Hart aber fair: Frank Plasberg führt durch die Sendung
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Hart aber fair: Frank Plasberg führt durch die Sendung

„Ich schlafe immer schlechter“

„Hart aber fair“: Friseurmeisterin am Ende ihrer Kräfte - Minister bleiben nur ein paar Worte und er gesteht Fehler

Bei „Hart aber fair“ kamen dieses Mal die Menschen zu Wort, die die Leidtragenden der Corona-Krise sind. Was geht in ihnen vor? Welche Hilfe brauchen sie?

  • Aktuelles Thema des Plasberg-Talks „Hart aber fair“: Lockdown und kein Ende: Wie geht es Ihnen in der Krise?
  • Arbeitsminister Hubertus Heil gestand den Ernst der Lage angesichts der vielen Pleiten ein: „Mir blutet das Herz.“
  • Psychologie-Professorin Sieverding warnt vor einem Umschwung der Gefühle, wenn Menschen dauerhaft die Möglichkeit genommen wird, ihr Leben selbst zu bestimmen.

Berlin - Diese Talk-Runde war überfällig. Wie schon im Dezember, als Plasberg junge Menschen ins Studio lud, kamen in der neuen „Hart aber fair“-Runde nicht wieder nur Virologen und Politiker, sondern „normale“ Bundesbürger zu Wort. Menschen, die aktuell unter der Corona-Krise leiden und für die es - zumindest derzeit - scheinbar keinen Ausweg gibt. 

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Hubertus Heil (SPD) - Bundesminister für Arbeit und Soziales
  • Prof. Dr. Monika Sieverding - Leiterin Gesundheitspsychologie am Institut für Psychologie an der Universität Heidelberg
  • Dr. Carola Holzner - Fachärztin für Intensivmedizin und Notfallmedizin am Klinikum Essen
  • Jan Weiler - Schriftsteller und Kolumnist
  • Kirstin Vietze - Inhaberin eines Friseursalons in Berlin

Arbeitsminister Heil bei „Hart aber fair“ angesichts der Pleite-Betriebe: „Mir blutet das Herz“

Zuerst gibt Friseurmeisterin Kirstin Vietze aus Berlin den 240.000 Beschäftigten im Friseurgewerbe eine Stimme. Die Mutter von drei Kindern im schulpflichtigen Alter und mit pflegebedürftigen Angehörigen steht kurz davor, ihren über 100 Jahre alten Familienbetrieb zu verlieren. Vietze fällt aus dem Raster der Corona-Hilfen, muss Kredite bedienen, um weiter über die Runden zu kommen und gibt offen zu: „Das Konto ist leer. Ein Schuldenberg ist am Wachsen, ich schlafe immer schlechter.“ Und gefühlsmäßig: „Es ist ein ständiges Wechselbad der Gefühle, ich weiß nicht mehr, wie ich das meisten soll. Man sieht auch gar kein Licht mehr am Ende des Tunnels.“

Arbeitsminister Hubertus Heil sitzt als einziger Funktionär in der Runde und muss den Regierungskurs verteidigen. Er zeigt sich emphatisch gegenüber Vietzes persönlicher Tragödie: „Das lässt mich nicht kalt, das betrübt mich“, sagt der Minister. Und gesteht ein: „Wir haben Wirtschaftshilfen, die zu spät angelaufen sind oder manchmal zu bürokratisch sind“, ihm blute das Herz. Konkretere Hilfe hat er aber nicht anzubieten.

Notfallmedizinerin kritisiert bei Plasberg Kommunikationsstrategie der Bundesregierung

Notfallärztin Dr. Carola Holzner spricht von der Belastung auf der Intensivstationen. Die Ärztin betreibt nebenbei ihren medizinischen Blog „Doc Caro - Medizin für Alle“, um Aufklärungsarbeit leisten, wie sie sagt. Sie wünscht sich bessere Kommunikation. Holzner: „Mir fehlt in dem ganzen Management die Transparenz.“

Schriftsteller Jan Weiler, bereits immunisiert durch eine Corona-Erkrankung, büßte im vergangenen Jahr wegen einer ausgefallenen Lese-Reise die Hälfte seines Einkommens ein. Er versucht die Situation mit Humor zu nehmen: „Ich habe dafür alle Schrauben in meinem Haus festgezogen - es ist in einem einwandfreien Zustand.“ Eine Forderung hat er dennoch: „Ich erwarte von der Politik, dass sie irgendwann mal mitteilt, wie sie mit den Leuten umgeht, die geimpft sind oder es [Coronavirus] schon hatten.“ Wieso dürfen Menschen dicht an dicht im Flieger sitzen, aber nicht mit Abstand in der Oper?

