Zum Tode des Altkanzlers

Helmut Schmidt: Der Lotse der Deutschen

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München – Deutschland trauert um einen großen Staatsmann: Helmut Schmidt lotste die Republik als Kanzler nicht nur durch das Krisenjahrzehnt der 70er-Jahre. Bis zu seinem Tod galt er als eine politische Leitfigur.

Bis zuletzt richtete der 96-Jährige seinen Blick nach vorn. Auf der Jubiläumstagung der Münchner Sicherheitskonferenz Anfang Februar 2014, einem der letzten Auftritte Helmut Schmidts auf der großen Weltbühne, rügte er seine drei Elder-Statesmen-Kollegen Henry Kissinger, Giscard d’Estaing und Egon Bahr in seiner unnachahmlichen Art, doch nicht ständig in die Vergangenheit zurückzublicken: „Ich bin mehr dafür, mich mit den nächsten 50 Jahren zu beschäftigen.“

Die Risiken enthemmter Finanzmärkte, die Folgen zunehmender Verstädterung, die Verantwortung der Religionen für den Weltfrieden – die Themenpalette des Altkanzlers blieb bis zuletzt brandaktuell und breit gefächert. Bücher und Zeitungsartikel des „Zeit“-Herausgebers faszinierten ein Millionen-Publikum. In Umfragen erntete er regelmäßig Traumnoten als „moralische Instanz“ und als bedeutender Nachkriegskanzler.

Helmut Schmidt (SPD) 2015 in seinem Büro in Hamburg.

Wie kaum ein anderer schien der hochbetagte Hanseat Schmidt die Sehnsucht vieler Deutscher nach einer Leitfigur zu stillen, der man noch vertrauen darf. Dabei bietet die rein faktische Rückschau auf seine sozialliberale Regierungszeit (1974 bis 1982) wenig Anlass zur Verklärung. Zwischen den gesellschaftlichen und außenpolitischen Aufbruchsjahren unter Willy Brandt und dem nachfolgenden „Einheitskanzler“ Helmut Kohl hatte Schmidt das Los, Deutschland vor allem als Krisenmanager und Lotse durch die Untiefen der Zeit zu steuern: Die 70er waren ein Jahrzehnt gesteigerter politischer, gesellschaftlicher und weltwirtschaftlicher Konfrontationen und Kontroversen: die Ölkrise, die den Deutschen erstmals schmerzhaft ihre Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen bewusst machte; das Ende des Wirtschaftswunders und die „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome); steigende Arbeitslosigkeit; leere Staatskassen. Um ein Haar wäre Schmidts Kanzlerschaft ein Bonner Intermezzo geblieben: Der unterschätzte Oppositionsführer Helmut Kohl von der CDU/CSU kam den Sozial-Liberalen bei der Bundestagswahl 1976 mit 48,6 Prozent bedrohlich nahe.

Während der Kanzler Schmidt in den Folgejahren international den Weltökonomen und Finanzfachmann gab, türmten sich die Probleme im eigenen Land. Ausgelöst durch die Explosion der Staatsausgaben unter Brandt (der Öffentliche Dienst erstreikte sich beim Lohn einen kräftigen „Schluck aus der Pulle“) wuchs der Schuldenberg des Bundes trotz eingeleiteter Sparpolitik unter Schmidts Kanzlerschaft dramatisch an: Zum Ende seiner Ära lasteten auf den deutschen Steuerzahlern Staatsverbindlichkeiten von 313,7 Milliarden D-Mark. Zum Vergleich: 1970 waren es 49,1 Milliarden.

Und doch hatte die Mehrheit der Deutschen schon damals großes Vertrauen in die Person Schmidt. Sogar viele Christdemokraten hielten ihn für einen glänzenden Kanzler – nur leider in der falschen Partei. Ein Gutteil dieser Reputation hatte Schmidt bereits lange vor seiner Regierungsübernahme in Bonn erworben. Als Hamburger Innensenator organisierte er 1962 unter Umgehung einschlägiger Vorschriften den Kampf gegen die Jahrhundertflut durch Einsatz der Bundeswehr so erfolgreich, dass tausende vom Wasser bedrohte Menschen seinem energischen Einsatz ihr Leben verdankten.

