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Die Grenzmauer in Bethlehem, an der Palästinenserinnen auf dem Weg nach Jerusalem Schlange.

Reportage

Heiliges, aber geteiltes Land: Der Alltag an Bethlehems Grenzmauer

  • Josef Ametsbichler
    VonJosef Ametsbichler
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Die USA erkennen Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels an. Nun fürchten viele, der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern könnte erneut eskalieren. Dabei ist der Alltag im Grenzgebiet der Religionen lange schon alles andere als normal. Ein Blick auf ein geteiltes Land.

Bethlehem/Jerusalem – Unweit ihres Klinikfensters kann Dr. Hiyam Marzouqa die Mauer sehen. Acht Meter hohe, stacheldrahtbewehrte Betonstelen schlängeln sich nahtlos aneinandergereiht durch den nördlichen Stadtrand von Bethlehem. Sie trennen die Stadt von Jerusalem und das Westjordanland von Israel. An manchen Abschnitten verläuft die Mauer mitten durch die Wohngebiete.

Marzouqa, 55, Chefärztin des Caritas Baby-Hospitals in Bethlehem, mag gar nicht hinschauen. Sie blickt lieber nach Osten, in die ockerfarbenen struppigen Hügel der Wüstenlandschaft, in die die Geburtsstadt Jesu von Jerusalem aus betrachtet wie ein Schiffsbug hineinragt.

„Ich habe mich nie in Politik eingemischt“, sagt sie. Zu US-Präsident Donald Trumps Entscheidung, Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen, will sie sich nicht äußern. Wie viele andere, die befürchten, etwas Falsches zu sagen und so dem ohnehin schon lange schwelenden Nahostkonflikt neuen Zündstoff zu liefern. Marzouqa ist Ärztin, sie will helfen.

Chefärztin Dr. Hiyam Marzouqa im Kinderhospital.

„Die Lage ist so schwierig, dass wir sie ignorieren“, sagt sie. Die Mauer, die sich dem Krankenhaus im Norden und im Westen bis auf gut 300 Meter nähert, ist das Beton gewordene Symbol der Widrigkeiten, mit denen das Bethlehemer Kinderkrankenhaus zu kämpfen hat. Bis vor kurzem mussten schwerkranke junge Patienten, die zu Spezialbehandlungen wie Herzoperationen nach Israel verlegt wurden, zu Fuß über die Grenze gebracht werden. Erst seit vergangenem Jahr ist es israelischen Krankenwagen erlaubt, die Kinder an der Klinik abzuholen. Die Menschen aus dem Palästinensergebiet dürfen nur mit einem Passierschein nach Israel hinüber. Israelis ist die Einreise in die West Bank ganz untersagt.

Pater Nikodemus Schnabel wird den „Checkpoint 300“ in Rufweite des Kinderkrankenhauses bald wieder passieren. Der 39-Jährige ist Prior-Administrator des Dormitio-Klosters auf dem Berg Zion in Jerusalem. Er liebt die „herrlich verrückte Stadt“ 15 Jahre lebt der gebürtige Stuttgarter schon in der Abtei. Der Eintritt ins Kloster war eine Lebensentscheidung. Auf der palästinensischen Seite der Mauer fühle er sich ebenso wohl, sagt er. „Das Land ist ein Gesamtkunstwerk.“ Zu Donald Trumps Entscheidung schweigt auch er – die Kirche sähe Jerusalem am liebsten als „Corpus seperatum“, losgelöst von nationalen Interessen. Regelmäßig fährt Schnabel nach Palästina, besucht die Geburtskirche in Bethlehem. „Ich bin ein Grenzgänger“, sagt er.

Die Christen sind in Jerusalem eine kleine Minderheit, und trotzdem wird die Basilika der Abtei bei der Messe am Heiligabend voll sein – mit jüdischen Jerusalemern, die einen kleinen Einblick ins christliche Fest wollen. „Ich bin der einzige katholische Priester der Welt, der den Weihnachtsgottesdienst vor 95 Prozent Juden hält“, sagt Schnabel und lacht.

Pater Nikodemus Schnabel in Jerusalem.

Sein nächster Grenzgang hinüber nach Bethlehem ist ein besonderer: In der Heiligen Nacht legt er mit gut hundert Gläubigen der deutsch-christlichen Gemeinschaft Jerusalems die knapp zehn Kilometer nach Bethlehem zu Fuß zurück. Bei sich tragen sie eine Schriftrolle, bedruckt mit zehntausenden Namen – Christen aus aller Welt, die Fürbitten an die Abtei geschickt haben, damit diese zu Weihnachten die Geburtsstätte Jesu erreichen.

Für Gänsehautmomente sorgt auf dem Weg aber eher Winterkälte als die Weihnachtsstimmung im Heiligen Land. In Israel gelten keine Weihnachtsfeiertage und die Christen sind eine winzige Minderheit. Lange vor Sonnenaufgang werden Lieferanten, Müllfahrer und Straßenkehrer entlang der Hebron Road die einzigen Beobachter des Weihnachtsganges sein, während den Pilgern Wind und Verkehrslärm um die Ohren pfeifen. „Das ist ein denkbar unromantischer Weg“, sagt Pater Schnabel. „Aber ich möchte mit niemandem tauschen. Durch Jesus kam Gott mitten ins Leben. Unser Weg führt mitten durchs Leben.“

Und über die schwer gesicherte Grenze zum Westjordanland: Gegen vier Uhr geht es durch den „Käfiggang“, einen gut 100 Meter langen, vergitterten Weg. Auf der anderen Seite des Gitters werden die palästinensischen Arbeiter bereits Schlange stehen, damit sie es trotz der peniblen Kontrollen rechtzeitig nach Jerusalem oder Tel Aviv schaffen.

