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Einer, der auf die Rückkehr wartet: Lucas aus Dortmund sagt, er habe beim IS keine Gewalttaten begangen.

Wie radikalisiert sind sie noch?

Das Heimweh der deutschen IS-Kämpfer

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Etwa 100 IS-Kämpfer aus Deutschland warten auf ihre Rückkehr. Dazu 270 Frauen und ihre Kinder. Die meisten geben sich geläutert. Die Rückkehr aber ist schwierig in zweierlei Hinsicht - juristisch und weil unklar ist, was die Betroffenen wirklich im Sinn haben.

Er habe keine Gewalttaten begangen, wolle nun ein ganz normales Leben führen, sagt etwa Lucas aus Dortmund. Was er wirklich denkt und was er in Syrien wirklich getan hat, weiß aber niemand.

Über 800 Ausländer sind in kurdischer Gefangenschaft

Die Kämpfer der Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) leisten erbitterten Widerstand. Das ostsyrische Dorf Al-Baghus ist ihre letzte Bastion, aber sie schrumpft Meter um Meter. Die überwiegend aus Kurden bestehenden Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gehen davon aus, dass Al-Baghus bald fallen wird. Aber was dann? Schon jetzt sind über 800 Ausländer in kurdischer Gefangenschaft, darunter an die 100 Deutsche. Sie sollen nach Deutschland zurück, fordern die Kurden und die USA. Die Kämpfer wollen auch. In Deutschland, das wissen sie, sind sie zumindest mit Leib und Leben sicher.

Lucas aus Dortmund ist einer, der zurück will. Bleich und mit langem Bart sitzt er auf einem Stuhl in einer Polizeistation. Die Kurden haben ihn aus dem Lager Al-Holl in Nordsyrien dorthin gebracht, weil sie ihn für extrem gefährlich halten. Im Interview mit dem ZDF-Korrespondenten Hans-Ulrich Gack gibt sich Lucas geläutert. Er habe sich vom IS abgewandt, habe keine Gewalttaten begangen, sagt er. „Ich will zurück nach Deutschland, zurück zu meiner Familie, ein ganz normales Leben führen. Ich bin der Überzeugung, dass die Menschen, die den IS freiwillig verlassen haben, die ungefährlichsten Leute für Europa sind.“ Deutschland, sagt er ruhig, müsse sich um seine Staatsbürger kümmern.

Kurdische Kämpfer in einer Gefechtspause.

Wie dieses Kümmern aussehen soll, darüber grübelt die Bundesregierung. 1050 Deutsche sind seit 2013 nach Syrien gereist. Ein Drittel ist bereits zurück. Von 200 Kämpfern weiß man, dass sie gefallen sind. „Zu über 110 Personen liegen Erkenntnisse vor, wonach sie sich aktiv an Kämpfen (...) beteiligt oder hierfür eine Ausbildung absolviert haben“, teilte das Bundeskriminalamt mit. Aus Bayern sind 72 Personen bekannt, die sich dem IS angeschlossen haben. 29 sind zurück, davon 22 nach Bayern. Zehn sind wohl gefallen – was mit dem Rest ist? Unklar.

Ich will ein ganz normales Leben führen.
IS-Kämpfer Lucas aus Dortmund

Die Zahl der Rückkehrer könnte jedenfalls groß werden. Und der Druck wächst. Denn die Kurden befürchten nach ihrem Sieg Angriffe. „Die Kurden betrachten die Gefangenen als Verhandlungsmasse gegenüber dem Westen nach dem Motto: Wenn uns die Türken angreifen oder die Syrer, dann sind wir nicht mehr in der Lage, diese Leute hier festzuhalten – und dann habt ihr im Westen ein Problem“, sagt Nahost-Experte Gack. Viele IS-Kämpfer dürften dann versuchen, illegal in ihre Heimat zurückzukehren. Und niemand weiß, wie radikalisiert sie noch sind. Die Angst, sich einen Haufen Islamisten ins Land zu holen, ist groß.

