„Hey alter, weißer Mann ...“

Spruch zu Anne Will in „hart aber fair“-Sendung fliegt Plasberg jetzt um die Ohren: ARD-Zuschauer reagieren empört

  • vonCarolin Schulz-Osterloh
    schließen

Operation Impfung: Ist sie gut, ist sie sicher, wer bekommt sie wann? Die „hart aber fair“-Zuschauer wollten viel wissen - so mancher Experte blieb die Antwort schuldig.

  • Frank Plasbergs Talk „hart aber fair“ drehte sich am Montag (30. November) um das Thema Corona-Impfung.
  • Dr. Eva Hummers von der Ständigen Impfkommission: „Es wird schwierig, genügend Personal für die Impfzentren zu finden.“
  • Ranga Yogeshwar mahnt bei „hart aber fair“: „Wer glaubwürdig bleiben will, muss auch die Nebenwirkungen klar kommunizieren.“

Update vom 2. Dezember, 12.50 Uhr: Für einen Seitenhieb in Richtung ARD-Kollegin Anne Will bekommt Frank Plasberg aktuell Gegenwind. Bei seiner Sendung am 1. Dezember sorgte er am Ende für eine etwas unangenehme Situation. Auf dem Weg zu Kollegin Brigitte Büscher sagte er, er wolle nach den Reaktionen der „Zuschauerinnen und Zuschauer“ fragen. Scheinbar ahnungslos hielt er inne: „Oder wie sagt man heute?“ Eine Stichelei gegen Anne Will ließ er sich kurz darauf nicht nehmen. Als Büscher ihm „Zuschauer_innen, so ein Päuschen dazwischen“ erklärte, sagte der: „Wir sind am Montag, nicht am Sonntag.“ Damit bezog er sich offenkundig auf den Talk von Anne Will am Sonntag - die als erste Talkshow-Moderatorin gendergerechte Sprache einführte.

Plasbergs kleiner Exkurs blieb nicht unbemerkt. In den sozialen Medien wie Twitter kam seine Reaktion bei manchen Personen nicht besonders gut an. So schrieb eine Twitter-Nutzerin: „Wir sind am Montag, nicht am Sonntag.“ ... Plasberg beweist mal wieder seine arrogante Selbstherrlichkeit. ...Der ewig gestrige, weiße Mann. Mag den net.“ Eine andere Nutzerin twitterte: „Plasberg ist so Fünfziger.“ Und ein Twitter-Nutzer urteilte: „Hey alter, weißer Plasberg: Man sagt, dass Sie ein Idiot oder eine Idiotin sind. Das dürfen Sie selbst entscheiden.“

Die ARD verteidigt Moderator Plasberg so: „Ganz genderneutral sagt man in Kölle: Jeder Jeck is anders. Die eine Moderatorin spricht das Gender-Gap mit, der andere Moderator verzichtet darauf. Das ist die Vielfalt der ARD“, teilte Lars Jacob, Sprecher des Ersten, gegenüber watson mit. Eine einheitliche Vorgabe der ARD gebe es bezüglich des Gender-Gaps nicht, betonte der Sprecher dabei.

„hart aber fair“: Diskussion zum Thema Impfpflicht - Gäste zu Corona-Impfstoff

Erstmeldung vom 1. Dezember, 10 Uhr: Köln – Schon vor drei Wochen war der Corona-Impfstoff das Thema bei „hart aber fair“. Seitdem hat die Debatte um dessen Verteilung gehörig an Fahrt aufgenommen. Das war nicht nur den Gästen im Studio anzumerken, sondern auch den Zuschauern, die die Redaktion vorab mit Fragen löcherten.

Die Gäste bei Frank Plasberg:

  • Karl-Josef Laumann, CDU – NRW-Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales
  • Ranga Yogeshwar – Wissenschaftsjournalist und Autor
  • Prof. Dr. Eva Hummers – Allgemeinmedizinerin, Mitglied der Ständigen Impfkommission, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin Uni Göttingen
  • Boris Palmer (B90/Grüne) – Tübinger Oberbürgermeister
  • Prof. Dr. Monika Sieverding – Gesundheitspsychologin am Institut für Psychologie der Universität Heidelberg

Der erste Impfstoff steht kurz vor der Zulassung. Vielleicht schon ab Ende Dezember sollen möglichst viele Bürger gegen Corona geimpft werden. Ein Akt von nationaler Bedeutung. Wie gut ist die Verteilung vorbereitet? Wie sicher sind die Impfstoffe? Ist Corona dann besiegt? Die Zuschauer stellen die Fragen, die Expertenrunde im Studio versucht sich an Antworten. Wobei schnell klar wird: Es gibt noch richtig viel zu tun.

„hart aber fair“ (ARD): Gesundheitsminister hat Respekt vor der Aufgabe

Karl-Josef Laumann erklärt, die bevorstehende Massenimpfung, der Aufbau von Impfzentren und die Menge an Personal stelle Politik und Gesundheitswesen vor eine noch nie dagewesene Herausforderung. Es gebe allein in Nordrhein-Westfalen 600.000 pflegebedürftige Menschen, die zu Hause lebten. Deshalb habe er „Manschetten vor dieser Aufgabe“.

