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Deutschland trauert um einen Mann, der die Politik des Landes geprägt hat: Guido Westerwelle ist im Alter von 54 Jahren seinem Krebsleiden erlegen.

FDP-Politiker und Ex-Außenminister starb an Krebs

Nachruf auf Guido Westerwelle: Tod eines Kämpfers

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Ein Leben wie im Zeitraffer: Guido Westerwelle schoss früh ganz nach oben. Er unterhielt, provozierte und spaltete, um tief zu fallen. Und dann kam der Krebs. Westerwelle lebte nur 54 Jahre – doch die Geschichten würden für 100 reichen.

Vielleicht eignet sich die Episode von der Musterung. Vielleicht erzählt sie am besten, warum Guido Westerwelle im Leben so weit gekommen ist. Warum er die Menschen überraschte, für sich einnahm, aber oft auch noch mehr gegen sich aufbrachte. Es ist eine kleine Geschichte über den außergewöhnlichen Menschen Guido Westerwelle, die wenig mit Politik zu tun hat und garantiert nichts mit Krebs.

Im Jahr 1979 also musste der Schüler Westerwelle vor das Musterungskomitee. Auf Bundeswehr aber hatte er keine Lust. Andere 17-Jährige aus gutem Hause wären in so einer Situation verschüchtert gewesen, voller Respekt jedenfalls. Der von Akne gezeichnete, eben erst der Pubertät entwachsene Jüngling aber erklärte den erstaunten Herren keck: „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich nicht gerne zur Bundeswehr möchte, weil ich homosexuell bin.“ Er werde die verdutzen Gesichter nie vergessen, hat Westerwelle später gerne erzählt. Die „freche Schnauze“ habe ihm den Wehrdienst erspart – seiner Karriere als Rechtsanwalt und Berufspolitiker stand nichts mehr im Wege.

Gudio Westerwelle ist tot! Die Nachricht schockt am frühen Freitagnachmittag das politische Berlin. Aus allen Parteien kommen Beileidsbekundungen. Sonst nüchterne Journalisten posten in sozialen Netzwerken Bilder von Interviews. Es ist der Respekt vor einem Mann, der gekämpft hat. Immer schon. Für die Liberalen, für Freiheitsrechte. Gegen jene, die zu sehr an den Staat glaubten. Später auch gegen parteiinterne Kritiker und den Niedergang seiner FDP. Nur im letzten Kampf seines Lebens konnte er nicht mehr auf seine wichtigste Waffe zurückgreifen. Der Krebs lässt sich selbst vom losesten Mundwerk nicht beeindrucken.

Die Diagnose traf Westerwelle wie ein Schlag. 17. Juni 2014. Eine Routine-Operation. Beim Joggen am Strand auf Mallorca hatte er sich ein halbes Jahr zuvor den Meniskus gerissen. Doch beim Blutbild tauchten Ungereimtheiten auf. Diagnose: akute Leukämie. Was folgte, hat Westerwelle in einem Buch aufgeschrieben. „Zwischen zwei Leben – von Liebe, Tod und Zuversicht“. Es erschien im vergangenen Herbst, als es so aussah, als dürfe man Hoffnung haben. Ein „Spiegel“-Titel, ein paar prominente TV-Auftritte. Lebenszeichen im wahrsten Sinne des Wortes. Der Mann, der einst jede Veranstaltung durcheinanderwirbelte, berichtete von Spaziergängen um den Teich. 20 Minuten. Die große Runde sogar 30. „Für mich sind das Erfolgserlebnisse, da möchten Sie anschließend ein Stück Torte essen.“

Demütig, verletzt, aber doch zuversichtlich und humorvoll. Es war dieser Umgang mit seiner Krankheit, der viele in Berlin und in der Bevölkerung mit Westerwelle versöhnte. Mit dem Mann, der Sozialhilfeempfängern „spätrömische Dekadenz“ unterstellt hatte oder sagte: „Es gibt kein Recht auf staatlich bezahlte Faulheit.“ Und irgendwann mal klarstellte: „Wenn ich nur populär hätte werden wollen, wäre ich Schlagersänger geworden.“

In seinen letzten Interviews sprach Westerwelle plötzlich von Fehlern. Es war die finale Häutung eines Mannes, der sich mehrfach neu erfand: vom jung-forschen Spaßpolitiker über den etwas größenwahnsinnigen Wahlkämpfer, den verzweifelt kämpfenden Parteichef bis zum seriösen Außenminister. Schon als sich der abgewählte Ex-Minister aus der Öffentlichkeit herausnahm, wurde das Bild von ihm ausgewogener. Mit der Krankheit und den Interviews respektierte man ihn plötzlich.

