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„Hart aber fair“ war ein lautes und schrilles Spektakel. Einsichten lieferte die Sendung hingegen kaum welche. 

Islam-Kritiker und Comedian im Clinch

Chaos und Geschrei: Islam-Debatte eskaliert bei „Hart aber fair“

Am Montagabend entgleitet Frank Plasberg sein TV-Talk „Hart aber fair“. Beim Thema Islam stehen sich die Gäste bemerkenswert feindselig gegenüber. 

Berlin - „Islam ausgrenzen, Muslime integrieren - Kann das funktionieren?“ lautet die Frage bei „Hart aber fair“ am Montagabend. Eine Antwort auf die Frage liefert der Abend jedoch nicht. Stattdessen demonstriert er, wie ein TV-Talk nicht funktionieren kann: Gäste die monologisieren und nicht aufeinander eingehen, Geschrei und Ignoranz dominieren den Abend - das Thema Islam polarisiert. 

Natürlich beginnt Frank Plasberg seine Sendung mit einem Rückgriff auf Horst Seehofers umstrittene Äußerungen zum Islam. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) darf dazu Stellung nehmen: Die Frage sei, was der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ überhaupt bedeuten soll, sagt Herrmann: „Ich kann damit nichts anfangen.“ Der Islam habe zur europäischen Tradition der Aufklärung und des Humanismus praktisch nichts beigetragen.

Herrmann enttäuscht Erwartungen

Eine These, die durchaus eine Diskussion verdient gehabt hätte. Stattdessen ist aber Enissa Amani dran, eine deutsch-iranische Standup-Komödiantin. Sie verpasst Herrmann die erste Breitseite. Sie erwarte von einem Christen, dessen Partei das Wort „christlich“ im Namen führe, dass er das Gebot der Nächstenliebe verstehe und keine Spaltung vorantreibe.

Verwirrende Gedankensprünge sind an diesem Abend keine Seltenheit: Kurz darauf bringt Amani die Kreuzzüge ins Spiel, um zu veranschaulichen, dass auch im Namen des Christentums schreckliche Grausamkeiten verübt wurden. Jetzt wisse man es besser, und stigmatisiere eine andere Religion. Es klingt ein wenig apologetisch: soll jede Religion ihre Kreuzzug-Phase durchlaufen dürfen? Zur Klärung dieser Frage bleibt jedoch keine Gelegenheit, da die Sendung ins Hysterische abdriftet. 

Video: Seehofer: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland"

Scharia und sizilianische Ehrenmorde

Bei der Behebung dieses Umstands hilft auch Hamed Abdel-Samad nicht, Politikwissenschaftler, Islam-Kritiker und Autor des Buches „Mohammed: Eine Abrechnung“. Der Islam gehöre noch nicht zu Deutschland, so Abdel-Samad. Salafisten und Gefährder, sowie Deutschtürken, die dem Erdogan-Regime zujubeln, gehörten auch nicht zu Deutschland, ist er sich sicher. In der Türkei oder auch Indonesien seien Islamisierung und Scharia-Recht auf dem Vormarsch.

Der Politikwissenschaftler und Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad ist Autor des Buches „Mohammed: Eine Abrechnung“

Überall und in fast jeder Religion gebe es Radikalität, beschwert sich Enissa Amani daraufhin. Der Tonfall wird noch rauer und lauter. „Es gibt nirgendwo in Europa Menschen, die abgeschlachtet oder ausgepeitscht werden, weil sie Sex außerhalb der Ehe hatten“, ruft Islam-Kritiker Abdel-Samad ihr zu. Amani versucht als Argument christliche Ehrenmorde in Sizilien ins Spiel zu bringen. Er wirft ihr sodann „Jammern auf hohem Niveau“ vor. Die Debatte kommt indes nicht voran.

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Cem Özdemir sorgt kurz für Ruhe

Daraufhin bringt Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir mit differenzierteren Aussagen kurzzeitig Ruhe in die Debatte. Er gibt Herrmann Recht; die Mehrheit der muslimischen Länder seien autoritär und korrupt. Umso weniger verstehe er, warum die Regierung Waffen dorthin liefere, fügt Özdemir an: Man könne nicht sagen „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, aber gleichzeitig Waffen nach Saudi-Arabien liefern. Auch auf die Geschichte Europas kommt Özdemir zu sprechen, erwähnt etwa, dass die Araber Aristoteles übersetzt hätten, auf den sich heute so gern all jene berufen, die vom jüdisch-christlichen Abendland sprechen.

Chaos ohne Erkenntnis

Nach diesem Intermezzo verfällt die Sendung aber wieder in ihr ursprüngliches, wenig zielführendes Muster. Die Islam-Theologin Du‘A Zeitun etwa sagt, sie sei auch von der christlichen Kultur geprägt, weil sie in Deutschland sozialisiert worden sei. Wie sich das äußert, erfährt am Ende keiner, weil alle durcheinander reden und Moderator Plasberg nicht nachhakt. Alle seien doch bestrebt, sich zu integrieren, ist Du‘a Zeitun sich sicher. „Alle?“ fragt Abdel-Samad süffisant. Das hoffe sie zumindest, entgegnet die Theologin. 

Es schließen einige Konversationen an, von denen keine die eigentliche Frage der Sendung beantworten kann. Mit zunehmend schriller Stimme zitiert Amanie einen Rechtsphilosophen: wer eine Gesellschaft wolle, brauche ein „Feindbild“ - ein Argumentationsstrang mit unklarem Ziel. „Opferrolle“, ruft Abdel-Samad mehrmals - und ebenso wenig hilfreich - dazwischen. Zwischendurch wird plötzlich über den Unterschied zwischen Terroristen und Psychopathen gestritten. Einen roten Faden hat die Sendung da schon lange nicht mehr.

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Laurenz Gehrke

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