei Jahre als Parteichefin, Abgeordnete und Mutter kleiner Kinder stählen ziemlich.“

Einen Dämpfer muss Baerbock allerdings auch hinnehmen: In einer Online-Umfrage des Instituts Civey - nach Angaben der Demoskopen repräsentativ - stellen die Deutschen der Grünen ein übles Kanzler-Zeugnis aus: 51,5 Prozent der Teilnehmer der fortlaufenden Erhebung erklärten, sie hielten Baerbock „auf keinen Fall“ für eine gute Kanzlerin. Nur 8,7 Prozent gaben an, Baerbock sei das „auf jeden Fall“. (fn mit Material von dpa)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

Auch interessant

Kommentare