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Ukrainischer Botschafter nennt Optionen für Putin: „Selbstmord, Putsch oder Den Haag“

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Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ (ARD).
Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ (ARD). © WDR/Oliver Ziebe

Russische Truppen sind in der Ukraine weiter auf dem Vormarsch. Die mutige Bevölkerung hält bislang stand. Plasberg blickt mit seinen Gästen aus Deutschland auf die Situation.

Berlin - Die zentrale Frage stellt der Moderator Frank Plasberg in seiner aktuellen Ausgabe seines „Hart aber fair“*-Talks in der ARD zuletzt: Ob es „irgendwelche Anzeichen“ gebe, will der Moderator von seinen Gästen wissen, ,die darauf hinweisen könnten, dass Putin aus seinem „inneren Apparat“ heraus, gestoppt werden könnte? Die Antworten sind ernüchternd. Am optimistischsten, aber ohne realistische Bezugnahme, sieht es noch Journalist Gabor Steingart, der pauschal „die Chinesen“ als das Zünglein an der Waage ansieht, die Wladimir Putin* als Russlands größter Export-Kunde, „den Stecker ziehen“ könnten, gesteht aber auch ein: „Über dem Diktator kommt nichts“.

Auch SPD-Außenpolitiker Michael Roth ordnet die Situation im Ukraine-Konflikt* skeptisch ein: „Am Ende kann diese Bewegung nur von den Bürgerinnen und Bürgern ausgehen“. Eine geringe Hoffnung sieht Roth allein noch in „den Oligarchen“, die nun um „ihre Privilegien fürchten.“ Auch der ehemalige NATO-General Hans-Lother Domröse, dem Plasberg wegen seiner mehrfach trockenen Bemerkungen einen gewissen „Sarkasmus“ attestiert, drückt es auch jetzt süffisant und in Anlehnung an den gescheiterten Hitler-Attentäter aus: „Ich sehe leider keinen Grafen Stauffenberg“.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

Frank Plasberg* wagt in seiner Sendung Grundsatzfragen zu den Entwicklungen in der Ukraine und wählt als Überbau die pessimistische Fragestellung als Thema des Abends „Triumph der Gewalt: Wie hilflos ist der Westen gegen Putin?“. Auch hier ist Gabor Steingart, der sich in der Sendung als Sohn eines vor den Sowjets geflohenen Ungarn outet, erneut derjenige der Runde, die sich mit einer kompletten Handlungsunfähigkeit in Sachen Friedensfindung nicht zufriedengeben will. Eine „Off-Ramp“ für Putin, also eine Kompromisslösung, so Steingart, könnte das teilweise Eingehen auf dessen Forderung sein, unter anderem die Ukraine neutral zu halten, Teilregionen dem Land abzuerkennen.

Doch die sicherlich nicht als Angriff zu verstehende Antwort Steingarts auf die Plasberg-Frage, wird in der Ukraine als Affront verstanden. Die Stimme des Landes übernimmt ihr Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, der in die Sendung zugeschaltet wird. Melnyk, dem auch während der Bundestagsdebatte am vergangenen Sonntag mit „Applaus“ auf der Zuschauerbühne gehuldigt wurde, wählt ein plastisches Bild, um zu verdeutlichen, wie falsch eine Diskussion um Verhandlungen mit Russland seien: „Wenn ein Verbrecher jemanden ein Messer an die Kehle hält, fragt man doch nicht das Opfer, was es tun kann, damit dieser Verbrecher sein Gesicht wahren kann?“

Russland-Expertin ist sicher: „Mittelfristig ist dieser Krieg für Russland hochgefährlich!“

Melnyk, der in dem Wochen vor dem russischen Einmarsch in emotionalen Appellen für Waffenlieferungen für sein Land geworben hatte, bittet auch jetzt fürs Durchhalten an der Seite der Ukraine, dem flächenmäßig nach Russland zweitgrößtem Staat auf dem Kontinent: „Wir sind 40 Millionen Menschen mitten in Europa.“ Statt einzuknicken, sagt der Botschaft in deutlichen Worten, welche Zukunftsoptionen er für Putin allein in Aussicht stellen würde: „Selbstmord, Putsch oder Den Haag.“

Andrij Melnyk - Botschafter der Ukraine in Deutschland.
Andrij Melnyk - Botschafter der Ukraine in Deutschland. © WDR/Oliver Ziebe

„Mittelfristig ist dieser Krieg und seine Folgen für Russland hochgefährlich“, sagt Russland-Expertin Sabine Fischer voraus. Doch was „mittelfristig“ in genauer Zeiteinheit bedeutet und ob sich „langfristig“ dann auch noch etwas ändern könnte, lässt die Politologin offen. Diesen Fragezeichen gibt Ex-General Domröse Futter, der für die Ukraine ein „Afghanistan 2.0“ prophezeit, mit Partisanenkämpfen, die nicht aus „Gebirgshöhlen“ sondern aus Wohnhäusern heraus stattfänden und sieht auch darin die einzige Chance für die ukrainische Bevölkerung.

Journalist: Putin schreckt nicht davor zurück, Stadt in Schutt und Asche zu bombardieren

Der ehemalige Moskau-Korrespondent Udo Lielischkies, verheiratet mit einer Russin, die Familie in Moskau habe, warnt davor die Bedrohung zu unterschätzen: „Putin“, ist sich Lielischkies sicher, schrecke nicht davor zurück, „eine Stadt in Schutt und Asche zu legen.“ Kiew, so wir es heute kennen, könne bald nicht mehr existieren, so der Journalist und erinnert an das Schicksal der tschetschenischen Hauptstadt Grozny, die Mitte der 1990er Jahre durch russische Truppen komplett zerstört, im Anschluss und nach dem Einsetzen einer russischen Marionettenregierung mit Mitteln aus Moskau zu einer modernen Stadt mit Wolkenkratzern neu aufgebaut worden war.

Fischer sieht noch einen Hoffnungsschimmer in einer „wachsenden Unzufriedenheit“ in Bezug auf den Krieg vor allem bei der jüngeren russischen Bevölkerung. Die Wissenschaftlerin schätzt deren Anteil bei einem Drittel der Russen ein - diese könnte den Ukrainern in die Hände spielen. Schon jetzt seien die Berichterstattung der staatseigenen Sender eher Erklärungs- statt Mobilisierungspropaganda, was darauf schließen lasse, dass es im Land bereits jetzt sehr wohl einen Erklärungsnotstand in Bezug auf den Überfall auf das Bruderland geben könne.

SPD-Politiker Roth will in dem Umstand, dass Putin den möglichen Einsatz von Atomwaffen in den Raum gestellt habe, erkennen, dass der russische Präsident „mit dem Rücken zur Wand stehe“. Auch Domröse befindet: „Wer so früh das große Besteck rauslegt, der muss verzweifelt sein“. Putin wolle im Westen „Angst und Uneinigkeit“ sähen, so Roth weiter, umso wichtiger, dass der Westen „Zweifel“ an seiner Geschlossenheit nicht zulasse.

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

Plasberg versucht sich dem Krieg in der Ukraine* - vielleicht in alter Gewohnheit vorangegangener Sendungen in Friedenszeiten, wenn es um Corona oder Heizöl ging - als Infosendung anzunehmen. Kein ungefährliches Unterfangen, in Zeiten, wo die Worte an Bedeutung gewinnen. Im Twitter-Kanal wurde ordentlich getrollt, darunter auch von offensichtlichen deutschen Putin-Anhängern oder sogar noch verwerflicherem… (Verena Schulemann)

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