In Bethlehem grüßt der Muezzin mit dem Ruf zum Morgengebet: „Assalatu Khairum Minan Naum!“ – Beten ist besser als Schlafen. Ein Rat, den auch die christlichen Weihnachtspilger befolgen: Die Grotte unter der Geburtskirche haben sie eine Stunde lang für sich. Ein Bus bringt sie danach zurück über die Grenze nach Jerusalem, während ein paar Hundert Meter weiter ein neuer Arbeitstag für das Caritas-Kinderhospital anbricht.

Krankenhaus behandelt Babys und Kinder, ohne auf soziale Herkunft oder Religion zu schauen

Medikamente, qualifizierte Ärzte, technische Ausstattung – alles knappe Ressourcen im Westjordanland. Dank Spenden, vor allem aus Europa, ist das Krankenhaus eine der wichtigsten Anlaufstellen der ansonsten mauen Gesundheitsversorgung. Es behandelt Babys und Kinder, ohne auf die soziale Herkunft oder die Religion zu schauen. Helle, stille, saubere Gänge – die Klinik könnte auch in Europa stehen. Wäre da nicht die Mauer vor der Haustür. Und die Armut.

Infektionen, Magen-Darm- und Atemwegserkrankungen gehören zu den häufigsten Krankheitsbildern, denn die Häuser sind oft schlecht isoliert und baufällig. Dazu grassieren Erbkrankheiten, weil die Heirat unter Cousins und Cousinen erlaubt ist. Viele Kinder leiden schon bei der Geburt an Gelbsucht, Blutvergiftungen oder Mangelernährung.

Oft genug sind die Fälle kleine Dramen. Chefärztin Marzouqa erzählt von einem Ehepaar, dessen Baby mit schwerer Ichthyose geboren wurde – verhornter, schorfiger Haut am ganzen Körper. „Das Kind sah kaum aus wie ein Mensch“, sagt die Ärztin. Die Eltern wollten es nicht behalten. Die Sozialarbeiter der Klinik redeten ihnen gut zu, die Ärzte und Pfleger cremten, massierten, bandagierten. Nun sieht es dank der Klinik so aus, als würde das Kind ein recht normales Leben führen können.

4921 kleine Patienten hat die Klinik 2016 stationär behandelt, dafür stehen 82 Betten bereit. 41 715 Babys und Kinder wurden in der jüngst erweiterten Ambulanz versorgt. Die größtenteils muslimische Bevölkerung wisse das christliche Krankenhaus zu schätzen, erzählt die Ärztin, die viel Wert auf ihre neutrale Rolle legt. „Hier erleben die Menschen Nächstenliebe und Toleranz“, sagt sie. „Sie vertrauen unserer Medizin.“

Marzouqa ist eine in Bethlehem geborene Christin, ihre Mutter ist katholisch, der Vater griechisch-orthodox getauft. Sie hat in Würzburg Medizin studiert, spricht fließend Deutsch.. Wie ihre sechs Geschwister ist sie nach dem Studium in die Heimat zurückgekehrt. „Ich habe mich immer danach gesehnt, zurückzukommen“, sagt sie.

Doch die Mauer schmerzt sie, lässt sie manchmal zweifeln. Wenn sie darüber spricht, bekommt ihre Stimme einen bitteren Unterton. Nach Jerusalem hinüber fährt Marzouqa nur, wenn sie muss. Den Patienten zuliebe. Sie hofft, dass die Mauer irgendwann Geschichte sein wird. In die Politik will sie sich nicht einmischen, hofft nur, in Ruhe ihre Arbeit machen zu können. „Wir wollen uns nicht von Gott und der Welt vergessen fühlen.“

UN verurteilt Anerkennung Jerusalems

Trotz einer Drohung von US-Präsident Donald Trump, Hilfszahlungen zu streichen, haben die UN-Mitgliedstaaten mit großer Mehrheit für eine Resolution zum Status Jerusalems gestimmt. Darin wird „tiefes Bedauern“ über „jüngste Entscheidungen im Hinblick auf den Status Jerusalems“ ausgedrückt. Wörtlich erwähnt wird Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, nicht. Es heißt aber, dass Entscheidungen zum Status der Stadt „keine rechtliche Wirkung haben, null und nichtig sind“ und im Einklang mit UN-Resolutionen rückgängig gemacht werden müssen. Zudem sind Staaten aufgerufen, keine diplomatischen Vertretungen in Jerusalem einzurichten. 128 der 193 Länder, darunter Deutschland, stimmten für das Papier, neun Länder dagegen (darunter die USA und Israel). 35 enthielten sich. Ein Veto-Recht gibt es im UN-Plenum anders als im Sicherheitsrat nicht, jeder hat eine Stimme. Die Resolution ist völkerrechtlich nicht bindend und hat symbolische Wirkung. Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte die Abstimmung „grotesk“. Zuvor hatte er die Vereinten Nationen als „Haus der Lügen“ bezeichnet.

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