Richter Manfred Götzlwill die Prozessakten möglicherweise erweitern.

Werden die Prozessakten erweitert?

Hinweise auf dritte NSU-Bombe verdichten sich

München - Nach dem Hinweis des Angeklagten Carsten S. im Terror-Prozess werden die Akten zum Taschenlampen-Anschlag in Nürnberg. Richter Götzl lässt möglicherweise die Prozessakten erweitern.

Er besorgte ihnen eine Waffe samt Schalldämpfer. Er kassierte dafür Geld, von dem er annahm, es stamme aus einem Banküberfall. Er hörte von einer Bombenwerkstatt, von einer Schießerei, von einem möglichen Sprengstoffanschlag. Doch Fragen dazu hat Carsten S. seinen Freunden Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe nie gestellt. Heute, 13 Jahre später, gilt er als einer der wichtigsten Helfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Auf der Anklagebank versucht der mittlerweile aus der rechten Szene ausgestiegene 33-jährige Sozialpädagoge zu erklären, wie es so weit kommen konnte – und nannte weitere Details zu dem Waffen-Deal, den er für das mutmaßliche Terror-Trio abwickelte. Unterdessen beschäftigt sein Hinweis auf einen dritten, bislang unbekannten Bombenanschlag des NSU die Ermittlungsbehörden.

Wie berichtet, hatte Carsten S. am Dienstag erstmals ein Gespräch mit Böhnhardt und Mundlos erwähnt, bei dem einer von beiden sagte, sie hätten in Nürnberg „eine Taschenlampe in ein Geschäft gestellt“. Später sei ihm der Gedanke gekommen, dass eine Bombe gemeint gewesen sein könnte. Medien thematisierten daraufhin einen bislang ungeklärten Anschlag in Nürnberg aus dem Jahr 1999. Damals fand der 18-jährige Putzmann einer türkischen Gaststätte auf der Toilette einen Sprengsatz, den er für eine Taschenlampe hielt. Als er sie einschaltete, explodierte die Bombe. Der Mann wurde am Oberkörper, im Gesicht und an den Armen verletzt, konnte das Krankenhaus aber laut „Nürnberger Nachrichten“ bald verlassen. Carsten S. erinnerte sich nun, wie Böhnhardt oder Mundlos sagten, die Sache mit der Taschenlampe habe „nicht geklappt“. Die Polizei vermutete damals offenbar keinen rassistischen Hintergrund.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl reagierte auf die neue Information mit einer Anfrage an die Generalbundesanwaltschaft – sollte es Akten über einen derartigen Anschlag geben, wolle er sie dem Prozess beiziehen, erklärte er gestern. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft ließ später mitteilen, sie habe die Ermittlungsakten zu der entsprechenden Explosion dem Landeskriminalamt übergeben. Von dort aus sollen die Unterlagen zur Prüfung an die Bundesanwaltschaft gehen.

Eigentlich hatte das Bundeskriminalamt bereits nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 eine Liste aller ungeklärten Fälle gefordert, die möglicherweise dem Trio zugeordnet werden könnten. Doch der Taschenlampen-Anschlag tauchte auf dieser Liste offenbar nicht auf, obwohl der NSU später auch in Köln eine Sprengfalle in einem Geschäft versteckt hatte. Warum der Nürnberger Fall nicht geprüft wurde, blieb gestern unklar.

Carsten S. wurde unterdessen weiter zu seiner Vergangenheit im Umfeld des Terror-Trios befragt. Dass er gemeinsam mit dem mitangeklagten Ralf Wohlleben die Waffe samt Schalldämpfer lieferte, mit der der NSU später vermutlich neun ausländerfeindliche Morde beging, hatte er bereits gestanden. Der Schalldämpfer sei jedoch nicht geplant gewesen. Er habe überlegt, ob er ihn bei der Übergabe an Mundlos und Böhnhardt einfach weglassen solle – aus Angst, dass seine Freunde „auf dumme Gedanken“ kommen könnten. Doch letztlich habe er ihnen derartige Gewalttaten nicht zugetraut und sämtliche Hinweise verdrängt: „Ich habe das ganz schnell weggeschoben“. Auch Wohlleben will er nichts von dem Hinweis erzählt haben, obwohl er zu ihm ein freundschaftliches Verhältnis gehabt habe: „Ich habe zu ihm aufgeschaut.“

Ann-Kathrin Gerke

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