+
Weltläufig ins Rampenlicht: Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg auf dem Times Square in New York .

Guttenbergs 100-Tage-Bilanz: Und übermorgen das Kanzleramt

Berlin - Karl-Theodor zu Guttenberg ist der neue Superstar der Union. Kaum hat der Wirtschaftsminister die ersten 100 Tage überstanden, wird er bereits für höhere Ämter gehandelt.

Statistisch betrachtet wäre es eigentlich an der Zeit, wieder einmal den Job zu wechseln. Immerhin war Karl-Theodor zu Guttenberg nur 100 Tage Generalsekretär der CSU , ehe er zum Bundeswirtschaftsminister befördert wurde. Nun sind wieder 100 Tage vorüber und Guttenberg wird bereits für höhere und höchste Ämter gehandelt.

Nicht genug, dass der 37-jährige Baron schon heute als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge von CSU-Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer gilt – Spekulationen, die Seehofer übrigens selbst befeuert. Politik-Propheten gehen sogar so weit, dem Jungstar Chancen auf eine Kanzlerkandidatur anzudichten. Immerhin dürfe die CSU ja etwa alle 20 Jahre den Kandidaten stellen und 2021 wäre Guttenberg „gerade mal 50 Jahre – sozusagen im besten Kanzleralter“, frohlockt das Magazin „Focus“.

Der Mann, auf den sich alle Blicke richten, vernimmt die Gerüchte mit Genuss, auch wenn er zu einer abwehrenden Handbewegung ansetzt. Zumindest was Publicity betrifft, hat Guttenberg schon jetzt mehr erreicht als die meisten seiner Vorgänger. Der 37-jährige Franke ist nicht nur der jüngste Bundeswirtschaftsminister der deutschen Geschichte, er war schon nach wenigen Wochen auch einer der beliebtesten Repräsentanten der Republik. Laut ZDF-Politbarometer gilt Guttenberg derzeit als zweitwichtigster Politiker Deutschlands, damit liegt er knapp hinter Kanzlerin Angela Merkel ( CDU ), aber noch vor Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ( SPD ).

In der Union schließt der eloquente Jurist eine offene Flanke: Mit dem Abschied des CDU -Experten Friedrich Merz hatten die Konservativen ausgerechnet auf dem wichtigen Feld der Wirtschafts- und Finanzpolitik ihren profiliertesten Kopf und besten Redner verloren. Jetzt macht Guttenberg den Merz, scheinbar mühelos. Als hätte er nie ein anderes Amt bekleidet, absolviert der Minister eine Auslandsreise nach der anderen, hält Reden, besichtigt Betriebe und gibt in drei Monaten mehr Interviews als sein glückloser Vorgänger Michael Glos in drei Jahren.

Guttenberg hat auf jede Frage eine Antwort, wirklich auf jede. Als er am Ende einer langen Pressekonferenz in Berlin von einer Auslandskorrespondentin allen Ernstes über den Zustand der deutsch-weißrussischen Wirtschaftsbeziehungen befragt wird, ignoriert Guttenberg das Gefeixe im Saal und erfüllt seine Pflicht. Es folgt ein Kurzreferat über die Außenhandelsbilanz im Allgemeinen unter besonderer Berücksichtigung der Menschenrechtslage in Minsk.

Guttenberg ist ein talentierter Redner, doch gilt er auch als Meister der Satzgirlanden und Worthülsen. Die SPD etwa warnt er davor, „ordnungspolitische Leitplanken panisch abzureißen“ und „sich in ein Rennen des ständigen Aufsattelns zu begeben“. Kultstatus hat das Vorwort zu seiner gerade veröffentlichten Doktorarbeit, in dem Guttenberg über seine „verwegene Charakter- und Lebensmelange“ schwadroniert und einräumt: „Wirkliche Besserung ist kaum absehbar.“

Sein Selbstbewusstsein nötigt selbst jenen Kritikern Respekt ab, die „KT“ für einen blasierten Verpackungskünstler halten. In ökonomischen Fragen hat der Senkrechtstarter noch großen Nachholbedarf, besonders vor dem Hintergrund der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten, doch versteht er es, Schwächen zu überspielen. Ein makelloses Erscheinungsbild und eine gute Kinderstube können dabei ebenso hilfreich sein wie außenpolitische Erfahrung und internationale Kontakte.

Vor allem in der Opel-Krise kommen Guttenberg seine engen Beziehungen nach Washington zugute. In bestem Englisch verhandelt der Minister mit den Managern des angeschlagenen Mutterkonzerns „General Motors “. Der CSU-Mann hat den Erhalt der 25 000 Arbeitsplätze in Deutschland zur Chefsache gemacht – und sich damit mitten in die Schusslinie gestellt. Das Kanzleramt ist verstimmt, weil Guttenberg schon früh eine Insolvenz von Opel ins Gespräch brachte; die SPD wirft dem Minister vor, den Konzern längst aufgegeben zu haben. Guttenberg ist überzeugt von den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft, er geizt mit milliardenschweren Bundeshilfen und will eine Teilverstaatlichung von Opel unbedingt vermeiden.

Aber als Medienprofi und Strippenzieher ist er erfahren genug, um zu wissen, dass Politik in Wahlkampfzeiten eigenen Gesetzen folgt.

Von Holger Eichele

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach Polizeieinsatz verweigert Boris Johnson Erklärung - sein Gegner provoziert: „Sei kein Feigling!“ 
Ein heftiger nächtlicher Streit zwischen Boris Johnson und seiner Lebensgefährtin hat die Londoner Polizei auf den Plan gerufen. Nun will er sich jedoch nicht zu dem …
Nach Polizeieinsatz verweigert Boris Johnson Erklärung - sein Gegner provoziert: „Sei kein Feigling!“ 
15.000 mexikanische Soldaten kontrollieren an der US-Grenze
Mexiko hat Washington eine Verschärfung der Grenzkontrollen zugesagt. Zur Umsetzung der Zusagen kommt nun die Armee zum Einsatz.
15.000 mexikanische Soldaten kontrollieren an der US-Grenze
Rücknahme der Sanktionen: Russland darf wieder abstimmen
Jahrelang konnte Russland in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats nicht abstimmen - und schickte einfach keine Abgeordneten mehr. Mit einer Änderung der …
Rücknahme der Sanktionen: Russland darf wieder abstimmen
Anne Will: AKK bringt AfD mit Lübcke-Mord in Verbindung - Meuthen kontert
Anne Will fragte: Wie geht unsere Demokratie mit Hass und Gewalt um? AKK erteilte jeder Kooperation mit der AfD eine Absage, auch wegen dem Lübcke-Mord.
Anne Will: AKK bringt AfD mit Lübcke-Mord in Verbindung - Meuthen kontert

Kommentare