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CSU-Bezirksparteitag nach den jüngsten verheerenden Umfrageergebnissen. Ilse Aigner und Markus Söder wollen nicht mehr streiten. Einigkeit macht stark, lautet jetzt die Devise.

Umfragen zeigen herbe Verluste für CSU 

Hochspannung vor der Landtagswahl: Söders Schicksalsland Oberbayern

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Grundregel für Wahlkämpfer: Wer in Oberbayern verliert, verliert im ganzen Land. Söder verschiebt deshalb den Schwerpunkt seines Einsatzes vor der Wahl am 14. Oktober nach Süden.

München – Harmonie in Parteien ist mitunter eine brüchige Sache. Ab und zu braucht es Schminke und Schauspielkunst. Am Donnerstag ist das so in der CSU: Da stehen Markus Söder und Ilse Aigner vor den Kameras, um Schulter an Schulter engste Zusammenarbeit zu illustrieren. Was den schönen Schein empfindlich stört, ist ein Aigner-Interview, das am selben Morgen in der „Zeit“ erscheint – darin schildert die Ministerin bildreich, ob man gegen Söder mit dem Säbel oder Florett kämpfen müsse, und dass ihr all das „zu blöd“ sei.

Dass das vor Wochen geführte Interview genau an dem Tag aufploppt, ist ihre Kommunikationspanne – aber irgendwie ehrlich. Dem Ministerpräsidenten und seiner Ministerin, über Jahre grundverschiedene Rivalen ums Regierungsamt, ist klar, dass sie eine Zweckgemeinschaft bis zum Wahltag bilden. Aigner führt die CSU Oberbayern, Kernland der Partei mit jedem dritten Wähler, 40 000 Mitgliedern und 500 Verbänden. Verliert der Franke Söder hier, verliert er auch die Wahl. Gleichzeitig würde ein mieses Ergebnis Aigners Rolle als Bezirksvorsitzende untergraben.

Ihm ist das klar. Seit Wochen verzichtet Söder auf jede Spitze gegen Aigner, lobt ausufernd. Auf der Funktionärsebene brachte er schon zu seiner Zeit als Finanzminister die Mehrheit aus ihrem Verband hinter sich. Und schiebt nun den Schwerpunkt des Wahlkampfes in den Süden. Zwei Drittel seiner Auftritte sind in München und Oberbayern. 67 überregionale Kundgebungen sind geplant, darunter der Parteitag am 15. September, die Schlusskundgebung (12. Oktober, beides in München) und ein Auftritt mit dem zuletzt sehr stillen Parteichef Horst Seehofer in Ingolstadt.

Die Spitzen von SPD, Grünen, FDP – alles Oberbayern

Jene Doppel-Termine dürften interessant werden, denn Seehofer legte die Messlatte für Söder hoch: Die CSU könne die absolute Mehrheit halten. Bei Umfragewerten von 38 Prozent eine mutige Aussage, die Seehofer so lange scheute, wie er selbst Ministerpräsident war. Söder äußert sich zu keinem Ziel, klagt nur halblaut über Gegenwind aus Berlin: Wenn die Union bundesweit bei 28 Prozent liege, werde er in Bayern kaum 65 holen. Und, Fußnote: Es bleibt dabei, dass CDU-Chefin Angela Merkel nicht zu den Kundgebungen eingeladen wird. „Wir müssen es allein schaffen“, sagt er.

Die CSU-Zentrale will den Wahlkampf heuer zudem viel stärker regionalisieren. Oberflächlich zeigen das die Plakate: im Süden ab 1. September das Doppelmotiv mit Aigner, im Norden oft die populäre Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Bei Wortwahl und Inhalten verzichtet Söder in Oberbayern bewusst auf Superlativ-Orgien, spricht von „sensiblem Wachstum“ und Normalverdienern: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zur seelenlosen Region der Superreichen werden.“ Wohnen und Verkehr (Aigners Themen als Ministerin) sollen im Vordergrund stehen.

Zwei strategische Sorgen plagen die CSU zudem: Die Wähler in Oberbayern, gerade in München, verändern sich rapide durch Zu- und Wegzüge. Die Bevölkerung von Ingolstadt über München bis Garmisch ist heterogen. Bierzelte im Umland und Richtung Süden bringt Söder mühelos zum Kochen; in der Stadt hingegen formieren sich schrille Großkundgebungen mit zehntausenden Anti-CSU-Demonstranten.

Die Hauptgegner differieren: im großstädtischen Milieu eher Grüne und Liberale, im ländlichen Raum stärker Freie Wähler und AfD. Und: Auch die anderen Parteien legen ihren Schwerpunkt hier. Die Spitzenkandidaten Natascha Kohnen (SPD), Ludwig Hartmann, Katharina Schulze (Grüne), Martin Hagen (FDP) kommen alle aus der Region, nur der Freie Wähler Hubert Aiwanger ist Niederbayer.

Teil von Söders Südstrategie ist auch München – in der CSU-Parteistruktur formal ein eigener Bezirksverband. Zu dessen Chef Ludwig Spaenle ist sein Verhältnis aber seit der Entlassung aus dem Kabinett noch extrem kompliziert. Ein Rücken-an-Rücken-Plakat mit Spaenle ist eher nicht geplant, statt dessen wird sogar Aigners Konterfei in München aufgehängt.

Söder arbeitet aber an einem eigenen München-Plan. Bei einem Sonder-Bezirksparteitag am 3. September will er ein Stadt-Konzept vorlegen, erneut mit Fokus auf Wohnen und Verkehr. Söder greift derzeit häufig das SPD-geführte Rathaus an, vor allem die früher rot-grüne Stadtregierung unter Christian Ude: „Jahrelang Stillstand beim Schulbau, Wohnbau, Verkehrsprojekten – Ude hat das verschlafen.“

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