„Hart aber fair“ (ARD) Peter Ramsauer
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„Hart aber fair“ (ARD) Peter Ramsauer klagt an

Inflationstalk bei „Hart aber fair“

„Verdammter Schuldnerstaat!“ Ramsauer fährt aus der Haut - Plasberg bekommt bei Grünen-Politikerin zu viel

Vor allem bei Lebensmitteln und Energie steigen derzeit massiv die Preise. Bei „Hart aber fair“ geht es um die Frage: Was können Politik und Verbraucher dagegen tun? 

Berlin - Bei Frank Plasberg und seinem Polit-Talk im Ersten, „Hart aber fair“, wird es dieses Mal sehr sozial. Unter dem Titel „Zieht euch warm an: Wie teuer sollen Heizen, Sprit und Lebensmittel noch werden?“ debattiert die Runde über Sozialpolitik - angesichts der derzeit in mehr oder minder ganz Europa steigenden Preise.

„Hart aber fair“-Gast rechnet vor: 13,2 Millionen Menschen leben in Deutschland in Armut!

Eine erschreckende Zahl liefert der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, zu Beginn der Sendung: Von den über 80 Millionen Einwohnern Deutschlands, so Schneider, lebten derzeit 13,2 Millionen Menschen in Armut. Schneider zählt dazu sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger, eine Millionen Menschen in Altersgrundsicherung und weitere sechs Millionen, die mit äußerst geringen Einkommen oder geringer Rente „nur knapp darüber“ liegen würden.

Plasberg erinnert an einen Lehrer vor dem Smartboard, wenn er Bilder von Gemüse, Kartoffeln und Eiern an die Studiowand projizieren lässt, um den Preisanstieg im Vergleich zum Vorjahr zu verdeutlichen. Bis zu 17 Prozent seien die Lebensmittelpreise gestiegen, der Gas-Preis, fügt Plasberg später hinzu, bereits um 28 Prozent.

Schneider, der auch Mitglied der Linken ist, sieht für Millionen Menschen das Existenzminimum unterschritten und klagt an: „Das, was jetzt geplant ist, ist verfassunsgwidrig“ und fordert mindestens einen Inflationsausgleich und damit eine wesentlich deutlichere Anhebung der Hartz-IV-Sätze als zuletzt von Bundestag und Bundesrat beschlossen.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Katarina Barley (SPD) - Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments
  • Peter Ramsauer (CSU) - Bundestagsabgeordneter, Vorsitzender des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
  • Mona Neubaur (Bündnis 90/Die Grüne) -  Landesvorsitzende in NRW 
  • Hermann-Josef Tenhagen - Chefredakteur des Verbraucher-Ratgebers Finanztip
  • Ulrich Schneider - Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands

Der Ex-Verkehrsminister und wiedergewählte CSU-Abgeordnete Peter Ramsauer zeigt sich von steigenden Spritpreisen angefasst, die, so Plasberg, an einigen Orten bereits die 2-Euro-Marke überschreiten. Ramsauer: „Wahnsinn! Schockierend!“ Der Chefredakteur des Verbraucher-Magazins Finanztipp, Hermann-Josef Tenhagen, sieht darin erst den Anfang: „Die Energiepreise werden weiter steigen“, prophezeit er.

Weniger berührt scheint Grünen-Politikerin Mona Neubaur. Sie sieht im Preisanstieg „die Krise der fossilen Energien“ und die Chance, die Energiewende voranzutreiben. Doch statt Zahlen und Fakten bemüht sie sich auffallend intensiv der Wiederholungstaktik, bis Moderator Frank Plasberg ihr am Ende mit dem Kommentar: „Das habe ich jetzt schon dreimal gehört …“ genervt das Wort abschneidet.

Auch Barley springt zunächst der Grünen bei und behauptet frisch und frei von der Seele weg: „Wir wissen, dass die erneuerbaren Energien am Ende deutlich günstiger sind, am Ende des Tages, für die Verbraucherinnen und die Verbraucher“. Für Plasberg klingt wenig überzeugt und will wissen: „Wann ist denn ‚Ende des Tages‘?“ Doch Barley bleibt bei ihrer ergebnisoffenen Rhetorik und prophezeit der neuen rot-grün-gelben Bundesregierung einen „richtigen Boost“ in Sachen Klimawende.

