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Helmut Schmidt (r.) mit Willy Brandt (l.): Die SPD hat eine Vaterfigur verloren.

Trauer um Altkanzler

Helmut Schmidt tot: Die SPD verliert eine Vaterfigur

Die SPD und ihr Parteichef Gabriel sitzen gerade in der Fraktionssitzung, als sie die Nachricht vom Tod Helmut Schmidts erreicht. Alle sind bewegt. Die Sozialdemokraten verlieren eine Vaterfigur und einen ihrer ganz Großen.

Fraktionschef Thomas Oppermann erzählt gerade seinen Abgeordneten, was seine SPD in der Flüchtlingskrise und bei anderen Themen so umtreibt, da schauen alle plötzlich auf ihre Smartphones. Dort lesen sie die Eilmeldung, von der viele Genossen bis zuletzt gehofft hatten, sie würde nicht kommen. Helmut Schmidt ist tot. Am Nachmittag ist er im Kreis seiner Familie mit 96 Jahren in Hamburg gestorben. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, der seit Tagen engen Kontakt zur Familie des Altkanzlers hielt, erfährt davon nun am Dienstag aus den Nachrichten.

Im Otto-Wels-Saal des Reichstagsgebäudes erheben sich alle für eine Gedenkminute. Nebenan bei der Union ist es genauso. Die Kanzlerin und CDU-Chefin erinnert in der Fraktionssitzung an die Rolle Schmidts als Krisenmanager bei der Sturmflut 1962 in ihrer Geburtsstadt Hamburg - damals hörte Angela Merkel als Kind in der DDR im Radio von der Tatkraft des Hanseaten.

Kaum jemand auch bei der SPD, der in diesem Moment nicht an eine Anekdote, eine persönliche Begegnung mit Schmidt zurückdenkt. Oppermann erzählt später, wie er als Student auf die Straße gegangen sei, um gegen den Nato-Doppelbeschluss und gegen Schmidt, der für die atomare Aufrüstung Europas war, zu protestieren: „Wir haben Helmut Schmidt in dieser Frage kritisiert, aber wir haben ihn doch immer heimlich bewundert.“

Helmut Schmidt: Sein Leben in Bildern

Helmut Schmidt: Sein Leben in Bildern

Dann wird es auf dem Reichstagsflur etwas hektisch. Draußen warten die Kameras. Gabriel kommt gegen 16 Uhr als Erster aus der Fraktion. Man sieht ihm die Trauer an. Oft war er in Hamburg, um sich mit Schmidt auszutauschen. „Ein wirklich großer Patriot, ein großer Europäer und ein großer Sozialdemokrat ist gestorben“, sagt der Vizekanzler.

Gabriel erinnert an jenen Auftritt Schmidts, der sich allen in der SPD tief ins Gedächtnis eingebrannt hat. Bundesparteitag am 4. Dezember 2011. Schmidt hält eine Rede zu Europa. Es wird eine Geschichtsstunde und Mahnung, die auch Gabriel tief beeindruckt hat. „Ich glaube, dass sein Vermächtnis Europa ist“, sagt er.

Schmidt habe damals der SPD und dem Land mit auf den Weg gegeben, dass es nichts Wichtigeres gebe als die Freundschaft zu Frankreich. Und: „Dass Deutschland seine Führungsrolle nicht überfordern darf, und dass wir eine Verantwortung haben, Europa zusammenzuhalten“, sagt Gabriel.

Ein paar Minuten nach ihm ist Frank-Walter Steinmeier da. Sehr persönlich erzählt der Außenminister von seinen vielen Begegnungen mit Schmidt. Oft, wenn er in Hamburg gewesen sei, habe er die Chance genutzt, um beim Altkanzler vorbeizuschauen. Immer habe Schmidt vor deutschem Provinzialismus und Nationalismus gewarnt: „Er war einer, der die Internationalisierung des Landes verstanden und gelebt hat.“

Schließlich spricht Steinmeier das aus, was viele in der SPD denken: „Er ist so etwas wie eine Vaterfigur gewesen.“ Kurz nach 18 Uhr geht die Fraktionssitzung zu Ende. In einem Nebenraum können die Abgeordneten symbolisch von Schmidt Abschied nehmen. Auf einem mit schwarzem Tuch umhüllten Tisch steht ein Bilderrahmen mit einem Schwarz-Weiß-Porträt, eine Kerze brennt, daneben ein Kranz mit weißen Gerbera. Eine kleine Schlange bildet sich. Viele Abgeordnete tragen sich in das Kondolenzbuch ein. Nicht wenige haben Tränen in den Augen.

dpa

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