Frank Plasberg und seine Gäste in der Sendung „Hart aber fair“
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Frank Plasberg führt durch die Sendung „Hart aber fair“

„Wie man das so in den Sand setzen kann“

„Hart aber fair“: Ex-SPD-Chef versteht chaotischen Impfstart nicht und benennt Ursache für das Wirrwarr

Impfstoff ist da, aber zu wenig. Die Hoffnung weicht der Ernüchterung. Die Politik sucht noch nach Verantwortlichen, im „Hart aber fair“-Talk ging es um die Frage: Wie geht’s voran?

  • Das Thema bei Plasbergs „Hart aber fair“: „Zu wenig, zu langsam, zu kompliziert: Scheitert Deutschland am Impfen?“
  • Der Präsident des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen Han Steutel ist zuversichtlich: Bis Ende Juni ist genug Impfstoff vorhanden.
  • Ex-SPD-Chef Müntefering erklärt: Für eine Herdenimmunität zum Ende des Jahres brauchen wir etwa 400.000 Impfungen pro Tag!

Berlin - Frank Plasberg variiert das Thema seiner Talk-Sendung „Hart aber fair“ mit seiner ersten Frage in die Runde etwas: Aus „Zu wenig, zu langsam, zu kompliziert“ wird „Zu teuer, zu kompliziert: Scheitert Deutschland an den Impfungen?“ Eine Zwischenbilanz fasst später zusammen: 1,9 Millionen sind in Deutschland bereits geimpft, das entspricht 2,3 Prozent der Gesamtbevölkerung und Platz 15 im EU-Vergleich. 

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Karl-Josef Laumann (CDU) - Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfahlen
  • Franz Müntefering (SPD) - Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO)
  • Han Steutel - Präsident des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa), zugeschaltet
  • Dr. Lisa Federle - Notärztin, Pandemiebeauftragte Tübingen
  • Anette Dowideit - „Welt am Sonntag“-Ressortleiterin
  • Dr. Eckart von Hirschhausen - Mediziner, Autor und Moderator

Die Investigativ-Journalistin Anette Dowideit lenkt den Blick auf die Länder, die in Bezug aufs Impfen derzeit besser dastehen als Deutschland und analysiert: Israel, Großbritannien und die USA haben früher und schneller eingekauft, zum Teil auch zu höheren Preisen. Deutschland hat die Zusammenarbeit der EU dem nationalen Alleingang vorgezogen. Italien hätte zuerst das medizinische Personal geimpft, was sich schneller organisieren ließ und Israel die Daten der Geimpften an Hersteller weitergegeben.

Interessante Fakten, die verdeutlichen: So groß war der Handlungsspielraum hierzulande auch wieder nicht. EU-Einschränkungen, Länder-Konkurrenz, Datenschutz, Vorgaben des Robert Koch-Institutes schafften den Rahmen, der zu den jetzigen Entscheidungen führte.

Müntefering kritisiert bei „Hart aber fair“ den Impfstart: „Wie man das so in den Sand setzen kann …“

Der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering spricht neben seiner Rolle als Seniorensprecher auch über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Impfen. Er habe einen Termin, den seine Frau über ein Internetportal organisiert hätte: „Ich hätte das nicht gekonnt, aber sie kennt sich damit aus.“

Müntefering appelliert zunächst, das Positive im Blick zu behalten: „Dass überhaupt ein Impfstoff so schnell auf den Markt gebracht werden konnte!“ Den chaotischen Impfstart in Deutschland kritisiert er dann später aber doch harsch: „Wie man das so in den Sand setzen kann, ist mir völlig schleierhaft! Da wird verkündet: Jetzt kann es losgehen - und dann ist das Zeug gar nicht da!“

Der Ex-Vizekanzler sieht den Fehler vor allem in der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern und in der Ausführung. Müntefering: „Die Exekutive muss das mit den Ländern und Kommunen abgestimmt haben, ehe so etwas gemacht wird.“ Doch der SPD-Mann ist überzeugt: „In diesem Jahr kann man das noch alles gut machen!“ Und nennt die Zahl, die dafür erreicht werden muss: Rund 400.000 Impfungen pro Tag seien notwendig, wenn bis Ende des Jahres die Bevölkerung durchgeimpft werden soll.

