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Hochrangige Gäste bleiben ARD-Talk fern: Plasberg will Klima-Experten reinreiten - doch der lächelt nur

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Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ (ARD)
Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ (ARD) © ARD/hartaberfair

Der Klimawandel ist ein globales Problem. Frank Plasberg diskutiert in „Hart aber fair“ mit seinen Gästen unerwartet kurzweilig über das ernste Thema.

Moderator Frank Plasberg beginnt mit einem ironischen Hinweis auf die Wichtigkeit des Themas: „Eigentlich wollten wir für heute Abend den amerikanischen Präsidenten, den chinesischen, den französischen, den russischen, den britischen Premier und natürlich die deutsche Kanzlerin einladen.“ Da aber alle mit dem Klimagipfel beschäftigt seien, habe man Peter Wohlleben eingeladen. Im Laufe der Sendung wird man feststellen: Der Förster und Klimaexperte reicht auch aus, denn er hat viel zur Erderwärmung zu sagen.

Plasberg startet mit einer kurzen Reportage über die Folgen der Hochwasserkatastrophe in Schuld im Kreis Ahrweiler. Wohlleben macht sich Gedanken über die Zukunft der Menschen, die er eben im Einspieler gesehen hat: „Ich hätte wirklich gedacht, es würden im Eiltempo politische Lösungen geschaffen, dass man zum Beispiel woanders bauen kann.“ Er stellt aber gleichzeitig die Frage, wo Betroffene außerhalb des Hochwassergebietes bauen könnten. Denn das Land rund um das Ahrtal gehöre ja jemandem.

Plasberg erwischt Wohlleben: „Stellen Sie sich vor, der Wohlleben hat so einen tollen Wald da, da hauen wir einfach mal 100 Bäume um und bauen da die fünf, sechs, sieben Häuser aus Schuld oder noch mehr, die in der absoluten Gefahrenzone liegen, neu auf. Was hätte Herr Wohlleben gesagt?“ Während Plasbergs Fragestellung lächelt und nickt der Waldexperte zustimmend, als hätte er mit der Frage gerechnet und antwortet prompt: „Ich hätte gesagt: ,Darüber muss man sprechen.‘“ Plasberg hakt korrigierend nach: „,Im Eiltempo‘ haben sie gesagt.“ Wohlleben korrigiert sich: „Man kann sich direkt zusammensetzen.“

Klimaaktivistin Carla Reemtsma: „Eindämmung der Klimakrise nicht auf einzelnen Bürger auslagern“

Nach dem ernstgemeinten Flachs in Richtung Wohlleben beginnt Plasberg, den klimatischen Ursachen für die Hochwasserkatastrophe auf den Grund zu gehen. Er fragt die Klimaaktivistin und FFF-Organisatorin Carla Reemtsma, was sie über den Wunsch der Betroffenen nach Normalität denke. Sie versteht die Menschen und geht direkt in die Tiefe: Die 23-Jährige fordert konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel, um „viele, viele solche Schicksale“ zu vermeiden.

Sie geht davon aus, dass sich die Welt trotz Erreichen des 1,5-Grad-Zieles vorerst weiter aufheizt. Plasberg sucht nach einer Lösung und fragt Reemtsma, was jeder einzelne gegen den Klimawandel tun könne. Er spricht von fehlenden Möglichkeiten, Elektroautos aufzuladen und von für Solaranlagen zu kleinen Dächern. Die Aktivistin antwortet: „Die Klimakrise und die Last der Eindämmung der Klimakrise und der Emissionsreduktion darf nicht auf die einzelnen Bürgerinnen und Bürger ausgelagert werden.“ Sie sieht das „riesige systematische Problem“ politisch getrieben und kritisiert etwa milliardenschwere Subventionen für die fossile Energiegewinnung. Von der künftigen Regierung erwarte sie Gegenmaßnahmen.

