+
Frischer Wind fürs Kabinett: Der JU-Chef Hans Reichhart ist ein etwas anderer Politiker. Und jetzt Minister.

Ungewöhnlicher Einstand

JU-Chef Hans Reichhart ist jetzt Minister - darum wird er Bayerns Mann für Großbaustellen

  • schließen

Hans Reichhart hatte fast schon mit der Politik abgeschlossen. Jetzt soll der 36-Jährige plötzlich zwei der wichtigsten Zukunftsthemen in Bayern managen: Bauen und Verkehr. Er versucht das mit einem ganz eigenen Stil.

München – Der erste Eindruck ist besonders wichtig, heißt es. Und dieser war zumindest besonders überraschend. Die Mitarbeiter des Bauministeriums staunten, als der neue Minister bei seiner Vorstellung erst einmal von der Bühne kletterte. Als er unten war, so berichten es Menschen, die dabei waren, erklärte Hans Reichhart den eher hierarchisch denkenden Beamten, er brauche die Ideen jedes einzelnen. Jeder könne seine Handynummer haben. Zu erreichen sei er bis 22 Uhr.

Hans Reichhart war eigentlich aus dem Landtag geflogen

Die Personalie Hans Reichhart gehört zu den spannendsten des neuen Kabinetts von Markus Söder. Sie ging ein wenig unter, weil Judith Gerlach für das Thema Digitalisierung ein neues Haus gründen darf und noch drei Jahre jünger ist. Aber auch die Berufung des erst 36 Jahre alten Reichhart, bislang Staatssekretär im Finanzministerium, überraschte: Denn eigentlich war er am 14. Oktober aus dem Landtag geflogen, weil er nur auf der Liste kandidierte. Er überlegte gerade, ob er in seinen alten Richter-Beruf zurückkehren solle (eher nicht) oder mit Freunden ein Unternehmen gründen würde (eher schon) – bis Söder am Sonntagabend vor der Vereidigung einen Strich durch diese Pläne machen würde.

Eine unverhoffte Wiederauferstehung. Der Vorsitz der mächtigen Jungen Union, die Söder beim Machtkampf gegen Horst Seehofer unterstützte, dürfte bei dieser Zweit-Karriere geholfen haben. Wenige Tage später bezog Reichhart eines der bestgelegenen Büros Bayerns. Direkt am Englischen Garten, gegenüber der Staatskanzlei und dem Haus der Kunst. Seitdem bleibt dort kein Stein auf dem anderen.

Das sind die Aufgaben von Minister Reichhart

Die Aufgabe ist groß: Wohnen und Verkehr sind zwei der drängendsten Probleme im Flächenstaat Bayern mit seinen rasant wachsenden Ballungsräumen. Reichhart ist kein Politiker, der vorgestanzte Antworten liefert. Er gibt offen zu, dass er sich erst einarbeiten muss. Auf manchen Feldern hat er mehr Fragen als Antworten. „Wir müssen kreativ denken“, sagt er leicht schwäbelnd.

Die Richtung ist klar: neu denken. „Wir müssen das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs so gestalten, dass es jeder gerne in Anspruch nimmt. Gerade in der Stadt muss sich da viel tun, damit die Menschen lieber Fahrrad, S- und U-Bahn oder Tram fahren und nicht mehr so auf das Auto angewiesen sind.“ Reichhart erzählt von daheim, Jettingen-Scheppach im Kreis Günzburg, wo es ein Flexibus-System gibt. Wer ihn ruft, wird zu Hause abgeholt. „Nicht jedes Modell wird überall in Bayern passen“, sagt Reichhart. „Wir müssen es einfach ausprobieren.“

Manche seiner Ideen gehen recht weit. Wie die App, die aufzeichnet, wie oft und wie weit man mit der U-Bahn gefahren ist – um erst am Monatsende auszurechnen, welches Ticket dafür das günstigste war. Klingt toll. Muss aber erst umgesetzt werden. Wie schwer das im Bürokratenland Deutschland meist ist, weiß er als Jurist.

