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40 Prozent aller Asylbewerber stammen vom Westbalkan: Wie diese Flüchtlinge aus dem Kosovo bei ihrer Ankunft in einer Notunterkunft in Raubling (Landkreis Rosenheim).

Konzept zur Flüchtlingspolitik

Grüne wollen "Kosovaren ausbilden"

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München - Die Grünen wollen Asylbewerber aus den Balkanstaaten in die bayerische Wirtschaft integrieren - mit Hilfe der CSU. Wie das funktionieren soll, erklärt Ludwig Hartmann im Interview.

40 Prozent aller Asylbewerber stammen aus Ländern des Westbalkans. Sie kommen zwar nicht als Kriegsopfer, flüchten aber vor teils bitterer Armut. Ihre Chancen auf Anerkennung gehen gegen Null. Die Grünen haben nun ein Konzept entwickelt, wie man den Ländern mittelfristig helfen kann und gleichzeitig noch bayerische Unternehmen unterstützen. „Partnerschaft für Ausbildung und Wissenstransfer“, lautet der etwas sperrige Titel. Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, will dafür auch die CSU ins Boot holen.

Herr Hartmann, derzeit wird in der Debatte zwischen „guten“ und „schlechten“ Flüchtlingen unterschieden. Ist das berechtigt?

Wir sollten über jeden froh sein, der es schafft, lebend dem IS-Terror in Syrien oder dem Nordirak zu entfliehen. Auf dem Westbalkan ist die Situation natürlich anders. Trotzdem sollte man die Probleme dort nicht unterschätzen. Die CSU verwendet leider viel Kraft darauf, Ideen zu entwickeln, wie man Menschen vom Westbalkan nicht helfen kann. Ich denke, wir sollten unsere Kraft nutzen, um zu helfen. Und zwar vor Ort.

Warum halten Sie die Situation auf dem Balkan für bedenklich?

Im Kosovo lebt mehr als die Hälfte der Menschen von weniger als 1,50 Euro am Tag. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent. Da gibt es eine ganze Generation ohne Perspektive – und das in einem Land, in dem vor 15 Jahren noch Krieg herrschte. Das kann mittelfristig wieder gefährlich werden. Deshalb dürfen wir uns nicht abschotten, sondern müssen vor Ort helfen. Wir müssen das Land stabilisieren.

Wie?

Wir möchten junge Menschen bei uns ausbilden, die dann später ihr Wissen in der Heimat anwenden und weitergeben. Das bringt beidseitig einen Vorteil: Wir lindern dort die Fluchtursachen. Und wir füllen zumindest teilweise die für 2015 prognostizierten 5000 unbesetzten Lehrstellen in Bayern.

Wie soll das genau ablaufen?

Mit Anwerbezentren vor Ort in Zusammenarbeit mit den Kammern. Geeignete Bewerber zwischen 18 und 30 Jahren bekommen dann Arbeitsvisa, machen eine dreijährige Ausbildung und arbeiten danach zwei Jahre weiter – sonst lohnt sich das für die deutschen Betriebe nicht. Nach insgesamt fünf Jahren gehen sie zurück in ihre Heimat und leisten mit ihrem Wissen Aufbauhilfe.

Wie lösen Sie die Sprachprobleme?

Es gibt auf dem Balkan viele junge Menschen, die während der Kriegsjahre und eine Zeit danach schon hier gelebt haben und deutsch können. Andere müssen einen Crashkurs machen. Da hat etwa die Otto-Benecke-Stiftung bei Spätaussiedlern gute Programme aufgelegt, die man wieder aufleben lassen könnte. Ohne Sprache geht es nicht.

Wer soll das alles organisieren?

Uns schwebt eine Dreiteilung vor: die Betriebe, die Kammern und der Freistaat. Der muss sich auch um die entsprechende Ausstattung der Berufsschulen kümmern.

Und Sie glauben, dass sich eine Weiterbeschäftigung von nur zwei Jahren für die Betriebe lohnt?

Das sagen uns zumindest die Kammern und die IHK. Und das Ziel ist ja, dass die jungen Menschen dann ihre Heimat mit aufbauen.

Mit Verlaub, Herr Hartmann: Die Grünen werden die ersten sein, die für einen super integrierten Kosovaren mit Arbeitsplatz, Freundin und Karriere im Fußballverein eine Mahnwache veranstalten.

(lacht) Niemals! Im Ernst: Der Balkan war jahrelang ein Pulverfass. Es gab einen blutigen Bürgerkrieg. Wir müssen diese Region stabil halten – und Stabilität gibt es nur mit wirtschaftlicher Perspektive. Dieses Programm sagt ganz klar: Es ist ein Aufenthalt auf Zeit. Und danach transferieren wir das Wissen in die Heimat. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe.

Auch viele EU-Länder haben hohe Arbeitslosigkeit: Griechenland, Spanien, Italien. Es kommen junge Syrer und Iraker, die als Asylbewerber anerkannt werden. Braucht die Wirtschaft die Auszubildenden vom Westbalkan wirklich?

Das eine schließt das andere nicht aus. Griechen oder Spanier können jetzt schon kommen – die Stellen sind trotzdem nicht besetzt. Für Irakis oder Syrer brauchen wir natürlich Arbeitsplätze, gerade weil sie dauerhaft bleiben. Wir reden beim Westbalkan von einem bestimmten Kontingent. Sagen wir 2000 bis 2500 Stellen. Da bleiben genug für andere übrig.

Die Grünen sind nur eine kleine Oppositionspartei. Wie wollen Sie eine Mehrheit bekommen?

Wir werden den Antrag gleich nach der Sommerpause einbringen. Ich sagen ganz offen: Wir wollen gemeinsam mit den anderen Parteien vorgehen, vorher Gespräche führen. Wir haben das Paket extra so geschrieben, dass es auch für die CSU zustimmungsfähig ist. Das ist ein erstes Angebot, bei Details sind wir verhandlungsbereit. In den vielen Asyldebatten vor der Sommerpause haben alle Parteien immer die Phrase vom „vor Ort helfen“ gebraucht. Jetzt gilt es, Farbe zu bekennen.

Sie glauben ernsthaft, dass die CSU zustimmt?

Wenn es ihr um die Sache geht: Ja. Uns ist klar, dass wir damit nicht alle Problem auf dem Balkan lösen. Aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Wir müssen einfach mal anfangen.

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