Rheinland-Pfälzische Wirtschaftsministerin Spiegel verteidigt Maßnahmen

Plasberg kehrt thematisch zurück ins Ahrtal und fragt die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen), ob es klug sei, dass 34 von der Flutkatastrophe betroffene Hausbesitzer nicht mehr an derselben Stelle bauen dürften und andere schon. „Wir haben politisch schon auch schnell gehandelt“, steigt diese in ihre Rechtfertigungen ein. Das neue, vorläufige Überschwemmungsgebiet gebe wasserrechtlich den Rahmen vor, wo wieder aufgebaut werden könne, wo es ein Bauverbot gebe und wo unter Auflagen saniert werden könne.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten am 1. November:

Sebastian Lachmann, Bergbauunternehmen LEAG, witzelt mit Kohleausstieg

Die Welt-Journalistin und Chefökonomin der Zeitung, Dorothea Siems, sieht auch Bürger in der Pflicht: „Was kann Politik machen, wenn der Wandel nicht bei uns selbst anfängt?“ Nachdem sie Carla Reemtsma nachhaltiges Verhalten attestiert, bringt sie schon auch die Politik ins Spiel: „Naja, ich würde sagen, es ist ein sowohl als auch.“ Angesichts der Größe des globalen Problems sei das schon auf politischer Ebene zu verhandeln, sieht sie ein. Unabhängig von der Weltpolitik empfiehlt sie aber erneut nachhaltiges Handeln der Bürger, da bei fehlenden Ergebnissen sonst „Resignation entstehe“. Deutschland hält die Journalistin für bemüht: „Wir haben ja den Kohleausstieg beschlossen.“

Punktgenau kommt Sebastian Lachmann vom Bergbaubetreiber LEAG in die Runde. Nach dem Wunsch des Moderators, lieber Staatsoberhäupter zu empfangen, kommt der nächste „Witz“ diesmal von Lachmann: „Erstmal muss man ja dazu sagen, wenn man die Kohle abschalten will, kann man das auch gerne heute machen.“ Seine Aussage wird mit der Auflösung fast zum Schenkelklopfer: „Aber ich glaube, dann wird die Sendung heute nicht mehr stattfinden.“ Kohlestrom trage nach wie vor zur Versorgungssicherheit bei – Deutschland braucht laut Lachmann also Kohle.

Der Industriekaufmann versucht die Ursache der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal zu analysieren: „Erstmal, zum einen war‘s Wetter und nicht Klima.“ Reemtsma entgegnet, dass es ohne Klimawandel nicht zu dieser Katastrophe gekommen wäre. Lachmann bleibt dabei: „Das kann man so genau nie sagen, weil noch einmal: Wir sprechen von Wetter und nicht von Klima.“ Er geht bei der Hochwasserkatastrophe von einem einzelnen Ereignis aus. Reemtsma und Spiegel kontern.

Waldexperte Peter Wohlleben: „Jeder einzelne kann etwas tun“

Peter Wohlleben hakt in die vorhergegangene Diskussion ein, ob die Politik den Klimawandel stoppen müsse oder jeder Einzelne etwas tun könne. Er hebt die Relevanz des Waldes hervor. Dieser sei der Schlüsselfaktor. Ein intakter alter Laubwald könne die Temperatur im Vergleich zu einer Freifläche im Schnitt um zehn Grad runterkühlen. Wohlleben widerspricht „ganz vehement“, dass ein einzelner Mensch nichts gegen die Erwärmung machen könne und fordert zum Ausprobieren auf. Er zieht einen Vergleich mit dem Fazit, dass ein alter Baum mehr kühlt als ein Sonnenschirm. Ein alter Baum könne einen Garten im Sommer um ein bis zwei Grad runterkühlen.

Die Diskussion über Atomkraft als „neue“ nachhaltige Energiequelle beendet die Sendung in Einigkeit. Auch „Kohle-Mann“ Sebastian Lachmann wird am Ende pflegeleicht und lädt Journalistin Siems und Aktivistin Reemtsma in die Lausitz ein. Gemeinsam will er Lösungen für die Transformation von fossiler zu nachhaltiger Energie finden.

„Hart aber fair“ - Das Fazit der Sendung

Vielleicht fehlt das eine oder andere der Staatsoberhäupter, die Frank Plasberg zu Beginn der Sendung aus dem Studio „schickt“, tatsächlich. Denn es geht ja um globale Maßnahmen gegen den Klimawandel, die die Mächtigen in der Hand haben. Die reale Runde beleuchtet das weltweite Problem von einigen verschiedenen Seiten. Das macht die Sendung „hart aber fair“ kurzweilig. Obwohl für Deutschland nachvollziehbare Ansätze aufblitzen, bleibt es erwartungsgemäß bei einer Debatte ohne echter Lösung. Wer tatsächlich fehlt, sind Betroffene aus dem Ahrtal. Vielleicht nicht aus fachlicher Sicht. Der Talk wäre aber noch etwas breiter aufgestellt gewesen. (Michi Jo Standl)

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