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Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über die Frag, in wie weit Deutschland durch das Wegschauen schuldig mache.

Hart aber fair

Wie schuldig ist Deutschland am Giftgasangriff in Syrien?

München - Erst der Giftgasangriff in Syrien, dann die Gegen-Reaktion der USA: Doch inwieweit macht sich Deutschland schuldig indem es den Blick vom Geschehen abwendet?

Vor wenigen Tagen erst befehligte US-Präsident Donald Trump einen Raketenangriff auf eine syrische Luftwaffenbasis auf der Regierungstruppen stationiert waren. Dies war Trumps Antwort auf den mutmaßlichen Giftgasanschlag der Assad-Truppen in Chan Scheichun. Die Frage, die sich seitdem aufwirft: „Giftgas gegen syrische Kinder - werden wir schuldig durch Wegschauen?“

Zu Gast waren dafür Jürgen Hardt (außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, die Journalisten Kristin Helberg und Fritz Pleitgen sowie Oberstleutnant a.D. Ulrich Scholz.

75 Prozent der Deutschen sind gegen ein Eingreifen der Bundeswehr

Gleich zu Beginn wird eine repräsentative Umfrage von Infratest dimap für die ARD-Sendung erläutert. Nur 29 Prozent der Befragten gaben an, dass sie das Vorgehen der USA gegen die Regierung von Baschar al-Assad befürworten. 56 Prozent lehnten das militärische Eingreifen der USA ab.

Noch deutlicher ist die Absage an einen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Syrien. Nur 18 Prozent der Befragten sagten, die Bundeswehr sollte sich an einem solchen Einsatz beteiligen, falls sich der Konflikt ausweitet und eine Allianz unter amerikanischer Führung Deutschland dazu auffordern würde. 75 Prozent finden, dass Deutschland sich in einem solchen Fall nicht beteiligen sollte.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt hält die Umfrage allerdings für wenig verwertbar. „Man sollte nicht immer auf die Mehrheit hören, wenn es darum geht, das Richtige zu tun. Wir haben als Deutsche durchaus eine enorme historische Verantwortung und sind deswegen ganz gut beraten solche Umfragen nicht leichten Herzens zu beantworten.“ Reichelt spielt darauf an, dass die Deutschen an der Giftgas-Erfindung nicht ganz unbeteiligt seien. Gleichzeitig führt er an, dass es sich mehrfach gelohnt habe, wenn Deutschland sich militärisch beteiligt habe, beispielsweise in Jugoslawien, Mali oder Afghanistan, so Reichelt. 

Könnte Angela Merkel die Vermittlerin zwischen Russland und den USA sein?

Der ehemalige ARD-Korrespondent und WDR-Intendant Fritz Pleitgen beharrt jedoch auf eine politische Lösung. „Da kommen für mich nur zwei Mächte infrage, das sind die USA und Russland.“ Diese müssten , so Pleitgen, in einem entsprechenden Verhältnis zueinander stehen. Ob Merkel an dieser Stelle eine Vermittlerrolle einnehmen könnte, will Moderator Frank Plasberg von Pleitgen wissen. “Merkel ist von der Person her sicher als Vermittler geeignet. Sie hat ja schon große Verdienste erworben durch das Minsk-Abkommen, dafür hat sie eigentlich schon den Friedensnobelpreis verdient.“ Da sie jedoch die Kanzlerin Deutschlands ist und Deutschland die eigene Vergangenheit wie einen Mühlstein auf den Schultern trage, wäre Merkel als Vermittlerin im internationalen Bereich eher schwierig, ist sich Pleitgen sicher. 

Kristin Helberg, langjährige Korrespondentin in Syrien, kann sich vorstellen, dass der Luftangriff der USA eine Art Befreiungsschlag für die Syrer gewesen sei. Womöglich könnte Trump in diesem Moment eine Art Held für die Syrer gewesen sein. 

Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jürgen Hardt hält den Gegenangriff der USA für richtig. „Ich habe Verständnis für die Aktion des US-Präsidenten.“ Oberstleutnant Ulrich Scholz ist jedoch empört. „Das sind für mich Straßenjungen-Manieren.“ Scholz führt weiterhin an, das Deutschland sich bereits militärisch beteilige. Ein dpa-Video zeigt den Angriff der US-Regierung. 

Bild-Chefredakteur vs. Oberstleutnant a.D. Scholz

Generell haben sich in dieser Diskussion zwei Streithähne gefunden. Julian Reichelt ist empört über die Äußerungen von Ulrich Scholz. Dieser hatte zuvor gesagt, dass Trumps plötzlicher Meinungswechsel wenig staatsmännisch und sehr unklug gewesen sei. Man könne nicht die Bilder von getöteten Kindern aus Syrien dafür verwenden, um Kriegsgeschrei anzustimmen und dann Genugtuung empfinden, wenn ein „schwachsinniges Bombardement passiert, dann spricht das nicht für unsere Kultur“. 

Zwar applaudiert das ARD-Publikum fleißig bei Scholz´ Aussage, doch Reichelt ist überhaupt nicht glücklich. Man versuche schließlich mit dem Gegenangriff ein politisches Zeichen zu setzen. Zumal die USA darauf geachtet habe, dass es möglichst wenig Opfer gegeben hätte. Reichelt erklärt nachdrücklich, dass es ein kluger Angriff auf das Assad-Regime gewesen sei, da man ein Zeichen gegeben habe: „Bis hier hin und nicht weiter.“ Damit habe Trump gezeigt, dass „wir so etwas nicht zulassen“.

Syriens Opposition wirft Russland Chemiewaffen-Lüge vor

Scholz war dieser Meinung nicht allzu sehr zugeneigt, somit war die Diskussion des Abends eigentlich zwischen Scholz und Reichelt. Dieser bezichtigte Scholz irgendwann der russischen Propaganda, absichtliche Verbreitung von falschen Informationen oder „schlichter Dummheit“. Moderator Frank Plasberg musste dazwischen gehen.

Sind die Deutschen schuldig oder nicht?

Die eigentliche Frage des Abends, nämlich ob die Deutschen durch Wegschauen schuldig werden, wurde eigentlich erst in den letzten zehn Minuten behandelt. Pleitgen erklärte: „Wir verpulvern unsere Emotionen mit der Schuldfrage. Wir müsste eigentlich alle dafür sorgen, dass die entscheidende Kräfte so an den Tisch kommen, dass sie zu einem Ergebnis kommen, das den Krieg beendet. [...] Wenn wir das nicht machen, ist von Syrien bald nichts mehr übrig.“

Hardt, der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, setzt daher seine ganze Hoffnung auf den derzeitigen G7-Gipfel in Italien. Dort kommen die Außenminister auch zu einer Syrien-Gesprächsrunde zusammen. 

Bleibt abschließend nur noch festzustellen, dass Deutschland sich vielleicht nicht durch das Wegschauen schuldig macht, jedoch bereits militärisch am Syrien-Krieg teilnimmt. Auch wenn keine Raketen abgefeuert werden, so trage deutsche Aufklärungsarbeit dazu bei, dass Ziele ausgemacht und möglicherweise angegriffen werden, das gibt auch Hardt am Ende des Abends zu.

Sehen Sie hier die ganze Sendung „hart aber fair“. Auch Anne Will diskutierte diese Woche über die Lage in Syrien

dpa/Snacktv/mt

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