Was könnte man nicht alles erzählen über diesen Mann, der aus der Hauptstadt der alten Bundesrepublik kam, mit seinem Auftreten aber sinnbildlich für die neue Berliner Nach-Kohl-Ära stand. Unerschrocken wie bei seiner Musterung verwandelte er die FDP seines Ziehvaters Hans-Dietrich Genscher in eine moderne wirtschaftsliberale Partei. Immer war Westerwelle einer der Jüngsten, auch als er 2001 mit 39 Jahren Parteichef wurde. Er ging zu „Big Brother“, reiste mit dem „Guidomobil“ wahlkämpfend durchs Land. Irgendwo zwischen großartig und größenwahnsinnig. Stets nahe dran, seine eigene Karikatur zu werden. Den Gag mit der gelben 18 an den Schuhsohlen ist er nie mehr los geworden. Auch das ein Fehler, gab er später zu.

Sein größter Moment war vermutlich der Abend des 27. September 2009, als er sich im Thomas-Dehler-Haus von seiner Partei für historische 14,6 Prozent feiern ließ, dem besten Ergebnis der FDP bei einer Bundestagswahl. „Wir freuen uns, aber wir bleiben auf dem Teppich. Wir heben nicht ab“, rief der Parteichef in die euphorisierte Menge. Nun ja.

Es blieb ein kurzer Triumph. Auch weil sich Westerwelle einen Traum erfüllte. Außenminister wollte er werden, wie alle großen FDP-Politiker vor ihm. Dabei wäre es für seine Partei viel besser gewesen, wenn Westerwelle nach dem Finanzministerium gegriffen hätte. So aber brach die FDP viele Wahlversprechen und verlor auch außenpolitisch an Gewicht: In der aufkeimenden Eurokrise rückte neben der Kanzlerin plötzlich Wolfgang Schäuble ins Zentrum.

2011 hatte die Partei genug: Schlechte Wahlergebnisse und ein Streit um die von Westerwelle propagierte militärische Zurückhaltung in Libyen führten zum Bruch. Beim Parteitag am 13. Mai trat er nicht mehr an. Erstmals in seiner Karriere standen Jüngere bereit. Aber Philipp Rösler führte die Partei nur noch weiter ins Verderben, bis 2013 alle gemeinsam aus dem Bundestag flogen.

Westerwelle schien seltsam unbeteiligt. Er erfand sich neu. Fernab der innenpolitischen Keilereien wollte er große Politik machen und jene Beliebtheitswerte erreichen, die das Auswärtige Amt fast allen seinen Vorgängern beschert hatte. Er jettete um die Welt, sammelte moderne Kunst. Sabina Sakoh oder Jörg Immendorff. Seine Interviews, früher verbale Ereignisse, gerieten plötzlich zu staatstragenden Ereignissen. Umso mehr ließ sich der freiheitsliebende Westerwelle vom Arabischen Frühling begeistern – im Rückblick ein wenig zu optimistisch.

Bei seinen Auftritten im vergangenen Herbst klang Westerwelle, als liege dieses Leben eine Ewigkeit zurück. Plötzlich zählte anderes. Privates. Aber auch das war durchaus politisch: die Beziehung zu seinem Mann Michael Mronz. Noch ein Jahrzehnt zuvor hatte die CSU gewarnt, mit dem „Junggesellen aus Nordrhein-Westfalen“ könne man nichts gewinnen. Als der Druck größer wurde, entschloss er sich zum Outing. „Westerwelle liebt diesen Mann“, titelte die „Bild“. Dieser Mann ist bis zum Schluss an seiner Seite geblieben. So war auch die Krankheit mit einer politischen Botschaft verbunden. „Man sagt gleichgeschlechtlichen Ehen eine gewisse Oberflächlichkeit nach, weil schon das Wort homosexuell die Sexualität betont“, sagte der Schwerkranke dem „Spiegel“. Bei ihnen sei das nicht so. „Ich wusste das vorher, aber jetzt noch tausendmal mehr: Wir führen keine Ehe zweiter Klasse.“

Selten hat ein prominentes Paar so mit Klischees aufgeräumt. Doch die Auftritte bei den Jahresrückblicken im Dezember musste Westerwelle schon wieder absagen. Klinik wegen Medikamentenumstellung. Gestern veröffentlichte seine Stiftung auf ihrer Homepage ein Bild des Paars. Daneben steht: „Wir haben gekämpft. Wir hatten das Ziel vor Augen. Wir sind dankbar für eine unglaublich tolle gemeinsame Zeit. Die Liebe bleibt.“

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