Schmidt und der "Deutsche Herbst 1977"

Die wohl größte Aufgabe seines politischen Lebens hatte Schmidt aber Ende der 70er-Jahre zu meistern: Die Herausforderung des Rechtsstaats durch Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), der „Deutsche Herbst 1977“. Der damalige SPD-Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel erinnert sich mit größter Hochachtung an die Leistung des Kanzlers: „Er war ebenso besonnen wie entschlossen. (...) Vor allem die Abwägung, die er getroffen hat: Soll er zur Rettung des Lebens des von der RAF entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und der 90 Leben in der entführten Lufthansa-Maschine ,Landshut‘ in Mogadischu die gefangenen RAF-Terroristen freilassen? Oder verbietet dies die Erhaltung der Schutzfähigkeit des Staates? Diese Verantwortung, die damals auf seinen Schultern ruhte, kennt kaum ihresgleichen“, würdigt Vogel.

Trotz glücklicher Geiselbefreiung in Somalia erlebte Schmidt die wohl schwerste Stunde seines Berufslebens: der unversöhnlichen Witwe des ermordeten Schleyer gegenüberzutreten und seine Entscheidung zu rechtfertigen, nicht auf die Forderungen der Entführer ihres Mannes eingegangen zu sein. Die viele Jahre später von Schleyers Kindern an ihn verliehene Auszeichnung, der Hanns-Martin-Schleyer-Preis, hat Schmidt nach eigenen Angaben deshalb besonders tief berührt.

Im Gegensatz zu manchem anderen der politischen Klasse zog Schmidt nicht als Moralapostel durchs Land, vielleicht mit Ausnahme des Versuchs, den Deutschen einen fernsehfreien Abend pro Woche zu verordnen, um sich stattdessen mehr dem gesellschaftlichen Miteinander zu widmen. Gleichwohl bemühte sich der Mann mit der Prinz-Heinrich-Mütze, die in Wahrheit die eines Schuten-Bootsführers im Hamburger Hafen war, in Vorträgen wie Schriften, die ethischen Grundlagen seines Handelns zu erklären. Tief geprägt von den Erfahrungen des Krieges, – dem Dilemma zwischen soldatischer Pflichterfüllung sowie der wachsenden Erkenntnis, einem verbrecherischen Regime zu dienen –, beschäftigte Schmidt sich intensiv mit philosophisch-soziologischen Fragestellungen bei Immanuel Kant, Max Weber, aber auch in den „Selbstbetrachtungen“ des römischen Kaisers Marc Aurel, deren grundlegende Maximen er zur Richtschnur seines politischen Handelns machte. Politik sollte, so lautete Schmidts Kurzformel, „pragmatisches Handeln zu ethischen Zwecken“ sein.

„Ich bin der Mann mit der schnellen Schnauze"

Der hohe Anspruch hinderte ihn freilich keineswegs daran, in den Niederungen des politischen Schlagabtauschs kräftig hinzulangen. Früh erwarb er sich im Bundestag einen Ruf als scharfer Redner. Er selbst sagte 1957 von sich: „Ich bin der Mann mit der schnellen Schnauze.“ Im Bundestagswahlkampf 1980 bekam dies auch der von ihm zwar respektierte, aber gleichzeitig heftig bekämpfte CSU-Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß („ein Kraftwerk ohne Sicherungen“) schmerzlich zu spüren.

Apropos Pragmatismus: Der „Eiserne Kanzler“ verstand darunter nie alltägliches „Durchwurschteln“ – ein Vorwurf, den er vor allem der aktuellen Führungsriege Europas immer wieder machte. Bis zuletzt trieb ihn die Sorge um, die Europäische Union könnte wegen konzeptioneller Schwäche und Kleinmütigkeit ihres Führungspersonals ihre historische Chance verspielen und wieder in nationale Kleinstaaterei zurückfallen. Auch Europas Anspruch, in allen möglichen Krisenherden dieser Welt – von Afghanistan bis Afrika – intervenieren oder sich einmischen zu wollen, geißelte er unerbittlich als falsch und anmaßend.

