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Rhetorisch haushoch überlegen? Habeck verblüfft mit neuem Stil - und lässt Scholz blass aussehen

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Von: Stephanie Munk

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Locker unterwegs: Robert Habeck steht für einen modernen Politiker-Typ.
Locker unterwegs: Robert Habeck steht für einen modernen Politiker-Typ. © Michael Kappeler/dpa

Vize-Kanzler Robert Habeck schafft es während der Ukraine-Krise wie kaum ein anderer, seine Politik zu erklären. Damit kann er beim Volk punkten - und ist der krasse Gegensatz zu Scholz.

Berlin - „Wenn Olaf Scholz anfangen würde, wie Robert Habeck zu reden, würden alle denken, es sei Karneval“, sagte SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert am Samstag (21. Mai) in einem Interview mit der Rheinischen Post. Und es stimmt: Deutschlands Kanzler und sein Vize-Kanzler könnten in ihrer Kommunikation unterschiedlicher nicht sein. Allerdings kommt nur einer von ihnen derzeit richtig gut an bei den Deutschen - nämlich Robert Habeck.

Olaf Scholz setzt auf einen sehr klassischen Kommunikationsstil: Sachlich, nüchtern, ohne große Emotionen - selbst bei sehr dramatischen Themen wie dem Ukraine-Konflikt. Kritiker sagen: Seine Auftritte wirken steif und inhaltsleer. Robert Habeck dagegen erscheint empathisch, locker und bodenständig. Angst vor Gefühlen hat er keine: In TV-Talks zeigte er sich nicht nur einmal den Tränen nahe.

Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt: Habeck kommt in der derzeitigen Krise besser an. Der Grünen-Wirtschaftsminister ist laut ZDF-Politbarometer vom 20. Mai das beliebteste Mitglied der Bundesregierung - weit beliebter als SPD-Politiker Olaf Scholz. Und das liegt auch an seiner neuen Art der Politik.

Robert Habeck: Er gibt sich wie einer von uns - nur mit mehr Verantwortung auf den Schultern

Besonders deutlich wurde das in einem Video, das Habeck postete, kurz bevor der Bundestag sein historisches Go zur Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gab. Der 52-Jährige redete auf einem Balkon des Parlaments in die Kamera - und zwar so, als ob er einem gerade persönlich erkläre, welche inneren Kämpfe er austrägt.

Habeck schilderte seine Zerrissenheit, plauderte anschaulich über eine Reise nach Mariupol vor einem Jahr, erinnerte sich an Menschen, denen er dort begegnete, gab sich menschlich und fehlbar. Wie einer von uns, nur mit hunderten Tonnen mehr Verantwortung auf den Schultern.

Robert Habeck und Olaf Scholz: „Scholzomat“ versus Rhetorik-Vorbild

Das ist typisch für Habeck: In seinen Auftritten versucht er meist, sich und seine Positionen zu erklären. Er spricht offen und nachvollziehbar, einfach frei von der Leber weg. Bei Scholz dagegen wirken auch emotionale Worte oft wie vom Manuskript abgelesen. Er verkörpert Sachlichkeit und Ausgewogenheit, wirkt dabei aber oft vage und inhaltsleer, was ihm in der großen Krise des Ukraine-Kriegs auch viel Kritik einbringt. Neben seinem Vize-Kanzler sieht Scholz oft blass aus.

Während der emotionslose Kanzler deshalb auch längst den Spitznamen „Scholzomat“ trägt, wird Habeck sogar mit großen Poeten wird verglichen. In einem Artikel der Welt heißt es, Habeck wirke wie ein „später Schüler Heinrich von Kleists“, er beherrsche die Kunst der „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Der Spiegel hat jüngst einen Artikel mit dem Titel „Warum wirkt Robert Habeck auf viele wie der bessere Kanzler?“ veröffentlicht. Darin heißt es, Habeck werde in Berlin der „Kommunikationskanzler“ genannt. Seine Auftritte würden in Rhetorikseminaren als Anschauungsmaterial gezeigt, weil sie so nahbar und menschlich seien. „Scholz kommt höchstens als Negativbeispiel vor“, behauptet das Blatt.

Robert Habeck: Lässigkeit wird auf Twitter gefeiert

Auch auf Twitter wird Habeck regelmäßig gefeiert. Jüngstes Beispiel: Ein Foto, auf dem der Wirtschaftsminister auf dem Boden eines Bahnsteigs sitzt - im Schneidersitz, auf dem Handy scrollend. Bis auf die Tatsache, dass Habeck einen Anzug trägt, könnte so auch ein Gymnasiast auf eine verspätete S-Bahn warten. Das kommt gut an: „Genauso einen Politiker wünsche ich mir. Authentisch, ehrlich, ehrgeizig“, lautet ein Kommentar unter dem Bild. Ein anderer: „Er ist definitiv einer der wenigen in Berlin, der sich auf dem Boden der Tatsachen bewegt.“

Robert Habeck: Er wurde schon als „Frauenschwarm-Politiker“ bezeichnet

Auch modisch fällt Habeck immer wieder auf. Ob mit Jutebeutel im Bundestag, mit hochgekrempelten Ärmeln und ohne Krawatte: Der Vize-Kanzler sticht heraus unter den gewöhnlichen Anzugträgern. Dass der vierfache Vater am Donnerstag (19. Mai) mit weißen T-Shirt unterm dunkelblauen Sakko im Bundestag saß, ist der dpa sogar eine Meldung wert mit der Überschrift „Habeck leger im T-Shirt im Bundestag“. Die Bild bezeichnete den Flensburger 2018 als „Frauenschwarm-Politiker“ und schwärmte: „Mit dem gepflegten Dreitagebart, seiner verwuschelten Out-of-Bed-Frisur sieht er aus wie ein Mix aus George Clooney und Campino von ,Die Toten Hosen‘.“

Ungewohntes Bild für einen Spitzenpolitiker: Robert Habeck geht barfuß durchs Watt.
Ungewohntes Bild für einen Spitzenpolitiker: Robert Habeck geht barfuß durchs Watt. © Frank Molter/dpa

Zwar tritt auch Scholz legerer auf wie es Spitzenpolitiker der Vergangenheit taten - zum Beispiel bei seiner ersten Reise als Kanzler nach Washington, als er im grau-melierten Rundhals-Pulli à la Til Schweiger im Flugzeug saß. Doch mit großem Charisma wird der Norddeutsche wohl nie glänzen können, das glaubt auch SPD-Politiker Kevin Kühnert. Scholz sei „mit seiner hanseatischen Nüchternheit eine Marke“, sagte er zur Rheinischen Post. Jeder Politiker habe eben seine Eigenheiten, genauso wie andere Berühmtheiten: „Ich kann Heino nicht die Sonnenbrille wegnehmen und Udo Lindenberg nicht den Hut.“ (smu mit Material von dpa)

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