K-Frage der Grünen

„Der schmerzhafteste Tag - nichts wollte ich mehr“: Habeck nach Baerbock-Entscheidung zutiefst enttäuscht

  • Patrick Freiwah
    vonPatrick Freiwah
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Robert Habeck wäre prädestiniert als Kanzlerkandidat der Grünen. Realität wird dieses Szenario nicht. Der „Gescheiterte“ erklärt seine Gefühlslage und was er nun vor hat.

Berlin - Robert Habeck hat den Aufschwung der Grünen zum großen Teil mitzuverantworten. Als er gemeinsam mit Annalena Baerbock 2018 die Parteispitze übernahm, befanden sich die Umfragewerte weit unter jenen der heutigen Zeit, wo mittlerweile auch die Union überflügelt ist und es sich demzufolge offenbar, jedenfalls aktuell, um Deutschlands beliebteste Partei handelt.

Bei der Bundestagswahl 2021 wird jedoch nicht er als Kanzlerkandidat antreten, sondern seine gleichberechtigte Fraktionskollegin. In einem Interview mit der Zeit erklärt Habeck, was die Entscheidung zu seinen Ungunsten für ihn bedeutet und wie er sich seine künftige Rolle bei den Grünen vorstellt. „Bittersüß“ sei der Tag gewesen, als Parteigenossin Baerbock zur Kanzlerkandidatin gekürt wurde. Der 51-Jährige erläutert: „Ich bin nach Berlin gegangen, um die Partei in die Position zu bringen, dass sie den Kampf um die Kanzlerschaft führen kann. Jetzt schaffen wir das, das ist der süße Anteil“, so Habeck.

Habeck und die Grünen: Trotz „persönlicher Niederlage“ einen „politischen Sieg“ erringen

„Bitter“ sei indes, dass er den Kampf um das bedeutendste Amt nicht von der Spitze aus führt: „Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen. Und das werde ich nach diesem Wahlkampf nicht.“ Seine Kräfte will er nun auf die anstehenden Aufgaben im Hinblick auf die Bundestagswahl ausrichten: „Die Entscheidung nach außen vertreten und daraus, obwohl sie für mich eine persönliche Niederlage ist, einen politischen Sieg machen.“

Es gehe schließlich darum, auch abseits der Corona-Pandemie wichtige Themen in Deutschland anzugehen. Die Grünen hätten die Möglichkeit, „mit einem geschlossenen, klugen Wahlkampf das Kanzleramt zu erobern oder zumindest sehr, sehr stark zu werden. Und das ist größer als das, was man sich persönlich zutraut oder will“, glaubt Habeck.

Wie dringlich innerhalb der Partei die Entscheidungsfindung war, hätten laut Habeck jüngere Entwicklungen der deutschen Politik gezeigt: „Der Streit zwischen CDU und CSU, der Rücktritt von Andrea Nahles, im Herbst 2019 die Debatte um das Klimaschutzgesetz.“ Diese Aspekte bewogen die Grünen zur Klärung in der Kanzlerfrage, so der gebürtige Lübecker. Den letzten Ausschlag hätten Umfragewerte Ende des Jahres 2020 gegeben. Die Entscheidung zugunsten von Annalena Baerbock sei bereits vor Ostern gefallen, darum hatte Habeck etwas Zeit, das Ergebnis sacken zu lassen. Nichtsdestotrotz erklärt Habeck, dass es sich um den „schmerzhaftesten Tag meiner politischen Laufbahn“ gehandelt habe.

Dass sich die Fraktionskollegen für Baerbock entschieden, ist nicht überraschend: Schon bei der Wiederwahl der Parteispitze wurde deutlich, dass die jetzige Kanzlerkandidatin bei den Grünen noch mehr Rückhalt genießt.

Die Grünen: Habeck als Nummer zwei? Es geht um „politische Leidenschaft“ und „Kapazitäten“

Der Bundesvorsitzende der Partei äußert sich auch darüber, ob die Geschlechterfrage bei der Frage nach der Kanzlerkandidatur eine Rolle spielte: „Dass Annalena eine Frau ist in einem ansonsten männlichen Wahlkampf, war ein zentrales Kriterium“, erläutert Habeck und schließt nicht aus, dass es anders gekommen wäre, hätte eine der Volksparteien eine weibliche Kanzlerkandidatin ernannt. Im Hinblick auf einen anderen Aspekt platzte Parteikollege Cem Özdemir bei einem TV-Talk der Kragen.

Und wie sieht Robert Habeck seine neue Rolle als vermeintliche „Nummer zwei“ in der Partei? „Es ist ein Moment, der die Dinge neu formatiert. Wie das wird, ist noch nicht ganz klar. Ich will mich im Wahlkampf voll einbringen. Vielleicht, wenn die Impfungen vorangehen, gelingt es, wie im vorigen Sommer 4000 Leute auf den Marktplatz zu kriegen und politische Leidenschaft zu entfachen.“ Ein großes Augenmerk soll also dem Faktor öffentliche Auftritte gelten: „Nicht aufzutreten wäre auch nicht in Annalenas Sinn.“

Allerdings will er bei Bündnis 90/Die Grünen etwas in den Hintergrund rücken und „Kapazitäten abrufen“, wie Habeck in der Zeit ausführt: „Ich rechne fest damit, dass wir in die Regierung kommen. Ich habe mehrfach Koalitionsverhandlungen geführt und erfolgreich abgeschlossen, ich weiß also, wie das geht. Ich war in der Regierung, ich kann die grüne Programmatik auf Regierungstauglichkeit weiterentwickeln und abklopfen. Die öffentliche Aufmerksamkeit wird sich stärker auf Annalena konzentrieren.“ So war Baerbock kürzlich einem skurrilen TV-Interview ausgesetzt - worauf ProSieben Spott erntet. (PF)

Rubriklistenbild: © M. Popow/imago-images

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