Letzte IS-Bastion: Al-Baghus im Osten Syriens.

Deutschland, so viel ist klar, muss seine Staatsbürger aufnehmen. Aber können sie dort auch vor Gericht gestellt werden? Das sei „außerordentlich schwierig“, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas gestern. „Wir brauchen Informationen und Ermittlungsverfahren.“ Sprich: Beweise für eine aktive Unterstützung des Islamischen Staats. Laut Bundesinnenministerium liegen bisher nur „gegen sehr wenige“ IS-Kämpfer aus Deutschland Haftbefehle vor. An Beweise zu kommen, ist schwierig. Deutschland hat kein Konsulat in der Region. Es fehle an Möglichkeiten, Informationen zu Gefangenen zu überprüfen, erklärt das Auswärtige Amt. Die SDF seien „keine verbindlichen Ansprechpartner“. Ein Argument, das auf Kritik stößt. Es sei kein Problem, in die Region zu fahren, sagt der Nahostexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido. Er wirft Deutschland vor, den Kontakt zu den Kurden aus Rücksicht auf die Türkei zu scheuen.

Zweifel an plötzlicher Läuterung

Was die Rückkehr der IS- Kämpfer für Deutschlands Sicherheit bedeutet, weiß niemand. Die meisten Kämpfer erklären, dem IS abgeschworen zu haben. Auch deren Frauen. So wie Hadisha aus Köln, die Gack ebenfalls im Flüchtlingscamp von Al-Holl getroffen hat. „Es ist meine Schuld, dass ich hierhin gekommen bin“, sagt Hadisha. „Ich sehe mich einfach als leichtgläubig und nicht intelligent.“ Den Schleier will sie nicht ablegen – aus Angst vor Racheakten im Lager, wie sie sagt. Nervös knetet die junge Frau die Hände. Sie habe den Propaganda-Videos des IS geglaubt und von einem Paradies auf Erden geträumt.

Es klang eher so nach Neckermann-Reise. Wir sind halt da hingefahren und so reingerutscht.
Nahost-Experte Hans-Ulrich Gack, der IS-Frauen interviewte

Was Hadisha nicht sagt: Sie ist die Frau von Fared Saal, Sohn algerischer Einwanderer aus Bonn. Gack erfuhr das erst später. Auch Fared Saal sitzt in Nordsyrien in Haft, will nach Deutschland. Er posierte auf einem IS-Video vor einem Leichenhaufen. „Wir haben die Tiere abgeschlachtet“, sagt er im Video. Dass ihn Gefängnis erwartet, weiß er. Einer der wenigen, der seine Schuld nicht verbergen kann.

Lesen  Sie auch zu diesem Thema: Islamismus-Expertin zu IS-Rückkehrern: „Manche haben nicht mit der Ideologie des IS gebrochen“

Gack zweifelt an der plötzliche Läuterung. „Ich glaube, dass die juristisch sehr gut beraten sind. Was die Frauen erzählten, klang eher so nach Neckermann-Reise. Wir sind halt da hingefahren und so reingerutscht.“ Von einer Radikalisierung in Deutschland oder Helfern bei der Reise nach Syrien habe niemand erzählt. Aus gutem Grund, wie Gack glaubt: „Sie haben Angst, dass sie wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung drankommen. Deshalb geben sie sich blauäugiger, als sie sind.“

Eine Begegnung wird Gack besonders in Erinnerung bleiben. Sein Weg führte ihn wenige Meter durchs Lager. „Da hielt mir eine Frau ein zweijähriges Mädchen vors Gesicht und fragte, ob ich es kenne. Das Gesicht kam mir tatsächlich bekannt vor. Wie ich später herausgefunden habe, war es die Tochter von Denis Cuspert.“ Der Berliner gilt als Kriegsverbrecher und führender IS-Propagandist. Er soll im Januar 2018 in Syrien getötet worden sein. Seine Rückkehr steht also nicht mehr an.

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