hartaberfair (ARD): Frank Plasberg führt durch die Sendung
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hartaberfair (ARD): Frank Plasberg führt durch die Sendung

Experte liefert Impf-Entwarnung

„Hart aber fair“: Reporterin schwärmt in Israel, bitteres Impf-Fazit für Deutschland folgt - „Das ist besorgniserregend“

Anlässlich des Impfgipfels klärt Plasberg mit Experten die wichtigsten Fragen zum Thema. Allen voran: Wann gibt es genug Impfstoff für alle? 

Berlin - „Hart aber fair“ wich am Montag mal wieder vom üblichen Plan ab: Moderator Frank Plasberg setzte kurz nach dem Impf-Gipfel eine Info-Sendung zum Thema Impfen an. Er wollte an diesem Abend die brennendsten Fragen klären: Wann gibt es genug Impfstoff für alle? Was ist mit Risiken und Nebenwirkungen? Wann ist die Herdenimmunität erreicht - und wird sie gegen neue Mutanten ausreichen?

Positiv soll die Stimmung bleiben, gibt Plasberg die Fahrtrichtung seines Talks vor - also bitte lösungsorientiert, statt Probleme wälzen - auch angesichts der Tatsache, dass zuletzt (erst) 7,2 Prozent der Bundesbürger zweifach geimpft waren.

Höhepunkt der Motivation: Die Schalte aus Tel Aviv soll Laune aufs Impfen machen. Aktuelle Feierbilder aus einem Club mit knutschenden Pärchen werden eingespielt und Korrespondentin Susanne Glass sagt: „Mit Freunden essen gehen, das fühlt sich wunderbar an! Als ich das erste Mal wieder rausgegangen bin, das war so ein Aufatmen… Da ist mir bewusst geworden, wie wichtig das ist für die seelische Gesundheit“, so die Reporterin. Auch dass die geschlossenen Läden wieder neu geöffnet werden, weil die Menschen wieder einkaufen gehen können, dass sich Menschen wieder umarmen können, „tue einfach gut“.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Dilek Kalayci (SPD) - Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung des Landes Berlin, zugeschaltet
  • Johannes Vogel (FDP) - Generalsekretär in NRW
  • Anke Richter-Scheer - Leiterin des Impfzentrums Minden-Lübbecke
  • Prof. Dr. Carsten Watzl - Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund
  • Stephan Grünewald - Psychologe
  • Susanne Glass - Leiterin des ARD-Fernsehstudios in Tel Aviv, zugeschaltet

So viel der schönen Aussicht. Jetzt geht es ans Eingemachte. Wie hat es Netanjahu eigentlich geschafft, dass er so viele Impfdosen im Land hatte, dass er sogar am Strand impfen lassen konnte, fragt Plasberg neugierig.

Corona-Impfung Thema bei „Hart aber fair“: Netanjahu habe Pfizer-Chef mit nächtlichen Anrufen „genervt“

Die Antwort zeigt, wie Politikstile sich international unterscheiden: Benjamin Netanjahu, so Korrespondentin Glass, habe einfach „genervt“ und sich selbst öffentlich damit gebrüstet, „50 Mal beim Pfizer-Chef angerufen“ zu haben. Auch der Pfizer-Chef habe bestätigt, sogar nachts vom Premier kontaktiert worden zu sein. Doch am Ende habe wohl auch ein Deal überzeugt, der Pfizer den Transfer anonymisierter Patientendaten aus Israel ermöglicht habe.

FDP-NRW-Generalsekretär Johannes Vogel springt auf die Idee an. Anonymisiert wäre das auch in Deutschland möglich gewesen, der Datenschutz hätte so eine „Studie“ nicht ausgeschlossen, ist sich Vogel sicher. Aber der Zug ist abgefahren. „Was man schon lernen kann“, meint Vogel im Blick auf die derzeitige Lage, sei „erstens Pragmatismus“ und „zweitens vorausschauendes Handeln“. Deutschland habe vor allem darüber diskutiert, dass bloß niemand zu früh geimpft werde.

Die Probleme der Impfstoff-Beschaffung kämen auf Deutschland erneut zu, meint Vogel - spätestens, wenn ein Impfstoff nicht mehr gegen Mutanten wirke. Er zweifelte, ob die Koalition auf diesen Fall vorbereitet ist. „Ich habe die Bundesregierung genau das gefragt. Die Antwort war: Wir prüfen und monitoren das.“ „Das klingt besorgniserregend“, wirft Plasberg ein.

