Honorar-Streit

Die Wut der Ärzte wächst

München - Wut und Angst herrschen unter Bayerns Fachärzten. Die Mediziner fürchten massive Einbußen durch die Honorarreform. Um Verbesserungen zu erreichen, haben die Mediziner Krankenkassen und Politik eine letzte Frist gesetzt. Ansonsten drohen massive Protest-Aktionen.

Bayerns Fachärzte klagen über die Honorarreform: "Qualität wird nicht honoriert." (Symbolbild)

Manch ein Mediziner dürfte sich an sein Studium erinnert fühlen. Ein überfüllter Saal, Dutzende Zuhörer, die am Boden sitzen. Die mehr als 500 Fachärzte haben sich allerdings nicht in München versammelt, um neue Behandlungsmethoden zu diskutieren. Vielmehr geht es um die entscheidende Frage: Haben die bayerischen Fachärzte noch eine Überlebenschance?

"Wenn wir nur um ein paar Euro streiten würden, wäre ich sicher nicht gekommen", betont Axel Neumann. Für den Münchner Facharzt für Hand- und Unfallchirurgie steht weit mehr auf dem Spiel. Durch die Honorarreform drohen Neumann Einbußen von bis zu 30 Prozent. "Wie soll ich da überleben?" Die Existenzfrage stellen sich etwa auch Augenärzte, Gynäkologen oder Urologen. Sie alle fühlen sich als Verlierer der neuen bundesweit einheitlichen Vergütung.

"Wenn meine Praxis schuldenfrei wäre, würde ich sofort ins Ausland gehen."
Urologe aus Ingolstadt

Die Honorarreform ist zeitgleich mit dem Gesundheitsfonds zum 1. Januar gestartet. Ziel ist es, mehr Transparenz in das unglaublich komplizierte Punktesystem der Ärzte-Vergütung zu bringen. In Bayern schafft die Reform jedoch eine groteske Schieflage. Zwar stehen insgesamt 280 Millionen Euro zusätzlich für die niedergelassenen Ärzte zur Verfügung. Dies entspricht einem Plus von 6,3 Prozent gegenüber 2007. Allerdings geht der Zuwachs an vielen Fachgruppen spurlos vorbei.

"Wenn meine Praxis schuldenfrei wäre, würde ich sofort ins Ausland gehen", sagt Ralph Kuchenbecker, Urologe aus Ingolstadt. Den 45-Jährigen ärgert vor allem, dass gerade die hochspezialisierten Ärzte zu den Verlierern der Reform gehören. "Qualität wird nicht honoriert."
Es gibt aber nicht nur Verlierer. Zu den Gewinnern gehören Laborärzte, Pathologen und Psychotherapeuten. Die größten Profiteure der Reform sitzen jedoch in den neuen Ländern. So steigt in Thüringen das Ärztehonorar um 24,6 Prozent, in Sachsen um 19,8 Prozent. "Es kann nicht sein, dass Berlin unsere Honorare holzschnittartig bestimmt", zürnt Thomas Scharmann, Vorsitzender der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände. Scharmann fordert, die Honorare wieder auf Länderebene zu verhandeln. Auch die bisherigen Strukturverträge - sie gewährten ein Zusatzhonorar bei Einhaltung bestimmter Qualitätskriterien - müssten wieder eingeführt werden.

Innerhalb von zehn Tagen soll Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) Nachbesserungen in Berlin erreichen. "Solange gilt unsere Friedenspflicht", verspricht Scharmann. Wie eine Verbesserung aussehen könnte, ist allerdings völlig unklar. Kaum ein Bundesland dürfte bereit sein, Gewinne wieder abzugeben. Söder zeigt sich in München dennoch optimistisch: "Ich werde für eine Regionalisierung der Honorare kämpfen." Geschickt distanziert sich Söder vom umstrittenen Gesundheitsfonds, den die CSU stets mitgetragen hat. "Der Fonds bietet Chancen, aber deutlich mehr Risiken." Er sei eine Notgeburt der Großen Koalition. "Ich werde jetzt für etwas gehauen, wofür ich nichts kann."

Mit seiner Unschuldsrede überzeugt der Minister nicht alle Ärzte: "Ich danke für diesen Wahlkampfauftritt", spottet ein Mediziner. Ein Kollege wirft Söder vor, die Staatsregierung habe einseitig die Hausärzte zu Lasten der Fachärzte unterstützt. Vielen fehlten konkrete Antworten: "Ich sitze hier für 50 Kollegen, die keine Zeit hatten zu kommen", so ein Mediziner. "Sie alle wollen nur eines wissen: Wie geht es weiter?"
Trotz der kritischen Fragen blieb die Stimmung sachlich. Schon vor Söders Auftritt hat Scharmann seine Kollegen gewarnt, den Protest zu übertreiben. "Die Patienten sind unsere Verbündeten. Wir dürfen sie nicht überstrapazieren. Sonst haben wir die Öffentlichkeit gegen uns."

Steffen Habit


Rubriklistenbild: © dpa

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