Plasberg nimmt sich in „Hart aber fair“ im Ersten der Menschen an, deren Löhne sinken
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Plasberg fragt in die Runde: „Arm trotz Arbeit – wird sozialer Aufstieg zum leeren Versprechen?“

Arm in Deutschland - trotz Job

Hart aber fair (ARD): Frank Plasberg diskutiert über Mindestlöhne - alleinerziehende Mutter sorgt für betretenes Schweigen

Frank Plasberg diskutiert bei „Hart aber fair“ mit seinen Gästen in der ARD über Mindestlohn und Armut in Deutschland trotz Arbeit. Es wird emotional.

Frank Plasberg nimmt sich in „Hart aber fair“ in der ARD der Menschen an, deren Löhne niedrig sind. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) - Gast in der Sendung - gießt es in Zahlen: Zehn Millionen Menschen arbeiten in Deutschland Vollzeit im Mindestlohn-Sektor. Plasberg fragt in die Runde: „Arm trotz Arbeit – wird sozialer Aufstieg zum leeren Versprechen?“

Zunächst kommt Djamila Kordus zu Wort. Sie ist eine deutsche Arbeiterin. Die alleinerziehende Lageristin arbeitet für 10,64 Euro die Stunde im Schichtdienst und beschreibt einen ganz normalen Tag: 4 Uhr aufstehen, 5 Uhr die Tochter wecken. Das Kind in den Frühhort geben, eine Stunde mit Bahnfahrt zur Arbeit, 7.30 Uhr Schichtbeginn. Ihre siebenjährige Tochter kann sie nach zehn Stunden in Betreuung erst am späten Nachmittag wieder abholen. „Im Winter“, kommentiert Plasberg, „sieht Frau Kordus ihr Kind nur im Dunkeln.“ Betretene Gesichter in der Talk-Runde.

Hart aber fair in der ARD - diese Gäste diskutierten bei Frank Plasberg mit:

  • Hubertus Heil (SPD) - Bundesminister für Arbeit und Soziales
  • Lencke Wischhusen (FDP) - Fraktionsvorsitzende in der Bremischen Bürgerschaft
  • Arndt Kirchhoff - Geschäftsführender Gesellschafter der Kirchhoff-Gruppe, Präsident der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW
  • Julia Friedrichs - Autorin von „Working Class“
  • Djamila Kordus - Einzelhandelskauffrau, Logistikern bei einem Online-Händler und alleinerziehende Mutter

Kordus mache die Geldknappheit zu Schaffen: „Ich bekomme meinen Lohn und es kann dann sein, dass ich am 3. des Monats schon wieder pleite bin.“ Auch die Tochter merke bereits, dass es stets knapp sei: „Sie vergleicht ihre Schulmappen, ihre Kleider“, aber die dreifache Mutter, deren zwei andere Kinder schon erwachsen sind, „habe es ihr erklärt und sie versteht es.“ Dem Zuschauer wird deutlich, was Armut auch im reichen Deutschland vor allem den Kindern abverlangt.

Arndt Kirchhoff, Unternehmer und Chef von 13.000 Mitarbeitern, lässt durchklingen, dass es sich für die Lagerarbeiterin kaum lohne, arbeiten zu gehen. Arbeitslosengeld II wäre demnach durchaus eine Option - dann müsse ihr Kind auch nicht so früh raus, so Kirchhoff. Doch für Kordus, selbst Kind von Geringverdienern, ist das keine Option. Sie ist stolz auf ihren Job. „Ich bin damit groß geworden, dass Arbeit das Wichtigste ist“, erklärt die Lageristin. Sie möchte ihrem Kind ein gutes Vorbild sein. „Wenn ich nur zu Hause sitze: Was sollen die Kinder denn später mal machen?“

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) verrät bei „Hart aber fair“ in der ARD private Details

Hubertus Heil ist ebenfalls ein Kind einer alleinerziehenden Mutter - einer Lehrerin, wie er in der Sendung erzählt: „Mein Vater ist abgehauen, hat keinen Unterhalt gezahlt und sie mit Schulden dagelassen.“ Er ist ganz auf der Seite von Kordus: „Da fängt es an, für diese Gesellschaft gefährlich zu werden, wenn die, die sich abrackern, das Gefühl haben, dass die Gesellschaft ihnen keinen Respekt zollt, und auch keinen anständigen Lohn!“ Arbeit sei zudem wichtig für die soziale Wertschätzung eines Menschen.