Woran liegt es, wie wir mit Belastungen umgehen?“, will Moderator Plasberg von der Psychologie-Professorin Prof. Dr. Monika Sieverding wissen. Die lässt keinen Zweifel offen, die innere Einstellung macht es. Sieverding: „Wenn man immer hadert, ist das sicher nicht gut für die Psyche.“ Es brauche ein intrinsisches Ziel, also das Gefühl, dass man sein Leben selbst bestimmt und nicht von außen aufgedrängt bekommt. 

Psychologin Sieverding warnt bei „Hart aber fair“ vor einer Zunahme von Wut und Frust

Ihre Kritik: Die Medien würden zu sehr auf negative Nachrichten setzen. Sieverding: „Wir könnten uns jeden Tag freuen, dass es zwei Firmen geschafft haben, einen wirksamen Impfstoff herzustellen. Stattdessen zermartern wir uns gegenseitig mit Vorwürfen, dass es nicht ganz so schnell losgeht, wie es eigentlich geplant war. Das tut uns allen, auch als Gesellschaft, nicht gut“.

Plasberg wendet ein, dass die Problemlage nicht gerecht verteilt sei. Wer in einem Haus lebe, hätte es einfacher als in einer Dreizimmerwohnung mit Kindern. Es gebe Menschen, die von der Krise profitieren, während andere die Verlierer seien. Eine Zuschauerstimme bringt es auf den Punkt: „Wo zum Geier soll ich den noch optimistisch bleiben, bei einem System, in dem die Politik selbst ratlos ist?!“

Und plötzlich zeigt sich auch die Professorin kritisch, zum Beispiel gegenüber der nächtlichen Ausgangssperren, das Rätselraten um ein Lockdown-Ende und sie warnt sogar: „Man weiß nicht, wie es weitergeht. Das kann dann zu so einem Gefühl von Hilflosigkeit führen, das dann in Wut, Frust, Enttäuschung oder Ärger umschlägt.“

Heil über Neonazis: „Da ist es sinnvoller, eine Parkuhr vollzuquatschen“

Den Frust hat „Doc Caro“ mitbekommen, als sie in ihrem Dauereinsatz im Kampf gegen Corona im Netz unter anderem als „ein verlogenes Stück Sch…!“ beschimpft worden war. Autor Jan Weiler meldet sich zu Wort: „Wir nehmen zu viel Rücksicht auf die“, schimpft er und kritisiert: „Ich finde, dass man solche Leute auch in solchen Sendungen wie hier nicht zitieren sollte“. Heil leistet Schützenhilfe: Er selbst diskutiere zwar mit AfD-Wählern, aber nicht mit eingefleischten Neonazis. Heil: „Da ist es sinnvoller, eine Parkuhr vollzuquatschen“. „Solche Leute“, so Heil, dürfe man sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen, vor allem vor dem Hintergrund, dass „die Mehrheit in diesem Lande anständig und vernünftig ist“.

Fazit der „Hart aber fair“-Talk-Sendung

Auch Plasberg blieb vernünftig, vielleicht auch gnädig. Zum Talk-Thema „Corona-Frust“ hätte er sicher bitterere Stimmen zu Wort kommen lassen können. Stattdessen galt das Motto: Kritik ja, aber bitte zivilisiert. Das tat der Runde keinen Abbruch, wirkte aber ein wenig schön gebügelt. Was fehlte: Keine Zahlen zur Arbeitslosenquote, zum Anstieg der Armut und den sich vergrößernden Gräben zwischen Arm und Reich seit Beginn der Corona-Krise - EU-weit. Auch dieser Umstand offenbarte den Ernst der Lage.

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