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„Hart aber fair“ zu Stadt-Land-Gefälle: Juli Zeh wird deutlich – „zu reden wie mit kleinen Kindern“

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„Hart aber fair“ zu Stadt-Land-Gefälle: Juli Zeh wird deutlich – „zu reden wie mit kleinen Kindern“.
„Hart aber fair“ zu Stadt-Land-Gefälle: Juli Zeh wird deutlich – „zu reden wie mit kleinen Kindern“. © Screenshot ARD-Mediathek

Wo lebt es sich besser: In der Stadt oder auf dem Land? Die „Hart aber fair“-Runde diskutiert querbeet, bis alle gespannt dem Schauspieler Simon Pearce zuhören.

Berlin – Unter dem Motto „Stadt. Land. Wandel.“ beschäftigt sich die ARD diese Woche multimedial mit Themen rund um das Leben in der Stadt und auf dem Land. Entsprechend geht Frank Plasberg mit seinen Gästen der Frage nach, wie tief die Kluft zwischen Urbanität und ländlichem Raum sei. Die Bestseller-Autorin und Juristin Juli Zeh stellt zu Beginn einen großen Satz in den Raum: „Die Diskrepanz zwischen Stadt und Land gefährdet unseren gesellschaftlichen Frieden.“ Plasberg hakt nach und erfährt: Das sei an vielen Orten leider schon eine bewiesene These. Als Beispiele legt Zeh den Jugoslawien-Krieg vor. Auch die guten Wahlergebnisse Donald Trumps in den ländlichen Regionen der USA würden das zeigen.

Man müsse sich zwar nicht „spinnefeind“ sein, es herrsche aber in der Stadt eine andere Kultur als auf dem Land. Sie schreibt zum Beispiel Berlinern zu, dass sie sich in anderen Großstädten sicherer bewegen könnten als im ländlichen Umfeld außerhalb Bundeshauptstadt. Woran sie das festmache, will Plasberg wissen. „Das ist schwer zu fassen. Es sind ganz einfach unterschiedliche Kommunikationstechniken.“ Auf dem Dorf funktioniere vieles über gegenseitiges Abschnuppern und Abtasten. Plasberg spricht sie auf ihre häufige Verwendung von Fremdwörtern an und fragt, ob sie diese im Dorf auch verwende. Zeh: „Ja, aber die versteht keiner.“ Der Moderator will es genauer wissen: „Übersetzen Sie mal ,Dystopie‘ (in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang, Anm. d. Red.) für Ihren Nachbarn. Die Autorin, die im brandenburgischen Havelland lebt, überlegt kurz: „Wird scheiße, alles wird scheiße.“

Grünen-Politikerin Jamila Schäfer: Erst ihre entlaufene Katze hat sie zu ihren Nachbarn geführt

Plasberg wendet sich an die Grünen-Politikerin Jamila Schäfer, die in München lebt: „In der Beschreibung, fühlen Sie sich da ein wenig ertappt?“ Sie steigt mit einer Anekdote über ihre entlaufene Katze ein. Auf der Suche habe sie seltenen Kontakt zu ihren Nachbarn gehabt. Ihre Oma am Dorf hingegen pflege ein freundschaftliches Verhältnis zu den Nachbarn. Von der besorgten Katzenmutter avanciert sie schnell thematisch wieder zur Bundespolitikerin: Den Unterschied erkenne sie aber auch am mit den Entfernungen zur Stadt schwindenden Verständnis für die grüne Programmatik.

Plasberg winkt ab: „Mach ma nicht, mach ma später.“ Dennoch gelingt es ihr, grüne Themen anzupinnen. Da wäre zum einen das Lastenfahrrad. Eigentlich nur dieses, wie sich im Verlauf der Sendung herausstellen wird. Die Grünen forderten im Wahlkampf, dass die Bundesregierung aus Klimaschutzgründen eine Million der Fahrzeuge mit je 1.000 Euro fördern solle. In einem kurzen Einspieler rechnet die „Hart aber fair“-Redaktion vor, dass das eine Milliarde Euro Steuergelder für Lastenfahrräder wären.