Katharina Barley spricht sich bei „Hart aber fair“ gegen die Senkung der Mehrwertsteuer aus

Tenhagen rät, ganz im Sinne seines Magazins, zu einem wachen Konsumententum. Preisevergleichen per App! Vor dem Tanken Tankstellenpreise abchecken! Allein in Berlin gebe es zwischen Autobahn-Tanke und denen im Stadtgebiet Unterschiede bis zu 18 Cent. Tenhagen: „Diese Tankstellenheinis nehmen es von den Lebenden, da muss man mal einen Punkt machen!“ Auch beim Gas rät er allen Verbrauchern zum regelmäßigen Vergleichen und im Zweifel zum Wechsel: „Da sind Zocker am Werk.“ Das überzeugt Schneider überhaupt nicht. Der kommentiert trocken: „Wir werden unsere Umweltprobleme nicht mit so einer App retten.“

Plasberg lässt per Einspieler einen Zuschauer zu Wort kommen. Der schlägt die Senkung der Mehrwertsteuer vor. Schneider ist skeptisch: Das habe man in der Corona-Zeit doch getan, die Mehrwertsteuer gesenkt, doch in den wenigsten Fällen seien die Einsparungen bei den Endkunden angekommen. Auch Barley ist gegen Maßnahmen mit der „Gießkanne“ und Schneider nickt: „Dann würden der Hummer, die Auster und der Jahrgangssekt genauso entlastet wie die Dose Ölsardinen und das Fläschchen Bier!“ Das findet er „obskur“. Auch Grünen-Politikerin Neubaur findet: „Wer das ernsthaft fordert, muss auch beantworten, wer dann Polizistin und Lehrer bezahlt.“ 

Inflation und Gegenmaßnahmen: CSU-Mann Ramsauer poltert gegen Italien: „... verdammter Schuldnerstaat!“

Plasberg lässt trotzdem nicht locker, zeigt in einem Einspieler, wie es die EU-Nachbarn Italien, Spanien und Frankreich halten: Mehrwertsteuer senken, Strom-Mehrwertsteuer halbieren, staatliche Deckelung der Gaspreise. Jetzt kontert Ramsauer: „Das sind die richtigen Länder!“, kommentiert er zynisch und betitelt sie „mediterrane Schuldnerstaaten“.

Als Plasberg den Satz einleitet: „Von Italien lernen, heißt …“ ergänzt Ramsauer: „von einem verdammten Schuldnerstaat lernen!“ Der Bayer echauffiert sich: „Die spekulieren alle darauf, wenn es zu dieser neuen Regierung kommt, dann werden die Schulden in Europa vergemeinschaftet, und die Deutschen werden schon zahlen. Nicht mit mir! Das ist unverantwortlich!“ Europapolitikerin Barley verdreht die Augen und ermahnt: „Herr Ramsauer!“ Sie hat dann aber auch Kritik am Vergleichsfilmchen: „Das ist Äpfel mit Birnen verglichen.“ In Spanien habe sich der Gas-Preis verfünffacht. In Frankreich habe die Regierung quasi ein Monopol am Gas, das lasse sich nicht auf Deutschland übertragen.

Russland und Putin Thema bei „Hart aber fair“ - spontane GroKo verteidigt Nord Stream

„Hat jemand eigentlich Lust über Herrn Putin zu reden? Liefert Russland derzeit mit Absicht weniger Gas?“, leitet Plasberg zum nächsten Thema über. Die Grünen-Politikerin Neubaur meint: Ja. Er wolle damit Druck zur Inbetriebnahme von Nord Stream 2 ausüben. Ramsauer ist anderer Meinung: „Mir ist völlig neu, dass Putin unter die Gashändler gegangen ist“, kommentiert er wieder zynisch. Auch müsse Gazprom doch vollkommen verrückt sein, mit dem Bau von Nord Stream die Kapazität zu verdoppeln und dann weniger liefern zu wollen.

Auch SPD-Frau Barley hält die Aufregung um Nord Stream 2 für unangebracht und hebt hervor: „Russland hat seit dem Zweiten Weltkrieg immer zuverlässig Energie geliefert.“ Und wendet mit Verweis auf die Menschenrechtsverletzungen der Golf-Staaten ein: „Hat da mal irgendjemand gesagt: ,Das stoppen wir?’“ Und Ramsauer ergänzt klimapolitisch: „Ist denn Fracking-Gas aus den USA besser als Gas aus Russland?“

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

„Das Leben ist schön, man muss es sich nur leisten können!“, kommentiert Frank Plasberg selbst seine Sendung. „Das Thema war gut, man muss es nur dirigieren können“, hätte er zum Ende sagen können. Die Sendung wirkt teilweise wie ein Stuhlkreis, jeder darf mal was sagen, Infos gibt es reichlich, auch Ideen, doch zielgerichtet wirkt es nicht. Am Ende ist der Zuschauer auch nicht schlauer.

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