Der Oberbürgermeister der Curevac-Stadt Tübingen, Boris Palmer, hat es im Rücken. Deshalb steht er hinter seinem Pult. Eine mögliche Nebenwirkung des Impftests, für den er sich im Sommer zur Verfügung stellte? Palmer winkt ab: „Null Nebenwirkungen“, versichert er. Und betont die Nähe zum Erfinder und Produzenten der neuartigen Impfstoffklasse bei Curevac: „Ein Freund aus Studientagen.“

Zuschauerfrage bei „hart aber fair“: Wie komme ich dran?

Ärztin Eva Hummers ist Mitglied der Ständigen Impfkommission, die der Bundesregierung in Impffragen zur Seite steht: „Wir werden die Hausärzte dazu brauchen, sie kennen die Patienten am besten und können die Dringlichkeit per Attest klarmachen.“ Neben Vorerkrankungen sieht sie das Alter der Menschen als wichtigstes Kriterium, wer aus der Bevölkerung als erstes geimpft werden sollte. NRW-Minister Laumann will die Pflegekasse zurate ziehen. Er betont zudem: „Die konkrete Reihenfolge ist letztlich eine ethisch-medizinische, keine politische Entscheidung.“

Impf-Talk bei „hart aber fair“: Noch ist nicht alles geklärt

Palmer hat Bedenken: „Wir wissen doch noch gar nicht, welcher Wirkstoff für welche Gruppen verträglich oder unverträglich ist.“ Deshalb gebe es bisher ja auch noch keine Listen mit konkreten Reihenfolgen. Ein Dilemma tritt zutage: Alle warten auf die Zulassung des Impfstoffs, anstatt zu handeln. Ranga Yogeshwar – die ARD-Allzweckwaffe, wenn es um seriösen Wissenschaftsjournalismus geht - mahnt zur Eile: „Wenn wir uns jetzt nicht mit der Logistik, der Reihenfolge und vor allem mit der Kommunikation nach außen beschäftigten, wird uns auch der wirksamste Impfstoff nichts helfen.“ Denn jede Impfung berge auch ein Risiko. Eine offene, ehrliche Kommunikation sei das beste Mittel gegen Zweifel und Ängste.

Yogeshwar prangert einmal mehr die Verwirrung an, die in Deutschland rund um Corona herrscht. „Es bräuchte eine App, die überall klar anzeigt: Das geht hier, das geht nicht.“ Insbesondere beim Thema Impfung brauche man außerdem einen ehrlichen Umgang mit möglichen Nebenwirkungen: Sonst mache man sich unglaubwürdig. Das wäre fatal, sagt auch Hummers: „Für die Herdenimmunität benötigen wir 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung, die sich impfen lassen.“ Zudem sei nicht klar, wo das Personal für die Impfzentren herkommen solle.

Zuschauerfrage: Ist die Impfung unproblematisch?

Hummers weiß, jetzt muss sie ehrlich antworten: „Unproblematisch ist sie nicht, denn wir wissen noch nichts über die Langzeitfolgen.“ Und: „Es gibt noch viele Fragen, die man auf Basis der bisherigen Studien noch nicht sicher beantworten kann.“

Für die Gesundheitspsychologin Monika Sieverding ist das ein gutes Beispiel für eine authentische Kommunikation. Palmer ist sich sicher, dass sich trotz potenzieller Risiken und Nebenwirkungen die meisten Menschen impfen lassen werden. „Wir wollen doch alle unser normales Leben zurück“, glaubt der Tübinger OB.

Zuschauerfrage: Wird es eine Impfpflicht geben?

Eine Impfpflicht werde es weder direkt noch indirekt geben, verspricht Minister Laumann. Auch der Arbeitgeber könne das nicht verlangen, beruhigt er. Es bleibe eine freiwillige Entscheidung. Dass aber beispielsweise Kulturveranstalter in ihren Einlassbedingungen auf eine Impfung pochten, das könne schon vorkommen. Yogeshwar weist darauf hin, dass die australische Fluggesellschaft Quantas sich schon festgelegt hat: Wer nicht geimpft ist, darf künftig nicht mehr mitfliegen. Der Druck werde also steigen.

Die lustigsten Momente bei „hart aber fair“

Obwohl Männer beim Thema Gesundheitsvorsorge in Studien schlechter abschneiden als Frauen, stehen sie der Corona-Impfung deutlich positiver gegenüber, weiß die Gesundheitspsychologin und Gender-Forscherin Monika Sieverding. Die Begründung: Männer sind weniger informiert als Frauen, die sich deshalb mehr einen Kopf machten. „Danke für diese erfrischenden Erkenntnisse“, kommentiert Plasberg amüsiert. Am Ende stehen neben Plasberg und Palmer auch die anderen Talk-Teilnehmer hinter ihren Tischen. Ein Novum in der Sendung. Plasberg: „Das nennt man wohl Herdentrieb.“

Fazit:

Für den wohl ehrlichsten Moment sorgt ausgerechnet der sonst so ermutigende Ranga Yogeshwar: „Wir werden auch nach der Impfung noch längere Zeit die Maske aufsetzen müssen.“ Weil noch nicht klar sei, ob man nicht trotzdem andere anstecken könne. Er empfiehlt einen Blick nach Asien, wo das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung zum Alltag gehört. Das werde dann immerhin auch andere Infektionskrankheiten eindämmen. Ein Talk nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ oder „Wir werden das Kind schon schaukeln“. Das Kind ist in diesem Fall die Massenimpfung von mindestens 50 Millionen Deutschen.

Rubriklistenbild: © Screenshot „hart aber fair“

Auch interessant

Kommentare