NRW-Gesundheitsminister bei Plasberg: Schon 90 Prozent der Altenheime einmal geimpft

Als Gesundheitsminister unter dem neuen CDU-Parteivorsitzenden und NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet sitzt Karl-Josef Laumann in der Runde. Er berichtet von den Probleme an der Impffront: „Es ist ein absoluter Mangel an Impfstoffen da. Die Impferwartung ist hoch - aber es gibt nichts.“ Trotzdem könne sein Land Erfolge nachweisen. Laumann: „Wir haben über 90 Prozent der Altenheime geimpft, davon die Hälfte bereits zweimal.“ Derzeit müssten jedoch umfangreiche Datensätze verarbeitet werden - ein enormer logistischer Aufwand.

Video: Michael Müller (SPD) - Impfstoff bleibt im ersten Quartal knapp

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) erwartet in der Pandemie noch „angespannte Wochen“. Man müsse ehrlich sagen, dass der Impfstoff im ersten Quartal 2021 knapp bleiben werde, so Müller bei der Ministerpräsidentenkonferenz, am Montag in Berlin.

Talkshow im Ersten: Hirschhausen kritisiert deutsche Gesundheitsbürokratie

Eckart von Hirschhausen, dessen Impf-Doku im Vorfeld des Plasberg-Talks ausgestrahlt wurde, bemängelt die Bürokratie in Deutschland, die seines Erachtens Milliarden verschwenden würde. „Ich glaube, dass wir in Deutschland auch manchmal zu viel des Guten wollen.“ Statt FFP2-Masken kostenintensiv über Apotheken abzuwickeln, hätte man sie auch einfach mit der Post schicken können. Außerdem befürwortet er feste Impftermine, die der Bevölkerung per Post zugestellt werden - so wie es gängiger Usus in der Brustkrebsvorsorge sei. Hirschhausen an NRWs Gesundheitsminister gewandt: „Ein 70-Jähriger, der sich impfen lassen möchte, wird sich doch dann diesen Termin freischaufeln, oder?“

Pharmasprecher bei „Hart aber fair“: Eine Lizenz bedeutet nicht automatisch auch Produktion

Han Steutel wird zugeschaltet. Der Präsident des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen erklärt, wieso schnelle Lizenzen nicht automatisch schnelle Produktionen zur Folge hätten. Im Fall des neuen mRNA-Impfstoffes gebe es derzeit nur drei Unternehmen, die das beherrschen. Das Werk in Marburg aufzubauen, habe sechs Monate gebraucht.

Wann es denn dann nun mal richtig anlaufen werde, will Frank Plasberg wissen. Steutel: „Ich bin sehr guter Dinge, dass wir in den nächsten Wochen immer mehr Produktion sehen werden.“ Es kämen derzeit immer mehr Impfhersteller dazu. Und weiter: „Unsere Annahmen ist, dass wir am Ende des 2. Quartals gut vorbereitet sein werden.“ Plasberg ergänzt: „Das ist Ende Juni!“

Doch ein Ende ist das auch noch nicht. Hirschhausen stellt zu Beginn klar: „Das ist eine Pandemie - vorbei ist es, wenn 75 Prozent der Weltbevölkerung geimpft sind - davon sind wir noch weit entfernt.“

Fazit des Plasberg-Talks „Hart aber fair“

„Einmal quer durch den Impfgarten!“, bilanziert Plasberg selbst am Ende der Sendung seinen aktuellen Talk. Die Vertreter der Politik und Wirtschaft sind eher „zweite Garde“ und zum Teil selbst betroffen von dem Debakel. Debatten entfacht das nicht. Das ist eher Infotainment statt Polit-Talk.

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