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„Diskussion gefällt mir nicht“: Helmut Schmidt, Valéry Giscard d’Estaing, Henry Kissinger und Egon Bahr.

Am Rande der Sicherheitskonferenz

Wie Helmut Schmidt die Kollegen zusammenfaltet

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München - Rauchend, schnoddrig und eigenwillig tritt er zum Siko-Jubiläum auf: Beschäftigt euch lieber mit den nächsten 50 Jahren, sagt Helmut Schmidt.

Einige Schrecksekunden auf dem Podium: Er wird doch nicht – eingeschlafen sein? Helmut Schmidt hat die Augen zu, reagiert nicht auf die an ihn gerichtete Frage. Sein Sitznachbar tastet nach dem Arm des Altkanzlers, ein dezenter Weckversuch. Schmidt gönnt sich noch einen Moment, dann antwortet er klar und hellwach. Er bezieht sich präzise auf die Frage nach dem Fortbestand der Nato und teilt mit: Sie sei ihm völlig gleichgültig.

So läuft das, wenn man mit dem 95-Jährigen diskutiert: Mit Überraschungen und Eigenwillen ist zu rechnen. Den Siko-Machern ist unter Akzeptanz dieses Risikos gelungen, zum 50-jährigen Jubiläum keinen sterbenslangweiligen Festakt mit Blumenübergabe zu inszenieren, sondern eine quicklebendige Debatte greiser Staatsmänner. Zwei Teilnehmer der ersten „Wehrkundetagung“ von 1963 sitzen am Podium: Schmidt und der legendäre Ex-US-Außenminister Henry Kissinger (90). Dazu Valéry Giscard d’Estaing (88), 1974-1981 Frankreichs Präsident, und Egon Bahr (91), in den 60ern Kopf der deutschen Ostpolitik.

Gut 360 Jahre Lebenserfahrung also blicken auf das letzte halbe Jahrhundert zurück. Bahr lässt die Debatte um die Kurzstreckenraketen wieder aufleben („Je kürzer die Reichweite, desto toter die Deutschen“). Der im Sessel zusammengesunkene Kissinger richtet sich auf und kontert sofort, niemals hätten die USA die Deutschen allein gelassen. „Für jede Regierung galt: Wenn Berlin angegriffen worden wäre, wären die USA in einen Krieg gegangen.“ Der Dialog endet mit einem rührenden Händedruck.

Bisweilen sind die Sätze fast skurril. Bahr klagt, wie „elektronische Strahlen unsere Welt verändern“. Was etwas altbacken formuliert ist, trifft einen Kern: Die neue elektronische Kriegsführung, Attacken auf Computernetze und Stromversorgung. „Die Elemente der Macht haben sich dramatisch verändert“, bestätigt Kissinger. Abends, als Schmidt und Giscard d’Estaing im Kaisersaal der Residenz den Ewald-von-Kleist-Preis erhalten, ist Kissinger sogar wehmütig. Nie hätte er in seiner Jugend gedacht, mal die Laudatio auf einen Bundeskanzler halten zu können, sagt er mit belegter Stimme.

Dass die Gedenk-Debatte in Erinnerung bleibt, liegt indes an Schmidts eigenwilligem Auftritt. Natürlich steckt er sich wieder und wieder ungehindert eine an, Mentholgeruch wabert durch den Ballsaal. Und niemandem gelingt, dem Altkanzler eine Antwort auf die jeweils gestellte Frage zu entlocken. „Mir hat die bisherige Diskussion nicht sonderlich gefallen, sie beschäftigte sich mit den letzten 50 Jahren“, faltet er mal eben die Mitdiskutanten zusammen. „Vielleicht liegt das an meinem Lebensalter: Ich bin mehr dafür, mich mit den nächsten 50 Jahren zu beschäftigen.“

Sein Thema ist auf dieser Siko ein anderes. Schmidt verlangt, sich ernster mit dem Problem der Verstädterung zu befassen. „Manche der Regierenden in den Städten haben noch nicht gelernt, wie man mit der Masse Mensch umgeht“, sagt er. „Die große Mehrzahl dieser Menschen wird in Städten leben. Wird übereinander leben und wird verführbar sein. Das wird ein Sicherheitsproblem sein.“

Und später dann, auf die Frage zur Nato: Viel wichtiger sei, was aus der EU werde. „Wenn die weiter so vor sich hin wurstelt wie in den letzten zehn Jahren, kann es sein, dass es die Nato zwar noch gibt, aber die EU nicht mehr.“

Christian Deutschländer

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