Terrorismus, Clans, Wohnungsbau

Horst Seehofer plant CSU-Buch und verrät Details - „Politiker gehören nicht ständig ins TV-Studio“

Vor 41 Jahren zog Horst Seehofer in den deutschen Bundestag ein – im Herbst ist Schluss mit Politik.

Lebensbilanz im Krisenmodus: Seit 41 Jahren ist Horst Seehofer Berufspolitiker. Nun dreht er mit fast 72 seine letzte Schleife – isoliert im festungsartigen Bundesinnenministerium.

Berlin – Mit den Corona-Bildern aus den Intensivstationen kommen die Erinnerungen zurück. Horst Seehofer war 52, als ihn eine Herzmuskelentzündung umwarf. „Ich hatte bis dahin geglaubt, ich könne die Welt aus den Angeln heben.“ Stattdessen hob es ihn aus den Angeln. „Man liegt auf der Intensivstation – hilflos wie ein kleiner Wurm. Vollkommen ohnmächtig. Und die Ärzte sagen einem: ,Es gibt keine Therapie. Wir hoffen, dass Ihr Körper das schafft.‘“ Wenn Seehofer jetzt jeden Montag im Kanzleramt am Corona-Kabinett teilnimmt, weiß er, wovon er redet. Seit Jahren ist er einer der mächtigsten Männer des Landes. Aber er war auch mal ein Wurm.

Es ist ein wenig still geworden um Horst Seehofer. Lange dominierte er die abendlichen Schlagzeilen. Flüchtlingskrise, Obergrenze, Attacken auf Angela Merkel. Einige fanden das großartig, viele waren genervt. Kein Politiker spaltete das Land so sehr. Und jetzt? Im Juli wird Seehofer 72. Im Herbst ist Schluss mit Politik. Das Ende einer unfassbar langen Reise: 1980 zog er in den Bundestag ein. Da gab es noch West und Ost. Die Hauptstadt hieß Bonn, Kanzlerkandidaten waren Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß, die Grünen holten 1,5 Prozent.

Horst Seehofer im „Zwangsentzug“: Welche Sache ihm derzeit besonders fehlt

Wer Seehofer heute treffen will, muss nach Berlin ins Innenministerium. Ein riesiger Bau, einen Steinwurf vom Kanzleramt entfernt. Sicherheitsschleuse, mehrere Drehtüren, über zwei Innenhöfe. Im schier endlosen Gang des 6. Stocks reiht sich Staatssekretärsbüro an Staatssekretärsbüro, bis man irgendwann beim Minister steht. Herr über 80.000 Mitarbeiter, 20 nachgeordnete Behörden, darunter Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt. Seehofer hat trotzdem Zeit für ein langes Gespräch. Draußen wird es dunkel, später muss er noch die Grenzkontrollen verlängern. Aber das kann warten.

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Es ist eine der Lehren, die der Ingolstädter aus seiner um ein Haar tödlichen Krankheit gezogen hat. Fast ein Jahr war er damals draußen. Er werde künftig kürzer treten, kündigte er bei der Rückkehr an. Das funktionierte höchstens mittel. Bundesagrarminister, Ministerpräsident, Bundesinnenminister. Kürzer treten ist da nicht. Aber die Tage mögen noch so lang sein, Seehofer lässt sich nicht von seinen Terminen hetzen. Selbst als Ministerpräsident hatte er immer Zeitpuffer, um mit den Bürgern noch ein Schwätzchen zu halten. In Corona-Zeiten trifft er keine Menschen. Es fehlt. „Mein gesamtes politisches Leben stand auf dem Fundament, viel mit den Leuten zu reden. Das fehlt mir und fühlt sich an wie Zwangsentzug.“

Horst Seehofer agiert jenseits der Öffentlichkeit - „Talkrunden meide ich seit zehn Jahren“

Also bleibt er im Ministerium. Terrorismus. Clans. Aber auch Wohnungsbau. Und natürlich Corona. Seehofer agiert meist jenseits der Öffentlichkeit. „Politiker gehören in so einer Zeit zuallererst an ihre Werkbank und nicht ständig ins Fernsehstudio.“ Er selbst geht kaum noch in Talkshows. Ein Mal im Jahr zu Maischberger, ein Mal im Jahr zum BR-Stammtisch. Keine Will, keine Illner, kein „Hart aber fair“. „Diese Talkrunden, wo die immer gleichen Leute mit immer den gleichen Argumenten auftreten, meide ich jetzt schon seit zehn Jahren. Und ich lebe immer noch.“

