Her"tz"lichen Glückwunsch

München - Die Gründung war in jedem Fall ein Risiko - vielleicht kann man sie sogar verwegen nennen. Vor allem aber war sie: ein Erfolg. Denn die Münchner "tz" flaniert frisch und charmant wie eh und je über den Boulevard. Heute feiert die Schwesterzeitung des "Münchner Merkur" mit einer Jubiläumsbeilage und der Verleihungihrer Kulturpreise den40. Geburtstag.

In zwischenmenschlichen Beziehungen sorgt es gemeinhin für jede Menge Stress, wenn ein Baby mehr als einen Vater haben könnte. Im Zeitungsgeschäft bei Münchens Boulevardblatt "tz" war es dagegen die Erfolgsgarantie: Ende des Jahres 1967 bat der Münchner Verleger Ludwig Vogl den Journalisten Erich Helmensdorfer, der damals etwa für die ARD die Quizsendung "Alles oder nichts" moderierte, eine neue Zeitung für seine Heimatstadt zu entwickeln.

Diese Bitte war jedoch alles andere als naheliegend, schließlich gab es in München bereits vier Tageszeitungen. Der Markt schien gesättigt, besonders der für Boulevardblätter - eine mögliche Neugründung wirkte also völlig überflüssig. Kein Wunder, dass Verleger Vogl im eigenen Haus von dem einen oder anderen Skeptiker bei Kantinengesprächen "Totengräber" genannt wurde. Doch der Journalist Helmensdorfer, Jahrgang 1920, analysierte die Ausgaben der beiden anderen Münchner Boulevardzeitungen: ",Bild hatte keine eigene Ausgabe in Bayern und strotzte von norddeutschen Tönen. Die ,Abendzeitung war nach Umfang, Qualität und Preis zur Allein-Lesezeitung geworden und hatte den Boulevard verlassen", erinnert er sich heute. Also: Das neue Kind, dessen Väter Vogl und Helmensdorfer werden sollten und das zu diesem Zeitpunkt noch namenlos gewesen ist, musste knackiger, bayerischer und preiswerter als die Konkurrenz werden.

80 Tage bevor die erste Ausgabe an den Kiosken lag, bezog ein Team von jungen, "hungrigen" (wie es in der Medienbranche heißt) Journalisten die neuen Redaktionsräume im Pressehaus an der Bayerstraße in München. Inzwischen war auch klar, wie das Kind heißen sollte: "Ich wollte einen schnellen Namen, einen einprägsamen", erzählt Vogl, "so was in der Art wie die Berliner ,BZ." Die Idee, seine Neugründung "tz" zu nennen (was für "Tageszeitung" steht), kam ihm auf dem Weg ins Tölzer Krankenhaus, wo seine Ehefrau Anna nach einem Jagdunfall gesund gepflegt wurde: "Dabei ist es geblieben. Denn auch meine Frau fand den Namen gut."

Am 18. September 1968 war "tz"-Premiere, die mit einem entsprechenden Spektakel gefeiert wurde: Vor dem Nationaltheater versammelten sich 80 junge Frauen, eine Roller-Eskorte und mehrere Werbeautos, um zur Tour durch die Stadt aufzubrechen. München war neugierig auf seine jüngste Zeitung und die erste neu gegründete in der Stadt seit 20 Jahren. Die erste Ausgabe war umsonst, danach kostete das Blatt 20 Pfennige (heute: 50 Cent). "Grüß Gott, wir stellen uns vor!" lautete die erste, bayerisch-selbstbewusste Titelzeile - und ebenso präsentierte sich das Blatt von Beginn an: Direkt, bayerisch, stets am Treiben und Pulsieren der Stadt, sensibel für die Freuden, Sorgen und Nöte der Bürger und Leser. Die "tz" sollte nicht nur Nachrichten bieten, sondern auf die Geschichten dahinter blicken. Kein Wunder, dass sich die Auflage des Blattes gut entwickelte und dass der erste Chefredakteur des Blattes, Erich Helmensdorfer, es eine "Sternstunde" nennt, bei der Gründung der "tz" dabei gewesen zu sein.

Dirk Ippen, zu dessen Verlag das Blatt heute gehört, nennt die Gründung einen "Glücksfall" - erst damit sei "München zu der Stadt in Deutschland mit der größten Zeitungsvielfalt geworden". Ein "Glücksfall" sei auch die Gründungsredaktion aus jungen Journalisten gewesen, "die freiheitlich dachten und manche Konventionen des hergebrachten Zeitungsmachens hinter sich ließen", erklärt er: "So fand die freche, betont bayerische Zeitung, die kein Blatt vor den Mund nahm, schnell begeisterte Leser, vor allem in der jüngeren Generation."

Möglich, dass dies auch der Grund ist, warum die "tz" vom teilweise extremen Auflagenrückgang nicht betroffen ist, mit dem Boulevardzeitungen seit einigen Jahren heftig zu kämpfen haben (siehe Grafik).

Die Tatsache, das meistgelesene Boulevardblatt der Münchner zu sein, sieht Chefredakteur Rudolf Bögel, der die Zeitung seit Juli 2006 leitet, vor allem als eine Verpflichtung: "Natürlich freut uns der Erfolg", sagt der 45-Jährige. "Ich verstehe ihn aber auch als Auftrag der Leser an uns." Man werde weiter in jede Ausgabe "Geschichten, Schicksale und vor allem das Lebensgefühl unserer Heimatstadt" packen. Und Bögels Stellvertreter Peter Schiebel ergänzt: "Wir versuchen, dem Leser Informationen, Service und Hintergründe zu den Themen zu liefern, die ihn persönlich betreffen." Um das auf allen Informationswegen umsetzen zu können, hat sich die "tz" selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht: einen runderneuerten Auftritt im Internet.

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