Prof. Dr. Lauterbach bei Hart aber fair (ARD)
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Prof. Dr. Lauterbach bei Hart aber fair (ARD)

Sondersendung bei „hart aber fair“

AstraZeneca-Stopp - Lauterbach macht deutliche Ansage: „Uns droht dann eine Katastrophe“

Das Impf-Debakel in Deutschland ist um ein Kapitel reicher: AstraZeneca wird derzeit nicht mehr verimpft. SPD-Mann Karl Lauterbach hat dafür kaum Verständnis.

Berlin - Das Thema des „hart aber fair“-Talks am Montagabend im Ersten wurde kurzfristig geändert - ursprünglich war eine Diskussion zum Stand der CDU nach der Ära Merkel geplant gewesen, doch nach dem plötzlichen Impfstopp von AstraZeneca und der angespannten Corona-Lage in Deutschland fragte Moderator Frank Plasberg in die Runde: „Stopp für AstraZeneca: Impfplan gescheitert?“

„hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) - SPD-Bundestagsabgeordneter, Gesundheitsökonom und Epidemiologe
  • Dr. Andreas Gassen - Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, zugeschaltet
  • Ranga Yogeshwar - Wissenschaftsjournalist und Autor, zugeschaltet
  • Robin Alexander - Stellvertretender Chefredakteur der „Welt“ und „Welt am Sonntag“

Das deutsche Paul-Ehrlich-Institut sprach die Empfehlung aus, CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn verkündete es am Nachmittag: Auf Grund gehäufter Thrombose-Fälle nach dem Einsatz von AstraZeneca wird der Gebrauch vorerst eingestellt, viele EU-Länder ziehen mit. „Ein Nackenschlag mitten im Beginn der dritten Welle“, kommentiert Plasberg die Entwicklung und fragt in die Runde: eine richtige Entscheidung?

Lauterbach kritisiert bei „hart aber fair“ den AstraZeneca-Stopp: „Wir sind in einer solchen Notlage!“

„Nein“, lehnt sich SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gleich zu Beginn der Sendung überraschend aus dem Fenster und stellt klar: Wäre er Gesundheitsminister hätte er es nicht getan. „Wir sind in einer solchen Notlage, dass ich es bevorzugt hätte zu sagen: ‚Wir lassen das untersuchen, impfen aber in dieser Zeit weiter!‘“ Die Fallwahrscheinlichkeit für schwere Nebenwirkung liege mit AstraZeneca bei 1:250.000 Geimpften, das sei angesichts der bedrohlichen Lagen vertretbar, so Lauterbach.

Allerdings räumt Lauterbach im Hinblick auf die angespannte Lage zwischen Kanzlerin und Gesundheitsminister Jens Spahn ein: „Es wäre die Frage gewesen, ob ich mich damit hätte durchsetzen können.“ Und geht noch einen Schritt weiter mit Interna aus dem politischen Innenraum: „Wären die Kanzlerin und Helge Braun bei ihrer Linie geblieben, dann hätte ich sicherlich keinen Aufstand gemacht.“

Ehrliche Worte, trotzdem bekommt der SPD-Mann keinen Beifall in der Runde. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, selbst schon mit AstraZeneca geimpft, das er nach eigenen Aussagen gut vertragen habe, verteidigt die Spahn-Entscheidung: „Wenn das Paul-Ehrlich-Institut sagt, wir wollen das mal prüfen, dann ist es wenig ergiebig, Kraft eigener Wassersuppe zu sagen, wir impfen jetzt fröhlich weiter!“

Video: Von Astrazeneca bis Johnson & Johnson - vier Impfstoffe im Vergleich

Stopp von AstraZeneca führt zum Aussetzen von 350.000 Impfungen

Gassen findet die Überprüfung der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA den einzig richtigen Weg - auch hinsichtlich des Problems, dass nun eine Woche ohne weitere Impfungen mit AstraZeneca ins Land gehe: „Es muss jedem freigestellt sein, zu sagen: Ja, das Risiko gehe ich ein, weil ich Sorge habe, Corona zu bekommen. Oder: Nein, ich bin kerngesund, ich werde schon nicht krank werden.“ Und stellt klar: „Transparenz ist das wirksamste Mittel gegen Verschwörungen und Impfgegner.“

Auch der Journalist Robin Alexander verteidigt den Kurs der Bundesregierung: „Das Datenmaterial hat sich verändert. Vorher lag es innerhalb der statistischen Häufigkeit“, seit dem Wochenende lege es darüber, das könne weder wissenschaftlich noch politisch ignoriert werden. TV-Wissenschaftler Ranga Yogeshwar pflichtet ihm bei. Er habe persönlich mit dem Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, telefoniert und sich rückversichert. „Wir reden von Nebenwirkungen, die wirklich gefährlich sind.“ Bei der „Impfskepsis“ in der Bevölkerung, finde er es wichtig, zu zeigen, dass Risiken ernst genommen und abgewägt werden würden.

Alle „hart aber fair“-Gäste würden sich weiterhin mit AstraZeneca impfen lassen

„Würden Sie sich weiter mit AstraZeneca impfen lassen?“ fragt Plasberg in die Runde, denn verboten sei der Impfstoff ja trotz des Stopps nicht. Die Antwort ist klar: Alle würden. Robin Alexander: „Sie können mich Tag und Nacht anrufen, ich bin in 15 Minuten da!“

KV-Chef Gassen macht deutlich, dass das Aussetzen von AstraZeneca das Impftempo nun wesentlich verlangsame. Bei derzeit rund 240.000 Impfdosen mache das 50.000 Impfungen pro Tag - 350.000 pro Woche - weniger.

Ein Umstand den Lauterbach sofort wieder ins Kopfschütteln bringt: „Die Engländer haben die gleichen Daten und machen trotzdem weiter“, moniert wer. Er ist sich sicher: Der Impfstoff darf nach der Prüfung weiter genutzt werden. Die EMA wird weiterhin - wie schon derzeit - zu dem Ergebnis kommen, dass der Nutzen überwiegt.

„Und wenn nicht?“, fragt Plasberg und malt den Teufel an die Wand. Lauterbach: „Dann droht uns eine Katastrophe“, dafür sei AstraZeneca weiterhin ein zu wichtiger Bestandteil der Impfstrategie. Das Impftempo würde stark gedrosselt, man bekäme Probleme hinsichtlich der neuen Mutationen. Denn: „Die Impfstoffe, die wir jetzt verimpfen, wirken nur eingeschränkt gegen die südafrikanische und die brasilianische Variante“, von weiteren Varianten ganz zu schweigen. Einziges Gegenmittel: Immer neue Impfungen.

Fazit des „hart aber fair“-Talks

Der spontane Themenwechsel tat der Sendung keinen Abbruch - im Gegenteil. Weniger Gäste als sonst beim Plasberg-Talk, dafür mehr Raum für einzelne Statements. Das war mehr Infotainment statt Debatte, schadete aber nicht. Akademisch zivilisiert und dennoch verständlich kommuniziert wurden die Argumente dargelegt. Ein Talk gegen Aufregung für Aufklärung - mit fundierter Wissensvermittlung. Eigentlich könnte man sagen: mehr davon. Und doch blieb ein fader Nachgeschmack: Nach der Impfung ist inzwischen vor der Impfung. Ist das also die neue Normalität?

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