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„Hart aber fair“: Kinderärztin schildert massiven Anstieg von jungen Patienten - „400 Kinder auf der Warteliste“

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Die Gäste bei „Hart aber fair“
Die Gäste bei „Hart aber fair“ © Screenshot: ARD/hart aber fair

Kinder sind die neuen Leidtragenden der Pandemie, findet Frank Plasberg und widmet seinen Talk den Folgeschäden der Corona-Politik durch Schulschließungen.

Köln - Bislang standen häufig ältere Menschen im Corona-Fokus, doch die Pandemie-Kompassnadel hat sich gedreht. Frank Plasberg rückt daher in seinem „Hart aber fair“-Talk im Ersten die jüngste Generation in den Blick. Die „stillen Helden“ seien inzwischen „die Kinder“, so der Moderator. „Die, die nicht so wahrgenommen werden, die aber Großes leisten“ und vieles „still ertragen“ würden: Einsamkeit, Enge, Homeschooling, Stress oder auch lähmende Langeweile. Plasberg fragt mit deutlich rhetorischem Unterton seine Talk-Gäste: „Ungeimpft, ungeschützt, unbeschult: Lässt der Staat die Familien im Stich?“

Kinderärztin schildert bei „Hart aber fair“ die „gewaltigen Spuren“ bei Kindern

Plasberg wendet den Blick auf die aktuellen Problematiken: Kinderärztin Susanne Epplée schildert den massiven Anstieg von jungen Patienten. Epplée: „Statt 50 Kinder wie früher, haben wir inzwischen 400 auf der Warteliste.“ Das letzte Jahr habe „gewaltige Spuren“ in vielen Kinderseelen hinterlassen: Stresssymptome, starke Konzentrationsstörungen, häufig seien auch starke Gewichtszunahme und Fettleibigkeit verstärkt durch den überhöhten Medienkonsum und den Mangel an Bewegung.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

Ein noch viel größeres Problem sieht Prof. Aladin El-Mafaalani, da die Integration vieler Familien derzeit auf dem Spiel stehe. Das Problem beginne vor allem in der deutschen Sprachen - die Grundlage Nummer eins, um überhaupt dem Unterricht folgen zu können, Teil der aktiven Gesellschaft zu sein. Der Erziehungswissenschaftler: „Kinder aus Migrantenfamilien konnten bisher nur in der Schule Deutsch sprechen, das fällt weg. Manche Kinder haben die deutsche Sprache sogar wieder verlernt.“ El-Mafaalani macht deutlich: „Ein Jahr im Gehirn eines kleinen Kindes in der Grundschule“ seien so prägend wie fünf Jahre für einen Erwachsenen.

Was denn Programme sind, um die entstandenen Schäden der Kinder vor allem in den bildungsfernen Schichten aufzuholen, will Plasberg von Bildungsministerin Anja Karliczek wissen - der einzigen Politikerin in der Runde. Karliczek verweist auf ein aktuelles „Aufholprogramm“ für Kinder, das nicht nur Lernen beinhalte, sondern auch ganz klar die soziale Entwicklung im Mittelpunkt habe. Nach viel Neuem klingt es aber nicht, wenn Karliczek weiter ausführt: „Wir investieren erstmal in die Strukturen, die da sind, damit das auch zeitnah umgesetzt werden kann.“ Und: „Dann haben wir für das nächste Schuljahr erstmal einen Anfang gemacht.“ Schritt für Schritt soll sich das Nachhilfeangebot dann mit den Ländern weiterentwickeln.

Erziehungswissenschaftler sieht beim „Hart aber fair“-Talk die Integration gefährdet

El-Mafaalani zeigt sich skeptisch, das deutsche Bildungssystem sei dafür nicht ausreichend ausgestattet, die Defizite inzwischen zu schwerwiegend: „Dieses Bildungsproblem wird uns noch ein Jahrzehnt beschäftigen.“ Susanne Epplée sieht es genauso: „Wir müssen davon ausgehen, dass wir mit der Situation möglicherweise noch auf Jahre hinaus beschäftigt sind.“

Das befürchtet auch Moderatorin Mareile Höppner, Mutter eines Sohnes und ausgebildete Lehrerin, die Langzeitfolgen nicht nur in Ausnahmefälle sieht. Auch wenn Eltern ihren Kindern den Stoff vermitteln könnten, sei die Schule, sei die Lernerfahrung durch Pädagogen und im Klassenverbund nicht ersetzbar. Höppner: „Schule ist auch ein Ort der Integration.“ Und: „Es fallen die Feste weg, die Einschulungsfeiern, die Abschlussfahrten“ - alles wichtige Ereignisse, die für die Entwicklung der Kinder entscheidend seien. Was sie auch vermisse, dass die Corona-Pandemie Thema im Unterricht sei. Dabei sei diese Frage doch zentral: „Wie schaffen wir es, diese Lücken, die den Kindern seelisch und emotional entstanden sind, zu schließen?“

Bildungsministerin Karliczek lobt bei Plasberg das „Powermädchen“ Hanan, das zu Hause ihre fünf Geschwister betreut - und selbst für die Schule lernen muss

„Hätte die Politik strenger mit den Erwachsenen sein sollen, um den Kindern mehr Freiheiten zu ermöglichen?“, bohrt Plasberg weiter und spielt auf den halbherzigen Lockdown an. Der vierfache Familienvater und ehrenamtliche Bürgermeister Thorsten Frühmark kommt zu Wort: „Ja, ich glaube, wenn die Zahlen früher runtergegangen wären, säßen die Kinder heute schon wieder in der Schule“. Er selbst hat seine Kinder seit Dezember im Homeschooling: „Schulen müssen in diesem Land im Jahr 2021 so sicher sein, dass Eltern ihre Kinder dort guten Gewissens hinschicken können“ und fordert: „Lüftungsanlagen, Konzepte, kleine Gruppen“. Hier kann Karliczek ausnahmsweise mal punkten: Lüftungsanlagen würden die Kommunen tragen, Elternvertretungen könnten die Zusatzausstattung beantragen, funktionierende Hygienekonzepte und Wechselunterricht seien in vielen Schulen inzwischen Alltag. 

Beeindruckend und zugleich beklemmend wirkt das Interview mit der 19-jährigen Hanan, die vor fünf Jahren mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland floh. Als älteste von sechs Kindern leitet sie jeden Tag das Homeschooling für die ganzen Familie - mit zwei Laptops und einem Handy. Ihre Eltern seien berufstätig, ihre Mutter spreche kein Deutsch. Hanan träumt davon, Ärztin zu werden, büffelt für einen höheren Schulabschluss. Wie ist das so jeden Tag, will Plasberg wissen. Hanan: „Laut. Schlimm. Man kommt durcheinander“. E-Mail-Austausch mit fünf Lehrerinnen. Oft kein Netz und ein Vierjähriger, der auch noch direkt betreut werden müsse …

Bildungsministerin Karliczek lobt im Anschluss: „Ein Powermädchen! Die Familie kann froh sein, dass sie sie hat!“ Was Familien und Geschwister ohne solche „Powermädchen“ machen sollen, sagt sie nicht.

Fazit des „Hair aber fair“-Talks

Kinder sind inzwischen tatsächlich die neuen Leidtragenden der Pandemie-Politik und deren Folgeschäden. Vor allem in den bildungsfernen Schichten wirkt die Problematik bedrohlich. Zusätzlich sind diese Familien von einem erhöhten Infektionsrisiko betroffen. Es ist höchste Eisenbahn, sich diesem Thema ausführlicher zu widmen. 

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