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„Sie erhalten zu gegebener Zeit Antwort“: Der damalige Staatssekretär Günther Beckstein kurze Zeit nach dem Mauerfall mit einem mobilen Telefon und vor einer Mauer – allerdings nicht der historischen in Berlin. 

"Es klingelte das Sondertelefon"

Wie Günther Beckstein beim Mauerfall verloren ging

München - Der spätere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) war 1989 noch Staatssekretär im Innenministerium – und ging am 9. November für ein paar Stunden zwischen den beiden deutschen Staaten verloren.

Herr Beckstein, wie haben Sie vom Fall der Mauer erfahren?

Das war für mich eine ganz besondere Situation. Edmund Stoiber, mein Minister, war damals in Ungarn. Ich führte also die Geschäfte – als um 18.02 Uhr zum allerersten Mal das Sondertelefon klingelte.

Sondertelefon?

Das war eine spezielle Verbindung zu den Lagezentren und sollte nur in Ausnahmefällen benutzt werden. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass es sonst einmal zum Einsatz kam. An diesem Tag aber kam die Nachricht: In Berlin ist die Mauer auf. Ich habe gleich gefragt, was bei uns am Übergang in Hirschberg los ist.

Und?

Da war noch nichts bekannt. Also bin ich in die Bayernkaserne gerast und habe mich in einen Hubschrauber zur bayerisch-thüringischen Grenze gesetzt. Das war damals noch an der Interzonenautobahn.

Wie wurden Sie dort empfangen?

Ich habe ein Grenztelefonat vereinbart. Am anderen Ende der Leitung war eine Volkspolizistenstimme, wie man sie sich nicht besser vorstellen könnte: „Wir haben Ihren Anruf erhalten. Wir haben Ihren Anruf verstanden. Sie erhalten zu gegebener Zeit Antwort.“ (lacht)

Und wann war diese gegebene Zeit?

Es hat sich nichts gerührt. Also habe ich zwei, drei Mal angerufen – und jedes Mal diese Standardantwort bekommen. Dann habe ich mich – natürlich mit Polizeibegleitung – ins Auto gesetzt und bin nach Hirschberg hinübergefahren. Als ich dann drüben war, ist der Grenzübergang plötzlich geschlossen worden.

Das heißt?

Damals bestand die Grenze ja aus einem riesigen Bereich. Ich hing also stundenlang am Gebäude der DDR-Grenzer fest. Leider ging auch der Funk der bayerischen Polizei nicht mehr – für meine Leute galt ich als verschollen (lacht).

Aber einen Günther Beckstein hält man nicht so leicht auf, oder?

Ich habe versucht, mit zuständigen Stellen in Ost-Berlin zu sprechen. Aber die hatten gerade andere Sorgen. Irgendwann ist ein hoher Kommandierender gekommen und hat veranlasst, dass die Grenze geöffnet wird – und zwar für alle. Da habe ich erst gemerkt, dass auf der anderen Seite schon ganz viele Menschen warten. Die hatten in den Nachrichten die Bilder aus Berlin gesehen.

Sind Sie in die DDR gefahren oder nach Bayern?

Nach Bayern. Mit einem unendlichen Strom an Trabis und Wartburgs im Schlepptau. Auf der Brücke, die heute „Brücke der Einheit“ heißt, stand ein bayerisches Schild. Ich habe angehalten und die anderen auch. Dort sind wir uns alle in die Arme gefallen.

Hat man Sie erkannt?

Ein paar vielleicht. Aber es war allen klar, dass ich irgendwie ein offizieller Vertreter des Freistaats war. Das war ein wunderschönes, unmittelbares Erlebnis der Wiedervereinigung.

Wie war es in den Tagen danach? Viel Arbeit?

Es war der Wahnsinn! Auf all diesen Straßen, die eigentlich nicht dafür ausgelegt waren, kamen die DDR-Bürger mit ihren Trabis. Einige Übergänge mussten erst einmal für Fußgänger ertüchtigt werden. Dann wurden noch die Straßen provisorisch gerichtet.

Sind Sie auch mal in die DDR gefahren?

Ja, ich erinnere mich an eine Rede in Plauen. Ich habe nur den Satz gesagt: „Liebe Landsleute aus dem Vogtland“ – da brach ein unglaublicher Jubel los. Ich hatte zwei Jahre zuvor die Wahl als Nürnberger Oberbürgermeister verloren. Wäre ich damals in Plauen angetreten, hätte ich 110 Prozent bekommen (lacht). Das sind schon Erlebnisse, die man nie vergessen wird. Eine großartige Zeit!

Interview: Mike Schier

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