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Trump stoppen, die Welt retten: Nicht nur bei dieser Demo in Brüssel stößt der US-Präsident in Europa auf Ablehnung.

Grünen-Chef zu deutsch-amerikanischem Verhältnis

Özdemir im Interview: „Wir sind nicht die neue Weltmacht“

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Grünen-Chef Cem Özdemir warnt vor Anti-Amerikanismus. Im Interview mit dem Münchner Merkur erklärt er, was er stattdessen für richtig hält - und was er Gutes an Trump findet.

München – In Deutschland wächst der Unmut über US-Präsident Donald Trump. Nach den wenig harmonischen Gipfeln von G7 und Nato positionieren sich Union und SPD deutlicher gegen die neue US-Regierung. Grünen-Chef Cem Özdemir warnt derweil am Dienstag bei Twitter, der Ärger über Trump dürfe keine Einladung zu Anti-Amerikanismus sein. Im Interview erklärt Özdemir, welche Strategie er stattdessen für richtig hält – und ob er nun endlich ein Wahlkampfthema gefunden hat.

Herr Özdemir, nun warnt schon der Grünen-Chef Union und SPD vor Anti-Amerikanismus. Die Welt ist aus den Fugen.

(lacht) Ich wollte darauf hinweisen, dass die USA nicht nur aus dem Weißen Haus bestehen. Wir sollten Herrn Trump nicht den Gefallen tun, ihn mit dem ganzen Land gleichzusetzen. Die transatlantischen Beziehungen leben auch von gesellschaftlichen Verbindungen und politischer Zusammenarbeit jenseits von Berlin und Washington.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Der stimmt nicht ein ins große Wehklagen – sondern redet mit seinem Amtskollegen Jerry Brown aus dem US-Bundesstaat Kalifornien. Die Botschaft: Wir machen unser eigenes Klimaschutzabkommen und stoßen gemeinsam ein Klimaschutzbündnis an – trotz Trump im Weißen Haus.

Dürfte aber auch nichts bringen, wenn Trump nun das Abkommen von Paris aufkündigt.

Als Vorreiter im Klimaschutz fallen die USA leider vorerst aus. Trumps Versprechen, der heimischen Kohle zu altem Glanz zu verhelfen, wird sich schnell als unhaltbar erweisen – weil auch in den USA die Preise für erneuerbare Energien drastisch gesunken sind. Dennoch befürchte ich verlorene Jahre für den Kampf gegen den Klimawandel. Ungeachtet dessen gilt aber: Wir werden weiter auf Zusammenarbeit mit den USA angewiesen sein. Etwa im Anti-Terror-Kampf.

Die Überwachung durch die NSA, das Freihandelsabkommen TTIP – auch die Grünen kritisieren die US-Politik. Was denn nun?

Natürlich finden wir manches nicht gut. Aber die USA sind auch nicht die Wurzel allen Übels. Im Gegenteil: Es gibt dort Richter, die einen US-Präsidenten bremsen – wie beim Einreisestopp für Bürger aus sechs muslimisch geprägten Staaten. Es gibt dort Geheimdienstler, die vor Parlamentsausschüssen aussagen können. Nichts davon gibt es in Russland. Die USA sind eine Demokratie, in der das Parlament, die Gerichte und die Zivilgesellschaft die Macht von Präsident Trump einhegen können. Russland beispielsweise hat hingegen ein autoritäres Regime, das sich in Deutschland und ganz Europa ihm genehme Regierungen basteln will – in Washington, ist zu befürchten, mit Erfolg.

Fällt Ihnen auch etwas Gutes an Trump ein?

Indem er alles gnadenlos überzieht und jedes Klischee bedient, hat er auch dem letzten Skeptiker hier klargemacht, wie sehr die europäischen Staaten einander brauchen. Dass sich die EU-Staaten nun halbwegs zusammenraufen, hat sicher auch mit Trump zu tun. Und natürlich mit dem Brexit-Schock.

Cem Özdemir (51), Parteichef der Grünen

Die USA haben Deutschland beim Aufbau der Demokratie geholfen. Ist nun der Zeitpunkt gekommen, den Menschen in den USA beim Erhalt ihrer Demokratie zu helfen?

Absolut. Es wird eine Ära nach Trump geben und bis dahin müssen wir die progressiven Kräfte unterstützen. Wichtig ist deshalb auch, jetzt nicht abzuheben. Eine Überschrift wie „Die Anführerin der freien Welt trifft Donald Trump“ mag der Bundeskanzlerin gefallen. Aber wir Deutsche sollten nicht so tun, als wären wir die neue Weltmacht. Stattdessen sollten wir uns europäisch unterhaken – etwa mit dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Klingt nach Weltpolitik. Und als hätten Sie endlich ein Wahlkampfthema.

Ich wäre froh, wenn es dieses Thema nicht gäbe. Aber die Trump-Wahl hat noch einmal klargemacht, dass wir in Europa nationale Egoismen überwinden müssen.

Ein stärkeres Europa fordern auch Union und SPD. Martin Schulz geht sogar noch weiter und sagt: „Wir müssen uns Trump mit allem, was wir haben, in den Weg stellen.“ Gute Idee?

Die SPD tut, als würde sie nicht den Außenminister stellen. Bestes Beispiel dafür sind die Abschiebungen nach Afghanistan. Ein Teil der SPD lehnt diese Abschiebungen ab – und der andere Teil schafft die Voraussetzungen dafür. Gleichzeitig Regierung und Opposition zu sein, schafft in Deutschland nur eine Partei. Und das ist die CSU.

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