Heils Forderung: Der Mindestlohn in Deutschland muss bei 12 Euro liegen. Geplant war bislang ein Anstieg auf 10,45 bis Mitte 2022. Plasberg rechnet vor: Bei 12 Euro wären das jährlich 210 Euro mehr für Frau Kordus - brutto. Kirchhoff ist aus Prinzip gegen den Mindestlohn, denn die Löhne in seinem Unternehmen liegen - über der gesetzlichen Vorlage - bei mindestens 16 Euro, was auch für „Packer“ gelte.

Trotzdem: Die Tarifverträge sind Kirchhoff heilig. „Wenn Herr Heil das durchsetzen will, dann setzt er 200 Tarifverträge obsolet, das heißt, die überrollt er einfach“, meint der Wirtschaftsmann. „Da sind 650 Lohngruppen drin!“ Er schlägt vor, das gemeinsam mit den Gewerkschaften zu regeln. „Die machen das!“

„Hart aber fair“ in der ARD: SPD-Minister Hubertus Heil und FDP-Politikerin diskutieren eifrig

Heil wendet ein: „Nur 47 Prozent der Arbeitgeber-Verträge haben Tarifbindung.“ Die Regelung eines Mindestlohnes sei unerlässlich. Da ist auch Kirchhoff sprachlos. Plasberg untermauert dies mit einem Beispiel aus der Praxis: Die Arbeiter auf der Baustelle der neuen Tesla-Fabrik in Brandenburg beklagen sich über 8,70 Euro Stundenlohn. Nicht Tesla ist der Auftraggeber, sondern ein „Sub-Sub-Subunternehmen“. Kirchhoff ist schockiert: „Das kann doch nicht sein, Herr Heil. Oder wird das nicht kontrolliert?“. Heil windet sich: „Viele Länder haben die Arbeitsschutzkontrollbehörden kaputt gespart.“

Die FDP-Politikerin Lencke Wischhusen sieht den Fehler in der hohen Besteuerung - vor allem im Mittelstand. Wischhusen: „Frau Kordus muss jetzt schon Steuern zahlen auf ihren sehr geringen Lohn.“ Kirchhoff ist beim Thema Steuererleichterungen sofort auf FDP-Seite: Der Mittelstand werde „viel zu hoch besteuert“, wettert er und meint vor allem die Leistungsträger bis 80.000 Euro Jahreseinkommen. Und an Heil gerichtet: „Die haben viel zu wenig Netto vom Brutto. Warum geht man da nicht ran?“ Doch Heil ist Arbeits- und nicht Finanzminister. Er kann zu Steuerpolitik wenig sagen.

Erkenntnis bei „Hart aber fair“ in der ARD: Die Hälfte aller Deutschen verdient zu wenig für Rücklagen

Plasberg will zurück zu Frau Kordus: „Was kann sie tun, damit sie mehr verdient?“. Sie solle zu Herrn Kirchhoff gehen, rät Wischhusen der Lageristin. „Im Mittelstand verdienen Sie ganz anders. Die große Konzerne zahlen die schlechtesten Löhne!“ Heil empört sich: „So einfach ist die Welt auch nicht.“ Zehn Millionen Geringverdienern könne man nicht einfach sagen: Gehen sie in den Mittelstand. Heil weiter: „Vor allem weil man auch nicht so einfach umziehen kann. Wir verniedlichen hier die Diskussion.“

Buchautorin Friedrichs weist auf einen anderen Umstand hin: Deutschland braucht Arbeitskräfte wie Frau Kordus - Pfleger, Reinigungskräfte, Lagerarbeiter seien das Rückgrat der Gesellschaft. „Wenn wir sagen: Wir wollen saubere U-Bahn haben, dann müssen wir die Menschen doch anständig bezahlen“, erklärt Friedrichs. Und sie bringt noch eine andere Zahl ins Spiel: „Die Hälfte der Menschen in Deutschland“ kann keine Rücklagen bilden. Es werde gerade soviel verdient, dass es für den Monat reiche. Huberts Heil kommentiert lakonisch: „‘Jeder ist seines Glückes Schmied‘ reicht nicht, weil nicht jeder Schmied Glück hat.“

Fazit des „Hart aber fair“-Talks bei Frank Plasberg (ARD): Es gibt auch andere wichtige Themen außer Corona

Nachdem Corona für ein Jahr fast alle sonstigen Themen vom Talk-Tisch gefegt hatte, wurde durch diesen Talk deutlich: Es gibt auch andere wichtige Probleme. In einem der reichsten Länder der Welt steigt die Armut. Und zwar nicht bei den Arbeitslosen, sondern bei den Fleißigen und Gesellschaftsträgern. Dass das unglaublich ungerecht ist, ist klar. Die Lösungsidee von Hubertus Heil: Lohnerhöhung im Mindeslohnsektor. Ob das reicht, um die immer größer werdende Schere zu stoppen? Fraglich.

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