+
Noch fehlen die Hauptdarsteller: Die Moderatoren Stefan Raab, Anne Will, Maybrit Illner und Peter Klöppel (v.l.n.r.) werden Angela Merkel und Peer Steinbrück befragen.

Fernsehduell zur Bundestagswahl

Das Hochamt der TV-Demokratie

  • schließen

München - Vier Moderatoren, zwei Kontrahenten und ein starres Regelkorsett: Am Sonntag treffen zum einzigen Mal vor der Wahl Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Peer Steinbrück im Fernsehen aufeinander.

Bei jedem Kanzler-Duell geht es zunächst mal um Nebensächliches: Vor vier Jahren diskutierte Deutschland, ob der damalige Moderator Frank Plasberg wirklich ohne Krawatte in den Ring steigen darf. Heuer stellen sich andere Fragen. Glaubt man manchem Kritiker, ist bei Moderationsneuling Stefan Raab die fehlende Krawatte nämlich das kleinste Problem. Ausgerechnet Raab, der Samstagabendshow-Moderator, Sänger („Wadde hadde dudde da“) und Komiker soll das Hochamt der deutschen Fernsehdemokratie bestreiten, das erste und einzige Fernsehduell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) vor der Bundestagswahl. Wird Raab für Krawall sorgen? Kann er überhaupt politische Fragen stellen? Oder gelingt es ihm tatsächlich, mehr  junge Zuschauer vor die Bildschirme zu locken?

Am Sonntagabend gibt es endlich Antworten, und Nebensächliches wird wieder zu Nebensächlichem. Auf vier Sendern gleichzeitig – im Ersten, beim ZDF, bei RTL und ProSieben – wird um 20.30 Uhr das 90-minütige Rededuell zu sehen sein. Jeder Sender darf seinen eigenen Moderator schicken, neben Raab sind das Anne Will (ARD), Maybrit Illner (ZDF) und Peter Klöppel (RTL). Das Regelkorsett ist eng, jeder Kandidat darf auf jede Frage maximal 90 Sekunden lang antworten, am Ende darf die Differenz der Redezeiten maximal eine Minute betragen. Trotzdem ist es die wahrscheinlich letzte Chance für Steinbrück, entscheidend Boden gutzumachen. Aber wird ihm das gelingen?

Es kommt auf Kleinigkeiten an. Ein Stirnrunzeln, Schweißperlen, ein Blick auf die Uhr, all das kann im gnadenlosen Visier der neun Kameras über Sympathie und Wählergunst entscheiden. Meinungsforscher Manfred Güllner von Forsa glaubt, die Sendung könnte durchaus einen Effekt haben. Nach dem Duell 2005 zwischen Merkel und SPD-Kanzler Gerhard Schröder hätten sich 2,9 Millionen Unentschlossene entschieden, doch SPD zu wählen. Das habe einem Plus von 3,7 Prozent für die Partei entsprochen.

Laut ARD-Deutschlandtrend erwarten dieses Mal die meisten Deutschen, dass Merkel das Duell für sich entscheiden werde. 48 Prozent sehen die Kanzlerin vorn, 26 Prozent Steinbrück. Bei der Direktwahlfrage kann Steinbrück zulegen, bleibt aber weiter auf deutlichem Abstand zu Merkel: 54 Prozent würden sich für Merkel entscheiden, 28 Prozent für Steinbrück. Ein Plus von 6 Punkten für den SPD-Mann seit Mitte des Monats.

Doch den Kanzler wählt der Bundestag, und da sieht der Deutschlandtrend die Mehrheitsverhältnisse knapper. Die Union verliert gegenüber der Monatsmitte einen Punkt auf 41 Prozent. Die FDP liegt weiter bei 5 Prozent. Die SPD gewinnt leicht und kommt auf 26 Prozent (+1). Die Grünen verlieren einen Punkt auf 11 Prozent. Die Linke bleibt unverändert bei acht Prozent. Union und FDP kommen so auf 46 Prozent, SPD, Grüne und Linke auf 45 Prozent.

Kein Wunder also, dass sich Steinbrück angeblich intensiv auf das Duell vorbereitet hat – auch wenn er offiziell betont: „Da gehe ich ganz entspannt rein.“ Seine Ehefrau Gertrud gibt ihm trotzdem mit auf den Weg: „Das Einzige, was ich möchte, ist, dass er sich nie provozieren lässt. Man verliert, wenn man sich provozieren lässt.“ Steinbrück verspricht, nicht als Randalierer aufzutreten. Das hat er mit Stefan Raab gemeinsam. „Mannschaftsdienlich und sachlich“ wolle er auftreten, sagt der Moderator. Anlass zur Kritik an seiner Berufung gebe es nicht: „Ich habe schließlich noch nie in so einer Sendung versagt.“

Philipp Vetter (mit dpa)

Das Kanzler-Duell

ist am Sonntag ab 20.30 Uhr bei ARD, ZDF, RTL und ProSieben zu sehen. Unsere Zeitung berichtet live aus Berlin im Internet unter www.merkur.de/bundestagswahl und unter www.twitter.com/phvetter sowie mit einer ausführlichen Analyse in der Montagsausgabe.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

News-Ticker: Polizei erschießt fünf Terroristen und verhindert weiteren Anschlag
In Barcelona ist ein Lieferwagen in eine Menschenmenge gerast - mehrere Menschen wurden verletzt, mindestens 13 starben. Die Polizei verhinderte in einem Badeort 100 …
News-Ticker: Polizei erschießt fünf Terroristen und verhindert weiteren Anschlag
Abschiebehaft oder Freiheit? Terrorverdächtiger vor Gericht
Ein Richter in Frankfurt muss über die Abschiebehaft für einen Tunesier entscheiden. Die Behörden halten ihn für sehr gefährlich. Ein Haftbefehl wegen Terrorverdachts …
Abschiebehaft oder Freiheit? Terrorverdächtiger vor Gericht
Pietätloser Tweet: Trump vergreift sich nach Barcelona-Anschlag im Ton
Donald Trump hat sich nach dem Anschlag in Barcelona mal wieder zu einem absurden Vergleich auf Twitter verstiegen. Der US-Präsident erinnerte an eine erwiesenermaßen …
Pietätloser Tweet: Trump vergreift sich nach Barcelona-Anschlag im Ton
Merkel bei Wahlkampfauftritten beschimpft
Sachsen bleibt für Politiker ein heikles Pflaster, die "Wutbürger" pöbeln weiter. Wahlkampfauftritte der Kanzlerin werden genutzt, um Stimmung gegen "die da oben" zu …
Merkel bei Wahlkampfauftritten beschimpft

Kommentare