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Energiepreis-Talk bei „Hart aber Fair“: TV-Promi Lesch entgeistert - „Verrückt! Was haben die genommen?!“ 

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Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ (ARD).
Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ (ARD). © ARD (Screenshot)

Die Strom- und Gaspreise steigen, die ökologische Wende wird teurer als gedacht und der Poker um Energieexporte sorgt für Konflikte. Was ist die Strategie?

Berlin - Beim Thema des französischen Wiedereinstiegs in die Atomenergie ist ZDF-Wissenschaftsmoderator Harald Lesch von den Socken: „Die sind verrückt!“, meint er. Abgesehen von den Ewigkeitskosten, die durch die Lagerung der über Jahrtausende strahlenden atomaren Abfälle entstünden, komme ein absurder Zeitplan hinzu: „Die Franzosen müssten jetzt bis zu 20 neue Reaktoren bauen.“ Bis die Dinger stünden, sei die Erderwärmung eigentlich erledigt. Lesch: „Ich habe wirklich gedacht: Was haben die genommen?“

Um das Thema Energiewende geht es bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“-Polit-Talk in der ARD*. Es ist gefühlt der erste Themenwechsel nach fast zwei Jahren durchgängigem Corona-Debattieren - und der Moderator, für provokantes Fragen bekannt, lässt keinen Zweifel, um welche Kernfrage sich seine Diskussion drehen soll: „Zu Hause warm und hell: Wer kann sich diese Energiepreise noch leisten?“, kurz gesagt: Kosten vs. Klimaschutz. Der Talk kommt pünktlich zum Antrittsbesuch von Klimaminister Robert Habeck in Brüssel.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

Die Zuschauer, die dachten, die Energiewende - weg von fossilen und nuklearen Trägern hin zu nachhaltiger Energiegewinnung - sei „für umme“, so Plasberg lapidar, belehrt die Sendung eines Besseren. Lesch macht seinen Standpunkt deutlich: „Wir haben einfach nicht verstanden, wie teuer Energie tatsächlich ist“, so der Grundsatzvorwurf des Professors für Astro-Physik an der LMU München. Mit „Wir“ meint er die Politik, die Wirtschaft, aber auch Endverbraucher.

„Hart aber fair“: ZDF-Wissenschaftsmoderator zieht vom Leder - „Wir sind energetisch verfettet!“

„Energie“, so Lesch, der auch ZDF-Wissenschaftsmoderator ist, habe der Markt, aber auch die Politik zu einer „Ware“ gemacht, die einen „Preis“ habe, aber keinen „Wert“. Es sei völlig verfehlt, die Energiedebatte ohne den Klimaschutz zu führen, befindet der Professor. Das Land sei geradezu „energetisch verfettet“, das Anspruchsdenken, die Energiepreise müssten sinken, sei grundlegend falsch: „Ist überhaupt etwas billiger geworden in den vergangenen Jahren? Warum muss ausgerechnet die Energie billiger werden?“

Es sei aber auch immer „schwerer, Menschen bei steigenden Preisen“ für die Umgestaltung mitzunehmen, gibt Plasberg zu bedenken und bekommt prompt Unterstützung aus dem wirtschaftlich orientierten Lager seiner Gästerunde. Der JU-Vorsitzende und CDU-Abgeordnete Tilman Kuban kritisiert das Tempo des Energiepreis-Anstiegs - zehn Prozent beim Strom, 25 Prozent beim Gas - und weist auf die 40 Prozent Steuern und Abgaben beim Endpreis hin.

Bis zu 2500 Euro Mehrkosten im Jahr für eine vierköpfige Familie, gibt Kuban an, das sei „ein Sommerurlaub“, der dann wegfallen müsse. Bei „Geringverdienern“ gehe es „an die Existenz“. Diese Preissteigerung könne er mit „seinem Gewissen“ nicht vereinbaren. Kuban befindet, es sei nicht in Ordnung, zu sagen, das müsse man „hinnehmen“. Zumindest in einem Teilaspekt will mittlerweile auch Habeck handeln*.

Energiepreis-Anstieg: Verleger Weimer warnt vor den Folgen - Industrie wandere nach China ab

Der Verleger Wolfram Weimer sieht die Lage noch extremer: „Wir haben zwei Millionen Menschen in Deutschland, die frieren, weil sie ihre Wohnungen nicht heizen können, aus Angst, sich das nicht mehr leisten zu können“, so der Unternehmer und Publizist. Er beruft sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes. Auch der Industriestandort Deutschland sei durch den Preisanstieg bedroht.

„Dann werden uns industrielle Kerne einfach von anderen Ländern abgenommen“ allen voran von China*, unkt Weimer. Klimatechnisch sei zudem nichts gewonnen, wenn dort weiter billig und „schmutzig produziert werde“. Weimer spitz: „Die Klimapolitik ist uns lieb und teuer“ - doch am Ende sei sie bloß „teuer“. Schon jetzt habe Deutschland weltweit wie im EU-Vergleich die höchsten Energiekosten. Für sein Zitat aus dem Wallstreet Journal - die „Deutschen machen die dümmste Energiepolitik der Welt“ - erntet Weimer dagegen Lacher von Lesch und dem ehemaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin.

Grüner Trittin gibt zu, sich bei den Energiewende-Kosten verschätzt zu haben

Lesch befindet humoristisch, das Wallstreet Journal müsse das aufgrund seiner Kundschaft aus dem Finanzsektor so schreiben. Derzeit baue RWE in Texas - dem konservativen Öl-Staat - Windräder. Trittin: „Im internationalen Wettbewerb gehen seit Jahren mehr Erneuerbare als Fossile ans Netz.“ Das sei Verdienst der Energiewende „made in Germany“, die den Öko-Strom im Vergleich zu herkömmlichen Energieträgern inzwischen besser dastehen ließe: „Wir konnten die Preise für Erneuerbare um 90 Prozent senken!“, verkündet Trittin stolz.

Der Ex-Minister gibt aber auch zu: Die unter seiner Ministerschaft 2005 eingeführte EEG-Umlage wurde teurer als gedacht, den Schwarzen Peter sieht Trittin aber vor allem bei seinen Nachfolgern. Weimer ist strenger: Das Subventionsprogramm zum Ausbau erneuerbare Energien habe die Steuerzahler „über 200 Milliarden gekostet“ und wachse jeden Monat um eine weitere Milliarde. 

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

Wer gedacht hatte - nachdem sich derzeit ein lichter Streifen am Horizont der Pandemie ankündigt – jetzt wäre Aufatmen angesagt, kann sich - passend zum Thema - schon mal warm anziehen. Eine ganze Reihe von Problemen dämmert herauf. Frank Plasberg* wählte die Energiewende und ließ in seiner Sendung keinen Zweifel daran: Ist richtig, macht aber viel Arbeit und schafft viele Probleme. Zu erwarten sind Unsicherheiten und Teuerungen, die die Menschen unterschiedlich belasten werden, die aber unumgänglich bei der gewaltigen Umstrukturierungphase zur Rettung des Planeten seien. Die Sendung bot einen guten Überblick über die schwierige Situation, die Preisgestaltung, die Konkurrenz auf dem Weltmarkt und die außenpolitischen Dimensionen, die der Kampf um Energie und Marktmacht auch an der Grenze zur Ukraine sichtbar macht. (Verena Schulemann) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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