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Lanz stellt brisante Hochwasser-Frage - ARD-Wettermann räumt ein: „Da hält man sich zurück“

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Die Talrunde bei Markus Lanz (ZDF)
Die Talkrunde bei Markus Lanz (ZDF) © ZDF/Markus Lanz

„Markus Lanz“ geht mit einem Flutkatastrophe-Spezial neue Wege: Die 90-minütige Debatte verteilt sich auf zwei Talkrunden mit insgesamt neun Gästen.

Hamburg - Deutschland ist weiter von der Hochwasser-Katastrophe schockiert - „Markus Lanz“ läuft deshalb am Dienstagabend als 90-minütiges Sonderformat. Dazu begrüßt Talkmaster Lanz den Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) im Studio. Der schildert, wie der sonst 80 Zentimeter hohe Fluss Kyll als acht Meter hoher Strom in seiner Stadt ankam: „Das Wasser kam wirklich von allen Seiten. Es schwappte über die Mauer und es hat sich verteilt. In kürzester Zeit waren die Dorfstraßen im Stadtteil Ehring wie ein Fluss und die Strömung war so stark, dass noch nicht einmal die Rettungsboote eingesetzt werden konnten.“ Der Schock über das Erlebte steckt Leibe noch in den Knochen: „Diese unmittelbare Gewalt, das war unglaublich erschreckend. Weil man ausgeliefert ist.“

Lanz möchte von Leibe wissen, ob er die Frühwarnungen des Europäischen Flutwarnsystems Efas kannte. „Natürlich“, stellt Leibe klar und erklärt, warum in Trier das Schlimmste verhindert werden konnte: „Wir hatten auch den Deutschen Wetterdienst. Sie müssen davon ausgehen: Ich habe hier eine Profi-Feuerwehr, die so was äußerst sensibel wahrnimmt. Und deshalb konnten wir auch unsere Rettungspläne starten. Und bei allem Unglück, die Katastrophe ist riesig: Wir haben keine Verletzten und wir haben keine Toten in Trier.“

Flut und Überschwemmung: „Markus Lanz“ diskutiert, ob die Bevölkerung besser hätte gewarnt werden können?

„Aber warum hat die Bevölkerung davon nichts erfahren?“, fragt Lanz kritisch in Richtung des Meteorologen Sven Plöger, der zwei Tage vor der Flut den Wetterbericht im Ersten moderiert hat. Plöger erklärt, dass unterschiedliche meteorologische Modelle unterschiedliche Prognosen liefern: „Und dann überlegt man sich als Meteorologe: Wie ordne ich das ein?“ Vom schlimmstmöglichen Fall auszugehen, ist aus Plögers Sicht nicht das richtige Vorgehen: „Vorher sich hinzustellen und trommeln und sagen, da gibt es schwerste Überschwemmungen, Verwüstungen, möglicherweise Tote – da hält man sich sehr zurück.“

Die Geografin Beate Ratter findet es obendrein „zu einfach, jetzt zu sagen: Das hat man doch gewusst. Warum hat man es nicht anders gemacht?“ Mit Blick auf die Kyll meint sie: „Wenn Sie vor Flussüberschwemmung warnen – wer würde darüber nachdenken, dass dieses kleine Bächlein sich zu so einer Katastrophe auswächst?“ Ratter fühlte sich „an die Sturmflut 1962 in Hamburg erinnert. Da wurde auch gewarnt, da wurden auch die richtigen Worte gesagt. Aber es kam nicht an“. Leibe hatte genau das in Trier-Ehrang zu beklagen: „In Ehrang haben alle gesagt: Ich bin mir sicher, seit 100 Jahren gab es nie ein Hochwasser auf der Kyll. Und das hat dazu geführt, dass wir um acht Uhr - ich bin selber von Haus zu Haus gegangen und habe gesagt, Sie müssen raus, es gibt eine Überschwemmung - viele abgewunken und gesagt haben: Ach was, da passiert nichts.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 13. Juli:

Gewarnt wurde auch im sächsischen Sinzig, von wo Oberbürgermeister Andreas Geron (Parteilos) per Video zugeschaltet ist. Seine Einschätzung: „Es gibt Karten mit hundertjährigen und es gibt Karten mit zweihundertjährigen Hochwassern. Dieses zweihundertjährige Hochwasser hätte circa 150 Meter vor den überfluteten Gebieten geendet. Das bedeutet, wir haben es hier mit einem Hochwasser zu tun, das vielleicht ein tausend- oder zehntausendjähriges Hochwasser darstellt.“ Der Wissenschafts-Journalist Axel Bojanowski hält dagegen die Wassermengen für nicht außergewöhnlich: „Diese Regenmengen sind in Deutschland zu erwarten, die gehören zum deutschen Klima dazu.“ Er finde es „skandalös, dass sowohl Bundeskanzlerin, Bundespräsident, alle, heute Laschet, auch als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, den Klimawandel herbeizitieren für ein Ereignis, mit dem man in Deutschland einfach rechnen muss“. Geron hält entschieden dagegen: „Diese aktuelle Situation war aus meiner Sicht in keinster Weise vorhersehbar.“

Leibe gibt Bojanowski teilweise recht: „Klimawandel darf kein Schutzargument sein. Ich glaube, Klimawandel ist ein Aspekt, den wir beachten müssen. Aber es geht auch darum, Prävention zu betreiben.“ „Klima ist“, schreitet Plöger ein, „die Statistik des Wetters. Und wir erleben derzeit ganz klar, dass sich die Statistik dieses Wetters ändert“. Allerdings ist auch für ihn die Prävention ein entscheidender Faktor: „Es gibt eine Menge an Studien, die sehr klar sagen: Jeder Euro, den wir jetzt nicht in den Klimaschutz stecken, weil wir irgendwie denken: ist vielleicht teuer – den werden wir mit zwei bis elf Euro bezahlen.“

Hochwasserschutz lohnt sich: Grimmas Bürgermeister berichtet bei „Markus Lanz“ von seinen Erfahrungen

Dass die Politik bei der Prävention nicht vorankomme, macht den „Terra X“-Moderator Dirk Steffens „sauer.“ „Seit 30 Jahren“, sagt er in der zweiten Hälfte der Sendung, „hören wir uns dieses Verzögerungsgerede an und seit 30 Jahren passiert zu wenig“. Für die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker steht der Erhalt der kritischen Infrastruktur im Mittelpunkt: „Was können wir machen, damit wir in so einem Fall Stromversorgung, Wasserversorgung, Gesundheitsversorgung hat Herr Leibe gesagt, dass das stehen bleibt, dass wir das schaffen?“

Grimmas Bürgermeister Matthias Berger (Parteilos) hat in seiner Stadt schon mehrere Hochwasser erlebt. „Das war bei uns vor 20 Jahren eins zu eins dasselbe.“ Eine Konsequenz aus dem Elbhochwasser von 2002 seien auch in Grimma Präventionsmaßnahmen gewesen: „Wir haben uns sofort nach dem Hochwasser 2002 ein ganz modernes Sirenensystem angeschafft.“ Damit sei man in der Lage, die Bevölkerung stromunabhängig mit Sirenentönen und Sprachdurchsagen zu warnen: „Das haben wir 2013 das erste Mal mit großem Erfolg genutzt.“

Zum Abschluss der Sendung berichtet die von der Flutkatastrophe betroffene Tina Rass aus einer Ferienwohnung. Sie ist per Video zugeschaltet und beschreibt die Flutnacht der vergangenen Woche: „Wir sind komplett überflutet worden. Wir wohnen an einem kleinen Fluss, der normalerweise um die 70 Zentimeter hoch ist, der mal eben an die knappen fünf Meter wurde. Wir haben alle nicht damit gerechnet, dass das so ausarten würde. Wir konnten auch nichts mehr retten, konnten nur noch uns retten.“ Gewarnt worden sei sie nicht, auch die Feuerwehr sei überfordert gewesen: „Man musste für sich reagieren.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

„Markus Lanz“ schließt am Dienstagabend mit einem Spezial den ZDF-Themenabend „Flutkatastrophe“ ab und erfindet das eigene Konzept einen Abend lang neu: Nach der ersten Hälfte der Sendung verlassen Triers Bürgermeister Wolfram Leibe (SPD), die Geografin Beate Ratter und der Meteorologe Sven Plöger ihre Plätze und werden durch den Journalist Dirk Steffens, die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker und Grimmas Bürgermeister Matthias Berger (Parteilos) ersetzt. Der Journalist Axel Bojanowski darf sitzenbleiben und an beiden Diskussionsrunden teilnehmen, hält sich in der zweiten Runde aber zurück. Per Video sind außerdem Sinzigs Bürgermeister Andreas Geron (Parteilos) und das Flutopfer Tina Rass zugeschaltet.

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