Plasberg-Gäste sind sich einig: Priorisierung müsse flexibler gehandhabt werden

Stichwort für die Impfzentrum-Leiterin Anke Richter-Scheer, die direkt von der „Front“ eine Lanze für mehr Impffreiheit bricht - bei voller Zustimmung der Runde: „Wir brauchen jetzt eine Flexibilität und eine Lockerung!“ Sprich: Mehr Einsatz von Hausärzten, Freiheit bei der Wahl, wen sie impfen. Der 63-jährige Plasberg gibt in einem Nebensatz zu, bereits einmal geimpft worden zu sein - möglich gemacht durch eine sogenannte „Rest-Dosis“. „Einzelfall-Entscheidungen sind zu vertreten“, unterstreicht Anke Richter-Scheer, „sie bringen uns weiter in der Herdenimmunität“. Auch das Thema „Impf-Drängler“ poppte an dieser Stelle auf, wie bei hamburg24.de* nachzulesen ist.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (Linke) sieht das genauso: „Jede geimpfte Person ist ein Beitrag zur Herdenimmunität.“ Und: „Die Priorisierung in der ersten Phase war wirklich wichtig, denn damit haben wir Leben gerettet. Das können wir nachweisen.“ Inzwischen sei die Situation aber eine andere: Mit den zu erwartenden Impfdosen - zwischen 56 bis 80 Millionen - könne man demnächst „bis zu 50 Prozent der Berliner ein Impfangebot machen“. An anderer Stelle wird Kalayci deutlicher: „Ich bin dafür, dass wir die Priorisierung endlich aufheben.“

So weit, so einig. Für Risiken und Nebenwirkungen sitzt Immunologie-Professor Carsten Watzl in der Sendung. Er weist darauf hin, dass - egal ob mit Astrazeneca, Johnson & Johnson oder Biontech/Pfizer - eine Wiederansteckung mit Corona trotz zweifacher Impfung möglich ist. In den USA gebe es 5000 solcher Fälle. In Relation zur Bevölkerung entspreche das allerdings bloß 0,008 Prozent.

„Hart aber fair“-Experte gibt Entwarnung: Mutanten weniger gefährlich als bislang angenommen

Wie es mit den Mutanten aussehe, fragt Plasberg zaghaft. Experte Watzl gibt Entwarnung: Das Motto „ich warte, bis der bessere Impfstoff kommt“, sei riskant: „Im Moment gibt es keine Mutante, bei der die Impfstoffe nicht wirken.“ Weder die britische, die südafrikanische - auch nicht die relativ ungefährliche indische, so Watzl. Dagegen sinke bereits nach einer einfachen Impfung das Risiko, sich anzustecken, um 50 Prozent - und falls es doch zu einer Corona-Infektion käme, verlaufe diese bei Geimpften deutlich milder, das Todesrisiko werde massiv gesenkt, weiß der Immunologe.

Corona werde nicht mehr verschwinden, ist sich Watzl sicher. 70 Prozent Geimpfte im Land sei die Grundlage für die zukünftige Herdenimmunität - und für die Rückkehr zur Normalität. Watzl stellt klar, dass das bedeute, dass „im Sommer durchgeimpft“ werden müsse, sonst habe man „das böse Erwachen im Herbst.“ Da bremst Plasberg ihn aus. Genug der negativen Infos: „Auch der Herbst hat schöne Tage!“

Der Blick auf den Rest der Welt - die positiven Beispiele Israel und USA ausgenommen - wird bei Plasberg ebenfalls ausgeklammert. Genau wie die Frage, welche Auswirkungen es hat, wenn die meisten Nationen die nächsten Jahre vermutlich ohne Impfstoff auskommen müssen

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

Viele, viele Infos. Fast ein wenig zu viel. Am Ende raucht wohl einigen Zuschauern der Kopf. Und eins wird klar - das Ziel der Sendung ist: Lust aufs Impfen machen, den Impfgegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Denn eins braucht das Land jetzt wohl nicht: Wenn der Impfstoff nun endlich da ist, eine Mehrheit, die sich nicht impfen lassen will - und/oder die nächste Riesen-Debatte über Sinn und Notwendigkeit. / *hamburg24.de ist eine Angebot von IPPEN.MEDIA.

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