Aus Angst vor Schwulenfeindlichkeit nahm sich Michael, hier mit seinem Papa, das Leben.

Pläne in Baden-Württemberg

Homosexualität bald auf dem Stundenplan?

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München/Stuttgart - Ein ungewöhnlicher Schul-Streit tobt in Süddeutschland: Politiker von SPD und Grünen wollen mehr Unterricht über „sexuelle Vielfalt“ verordnen. In Bayern will die Staatsregierung das verhindern.

Er war 17, er war in einen Schulfreund verliebt, und er sah nur einen Ausweg: den Freitod. Michael Schmidpeter aus Pöcking warf sich vor die S-Bahn, weil er Angst hatte. Vor Hänseleien, Ausgrenzung, Schwulenfeindlichkeit.

2006 war das. Um andere Jugendliche vor diesem Schritt zu bewahren, gründete sein Vater, der das Coming-Out seines Sohnes unterstützt hatte, den Michael-Schmidpeter-Preis. Schüler können sich mit Projekten über Homosexualität bewerben. Die Zahl der Einsendungen schwankt jährlich – zwischen drei und fünf.

Jens Zeitler weiß, warum das so wenige sind. Er ist bei Lambda aktiv, dem Dachverband LesBiSchwuler Jugendgruppen in Bayern: „Homosexualität wird im Unterricht nur gescheit bearbeitet, wenn der Lehrer schwul ist.“ Zeitler ist 27, als er noch zur Schule ging, kam das Thema in Biologie dran. Ein Sozialarbeiter sprach 20 Minuten über Schwule – und 30 über Aids. „Das war’s.“

In Baden-Württemberg will die rot-grüne Landesregierung erreichen, dass Homosexualität ausführlicher im Unterricht behandelt wird. Im Bildungsplan 2015 soll die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Ziel festgeschrieben werden – als „eines von mehreren Themen, die Kinder und Jugendliche darin bestärken sollen, sich selbst und ihr Gegenüber mit Wertschätzung und vorurteilsfrei zu betrachten und so zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit heranzuwachsen“, erklärt eine Sprecherin des SPD-geführten Kultusministeriums. Doch dagegen bäumen sich Zehntausende auf.

Im Zentrum der Gegenbewegung steht Gabriel Stängle, 41, Mitglied der evangelischen Landeskirche – und Realschullehrer. Er hat eine Petition gestartet, auf der Internetseite ist von „negativen Begleiterscheinungen“ eines schwulen Lebensstils die Rede, von einer erhöhten Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, erhöhter Suizidgefahr.

„Stimmungsmache“ und „Hetze“ sagen Homosexuelle betroffen – ein Unbekannter hat Stängle sogar wegen Verunglimpfung angezeigt. Vergeblich – ein Gericht befand, die Äußerungen seien durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Also sammelt Stängle weiter fleißig Unterschriften für die Petition. Stand Donnerstagabend: 68.349. Die Hälfte der Unterstützer stammt aus Baden-Württemberg, doch der Streit tobt bereits über die Ländle-Grenze hinaus. Die meisten Unterzeichner, das geht aus einer Grafik auf der Internetseite hervor, kommen von einem rechtsextremen Portal, für das der islamfeindliche Münchner Michael Stürzenberger, Chef der rechtsextremen Partei „Die Freiheit“, schreibt. Die zweitgrößte Gruppe findet den Weg zur Petition über kath.net – eine radikal-konservative Plattform (Stand Donnerstagabend).

Durch Ex-Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger und seinen offenen Umgang mit seiner Homosexualität wird die Debatte bundesweit verfolgt. Stängle ist auch beim Realschullehrerverband Baden-Württemberg aktiv, er betreut das Referat Erziehung und Schulpolitik. Offiziell gibt der Verband zur Petition keine Stellungnahme ab – hinter vorgehaltener Hand heißt es: „Wahnsinn.“ Auch der Chef des Bayerischen Realschullehrerverbandes, Anton Huber, findet: „Völlig überzogen.“ Er hält aber auch das Vorhaben der Stuttgarter Regierung für überflüssig: „Dass Homosexualität im Unterricht thematisiert wird, ist selbstverständlich – und das passiert auch.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist anderer Meinung. Landesvorsitzende Angelika Neubäcker, selbst Grundschullehrerin, sagt: „Sie glauben nicht, was auf den Schulhöfen abgeht.“ Sie sieht den Staat in der Pflicht, lobt Baden-Württemberg. Auch Bayerns Grüne wollen Homosexualität stärker als Unterrichtsthema. „Der Lehrplan muss sich ändern“, verlangt die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm. Die Schulrealität hält auch sie für oft homophob: „,Schwule Sau‘ ist das häufigste Schimpfwort an bayerischen Schulen.“ Bayern sei ein Entwicklungsland bei der Gleichstellung.

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sieht das anders. Schon im Sommer teilte er Stamm schriftlich mit: „Zusätzlicher Handlungsbedarf wird auf diesem Feld derzeit nicht gesehen.“ Laut Ministerium behandeln die Lehrer „persönliche und soziale Aspekte“ der Homosexualität in den 9. und 10. Klassen der weiterführenden Schulen. Oberste Gebote: „Toleranz für unterschiedliche Wertvorstellungen“ und die Achtung der Würde des Menschen. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung überprüfe die Richtlinien zudem.

Die Erziehungsgewerkschaft hat neulich beantragt, dass der neue Lehrplan für die Grundschulen um das Thema ergänzt wird – „bringen wird das nichts“, sagt die Vorsitzende Neubäcker. „Vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren.“

Carina Lechner und Christian Deutschländer

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