Neu-Minister weiß nicht, wann das 365-Euro-Ticket in München kommt

Schon nach zwei Wochen im Amt trifft Vision auf Realität. Zum Beispiel beim 365-Euro-Ticket. Die Idee: Ein Euro pro Tag. Fertig. Doch so einfach ist das nicht: „Das wird zunächst auf Schüler und Auszubildende begrenzt eingeführt“, gibt der Minister zu. Allein für den Innenraum München kostet das 17 Millionen Euro im Jahr. Doch was ist den anderen Städten im Freistaat? Und was mit kleinen Gemeinden? „Am Ende darf nicht das Land gegen die Stadt ausgespielt werden.“ Der Neu-Minister wäre zufrieden, wenn dieser erste Schritt während des nächsten Doppelhaushalts erfolgt. Wann das Ticket für alle kommt? Reichhart kann nichts versprechen. Bei aller Kreativität.

Lesen Sie auchSöder nennt bayerischen Herzog „königliche Hoheit“ - und bekommt danach wütenden Brief

Es wird nicht leicht. „Die Verkehrsentlastung für München ist am Ende ein großes Mosaikfeld. Wir müssen die Steine so anordnen, dass es ein stimmiges Bild ergibt“, sagt er. So verhält es sich bei den meisten Themen, um die er sich kümmern muss. Auch beim Bauen. Die BayernHeim steckt noch in den Kinderschuhen, soll aber laut Koalitionsvertrag bis 2025 rund 10.000 Wohnungen für Erzieher, Polizeibeamte oder Studenten bauen. „Wir sind in der Aufbauphase. Aber es wurde schon eine Liste mit Projekten entwickelt, die man rasch umsetzen könnte.“ Ein bisschen wird’s noch dauern.

„Ein Bauminister, der baut“

Schneller angehen will Reichhart Reformen für normale Häuslebauer. „Der erste Grunderwerb muss steuerfrei sein“, fordert er. Auch eine Vereinfachung der Bebauungsplanung sei dringend nötig: ein digitales Verfahren, weniger Regeln. „Jeder Monat, den man früher mit dem Bauen anfangen kann, spart Miete und Baukosten.“

Der Minister weiß, wovon er spricht. Mit seiner Frau plant er im heimischen Jettingen selbst gerade ein Eigenheim. Bald will er den Bebauungsplan einreichen. „Ein Bauminister, der baut“, witzelt er. Aber jeder Häuslebauer weiß: Gerade bei diesem Thema kann ein wenig persönliche (Leidens-)Erfahrung nicht schaden.

Mike Schier

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Atomstreit zwischen USA und Iran: Donald Trump droht dem Iran mit Auslöschung
Viele Länder wollen sich an das Atomabkommen mit dem Iran halten, nicht jedoch die USA. Nachdem Trump seine Schiffe rund um den Golfstaat positioniert hat, droht die …
Atomstreit zwischen USA und Iran: Donald Trump droht dem Iran mit Auslöschung
Wer steckt hinter dem „Ibiza-Video“ mit Strache? Österreichs Bundeskanzler Kurz äußert Verdacht
Politisches Erdbeben in Österreich: Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache gibt wegen der Ibiza-Affäre beide Ämter auf. Österreichs Bundeskanzler Kurz äußert …
Wer steckt hinter dem „Ibiza-Video“ mit Strache? Österreichs Bundeskanzler Kurz äußert Verdacht
Wahlzettel zur Europawahl 2019: Wie sieht er aus? Wie wird er ausgefüllt?
Im Mai wird das neue Europaparlament gewählt. Wir erklären, wie der Stimmzettel in den einzelnen Bundesländern aussieht und wie man ihn ausfüllt.
Wahlzettel zur Europawahl 2019: Wie sieht er aus? Wie wird er ausgefüllt?
„Anne Will“ am Sonntag: ARD ändert spontan Thema der Sendung - aus brandaktuellem Anlass
Die ARD hat kurzfristig das Thema der heutigen „Anne Will“-Sendung geändert. Grund ist die „Ibiza-Affäre“, die derzeit in Österreich hohe Wellen schlägt.
„Anne Will“ am Sonntag: ARD ändert spontan Thema der Sendung - aus brandaktuellem Anlass

Kommentare