Schmidt und Brandt: Ein schwieriges Kapitel

Ein schwieriges Kapitel in Schmidts Vita bleibt das Thema Willy Brandt. Das Verhältnis zwischen beiden Spitzen-Sozis war bei aller Bewunderung Schmidts für den Lebensweg des fünf Jahre älteren Brandt seit Anfang der 70erJahre auch von tiefgreifendem Misstrauen und Rivalität geprägt. Bis zuletzt hielt Schmidt es für einen Fehler, von Brandt nur das Kanzleramt, nicht aber den SPD-Vorsitz übernommen zu haben.

Während Brandt bis zum Schluss überzeugt war, ohne ihn als Parteichef wäre Schmidt nicht zwölf Jahre Kanzler geblieben, glaubte der Hamburger umgekehrt, ohne ihn als Kanzler hätte die SPD nicht so lange den Regierungschef gestellt. Fest steht aus heutiger Sicht: Spätestens mit dem Nato-Doppelbeschluss mochte die Mehrheit der SPD-Mitglieder dem standhaften Kurs ihres Kanzlers nur noch widerwillig folgen. Den hatte Schmidt als Schutz gegen eine militärische Erpressbarkeit Europas durch neue Mittelstreckenraketen der Sowjetunion initiiert. Die Folge war die westliche Nachrüstung mit amerikanischen Pershing 2 unter Nachfolger Kohl. Trotz des millionenfachen Widerstands durch die Friedensbewegung gehört diese Entscheidung zu Schmidts historischen Verdiensten.

Helmut Schmidt und seine Frau Loki entspannen sich während ihres zehntägigen Urlaubs auf der spanischen Insel Gran Canaria im Jahr 1981.

Die weiche Seite Helmut Schmidts blieb der Öffentlichkeit lange verborgen. Ehefrau Loki öffnete ihm die Augen für die Natur und Pflanzenwelt, er selbst spielte leidenschaftlich gerne Klavier. Er nahm sogar zusammen mit den Pianisten Justus Frantz und Christoph Eschenburg ein Mozart-Konzert auf Schallpatte auf. Erst ein Hörschaden auf dem rechten Ohr machte es dem Bach-Liebhaber die letzten Jahre unmöglich, seiner Musik-Leidenschaft weiter zu frönen.

Ebenso begeisterte Schmidt sich von Jugend an für Bildende Kunst. 1979 orderte er für den Garten des Kanzleramts die Großplastik „Two Large Forms“ des britischen Künstlers Henry Moore. Auch die Malerei, vor allem die Expressionisten, hatten es Schmidt angetan. Seine Liebe zu den Bildern von Ernst Nolde war so groß, dass er sein Büro im Kanzleramt in „Nolde-Zimmer“ umbenennen ließ.

Den Rollstuhl erduldete er klaglos

Vielleicht steckt im Umgang des Altkanzlers mit seiner altersbedingten Gebrechlichkeit, die er im Rollstuhl klaglos erduldete, solange ihm niemand die geliebten Menthol-Zigaretten verbieten wollte, bei gleichzeitiger intellektueller Hochform und gehörigem Arbeitsfleiß mit ein Grund, weshalb die Deutschen ihn so bewunderten. Richtig „Außer Dienst“ war Helmut Schmidt nie.

Sein Ehrgeiz habe sich nicht um Ämter gedreht, bilanzierte der Altkanzler einst bescheiden, sondern um Anerkennung. Auch wenn Schmidt durchaus damit kokettierte, das Schicksal habe ihm seinerzeit im Vergleich zu seinen Fähigkeiten keine adäquate Aufgabe gestellt wie Adenauer mit der Westbindung, Brandt mit der Ostpolitik und Kohl mit der Wiedervereinigung: Anerkennung ist diesem großen deutschen Staatsmann verdientermaßen mannigfach zuteil geworden.

Alexander Weber

Rubriklistenbild: © dpa

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