Autorin Juli Zeh: „Mit der Landbevölkerung nicht wie mit Kindern reden“

Der Wirtschaftsingenieur Marco Scheel sieht in dem Lastenfahrrad eine „typisch urbane Idee“. Er baut in einer ländlichen Region inmitten norddeutscher Schafherden eine kleine Manufaktur für nachhaltige Wollprodukte auf. Er war selbst Mitglied bei den Grünen. „Diese Idee hat keinen Wert, keinen Wert für das Land.“ Dass die Grünen auf dem Land seiner Meinung nach kaum stattfinden, macht er aber nicht am Programm, schon gar nicht an Lastenfahrrädern, fest. Vielmehr sei es das Vokabular „im politischen Diskurs“, dass bei den Menschen in ländlichen Regionen auf Unverständnis stoße.

Plasberg klebt sich erneut an Fremdwörtern fest und kritisiert das Wort „Diskurs“. „Ich versuche es doch gerade Ihnen zu erklären“, braust Scheel dem Talkmaster entgegen. Jamila Schäfer verteidigt die grüne Idee erneut: Lastenfahrräder verstehe auf dem Land jeder. Mit Blick auf schlechte Wahlergebnisse der Grünen in ländlichen Regionen sieht sie aber ein, dass man die „Maßnahmen für eine Verkehrswende mehr bündeln hätte müssen“. Juli Zeh warnt mittlerweile davor, das Sprachniveau abzusenken und mit der Landbevölkerung „zu reden wie mit kleinen Kindern“. Plasberg schließt das „Grünen-Tribunal“ - wie er den Diskussionsverlauf nennt - ab.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten am 8. November:

Plasberg erteilt Reint Gropp das Wort. Der Professor für Volkswirtschaftslehre kritisiert die kleinteiligen, unerheblichen Fragestellungen im Laufe des bisherigen Abends. Plasberg nimmt das „L-Wort“ noch einmal in den Mund: „Eine Milliarde für Lastenfahrräder, also … etwas mehr als das Monatseinkommen von Juli Zeh (offenbar ein Gag zu Lasten des Lastenfahrrades, Anm. d. Red.). Prof. Gropp versucht weiter, seine Expertise an die Mitdiskutierenden zu bringen: „Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass die Lastenfahrräder nun sicherlich nicht die Probleme zwischen Stadt und Land lösen werden.“ Man müsse eher über Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse reden.

Simon Pearces über seine Angst vor Rassisten: „Ein Auge scannt immer die ganze Umgebung“

Im letzten Drittel der Sendung spricht Plasberg das Thema Rassismus in ländlichen Regionen an und lässt den Schauspieler Simon Pearces über seine Erfahrungen berichten. Er wuchs in Puchheim bei München auf. Sein Vater, ein inzwischen verstorbener nigerianischer Gastronom, seine Mutter, die Volksschauspielerin Christiane Blumhoff. Als Heranwachsender habe er in Puchheim viel weglaufen müssen. „Körperlich wurde es bei mir nur in München dann, dass sie mich erwischt haben“, erinnert sich Pearces. „Ein Auge scannt immer die ganze Umgebung, das habe ich bis heute“. Dann ordnet er den Unterschied zwischen Stadt und Land an einem anderen Beispiel ein: In Würzburg sei seine Freundin von einem „ganz normalen Stadtmenschen“ angespuckt worden, weil sie damals von ihm schwanger war. Solche Situationen seien überraschend, während man auf dem Land weiß: „Aha, der ,Dorf-Nazi!‘“.

Prof. Gropp erklärt die Folgen des ländlichen Rassismus auf volkswirtschaftlicher Ebene: Dieser sei zum Beispiel ein „riesen Standort-Nachteil“, vor allem wenn ein Unternehmen darauf angewiesen sei, international zu rekrutieren. „Die Leute gucken im Internet, wie viel Stimmenanteil hat denn die AfD da.“ Wenn ein Unternehmen merke, dass es da nicht erfolgreich sein könne, investiere es auch nicht.

„Hart aber fair“ - Das Fazit der Sendung

Eigentlich hätte es ein Talk werden sollen, der die Unterschiede zwischen Städten und ländlichen Regionen in vielen Facetten aufzeigt. War es auch. Irgendwie. Lange plätschert die Sendung zwischen gewagten Thesen, dem Lastenfahrrad und gegenseitiger Kritik an der Nutzung von Fremdwörtern dahin. Mit ein paar kurzweiligen Hooks, um bei Fremdwörtern zu bleiben – Höhepunkten. Erst sehr spät kommt Simon Pearce mit seinen Erfahrungsberichten über Rassismus sowohl auf dem Land als auch in der Stadt zu Wort. Vor allem mit Blick die Diskussionen davor, hätte man dem Thema mehr Platz einräumen können – mit einem jungen Mann, der etwas zu erzählen hat. (Michi Jo Standl)

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