Generell gleicht es einem Wunder, dass dieser Seehofer noch immer da ist. Trotz seines Zerwürfnisses mit Markus Söder. Trotz des Ärgers mit der Partei. Trotz der Auseinandersetzungen mit Angela Merkel. Ein Mal pro Woche lässt sich der ewige Horst in der Wagenkolonne ins Kanzleramt zum Vier-Augen-Gespräch chauffieren. Fahrzeit: eine Minute. „Völlig unkompliziert“ sei das Verhältnis heute. Dass er sie öffentlich beim Parteitag düpierte? Vergessen. „Nachtragen gibt es bei Angela Merkel nicht.“

Und Söder? Schlechtes Thema. Noch immer. Auch wenn beide Seiten penibel darauf achten, sich aus dem Weg zu gehen. Seehofer überlässt die Partei komplett dem Nachfolger. „Ich gehe in die Fraktionssitzung und die Landesgruppe nur, wenn meine Tagesordnungspunkte anstehen.“ In der Landesgruppe grummeln sie deshalb über diesen Eigenbrötler, aber der Grund ist Vorsicht: „Ich möchte damit verhindern, dass Markus Söder und ich künstlich in einen Gegensatz gesetzt werden. Sobald ich mich da mal mit einer anderen Meinung zu Wort melden würde, wäre das eine Riesengeschichte. Wir haben darüber nie gesprochen, aber es hat funktioniert: Wir führen eine gute Koexistenz, ohne uns zu überschneiden.“

Bayerische Ministerpräsidentin? „Ilse Aigner hielt dem Kampfgeist Söders nicht stand“

Vergessen aber ist nichts. „Wir haben die Amtsübergabe anständig hinbekommen, das war in der deutschen Politik nicht immer so.“ Lange hatte Seehofer den Überehrgeizigen zu verhindern versucht, weil er an der charakterlichen Eignung zweifelte. Er hätte gerne eine Frau als Nachfolgerin gehabt. Aber Ilse Aigner hielt dem Kampfgeist Söders nicht stand. Der mobilisierte seine Truppen. Die Junge Union. Die Landtagsfraktion. Aber nicht nur. „Im Vorfeld der Amtsübergabe gab es das Gerücht, ich sei krank. Ein ehemaliger bayerischer Ministerpräsident war da besonders fleißig unterwegs“, sagt Seehofer. Am Ende trat er ab. Seine Partei schickte ihn nach Berlin ins Superministerium. Dafür war er offenbar gesund genug. „Die vergangenen drei Jahre in diesem großen Haus zeigen, dass an den Gerüchten nichts dran war.“

Zur Wahrheit gehört: Richtig geprägt hat Seehofer dieses Amt nicht. Am Anfang gab es Aufregung um an seinem Geburtstag abgeschobene Afghanen. Dann wurde es ruhiger. Der „Mr. Innere Sicherheit“, den die CSU gerne gehabt hätte, wurde er nicht. Auch den Namenszusatz „Heimat“ für das Haus, in Berlin extrem umstritten, erfüllte er nie mit Leben. Aber er gab auch kaum Anlass zur Kritik – in dieser Bundesregierung eine Ausnahme.

Mit Söder kommuniziert Seehofer per SMS. Kurz und geschäftlich. Im vergangenen Herbst aber traf er Söder zum Gespräch. Frühstück im Ministerium. Das erste und bis heute einzige Treffen unter vier Augen in drei Jahren. Keine Rückbetrachtung, keine bösen Worte, aber ein Angebot: Wenn Söder das Kabinett verjüngen wolle, stehe er nicht im Weg. Söder lehnte ab. „Das Angebot war ernst gemeint“, sagt Seehofer.

Horst Seehofer als Ministerpräsident: „Ich war von Anfang an nur der Notarzt“

Er muss nichts mehr beweisen. „Ich fühle mich so frei und unabhängig wie selten zuvor.“ Doch so tiefenentspannt, wie sich Seehofer im Gespräch gibt, ist er natürlich nicht. War er nie! Heute zündelt er nicht mehr so viel, er blickt zurück. Vielleicht bald auch beides: Wenn er Berlin endgültig den Rücken kehrt, will er ein Buch schreiben. Über seine Partei und seine Zeit in München, wo er ja eigentlich nie hinwollte. Er selbst nennt es eine „Zwangsversetzung“. Zur Erinnerung: 2007 unterlag Seehofer Erwin Huber bei der Kampfabstimmung um den Parteivorsitz – auch weil kurz zuvor ein uneheliches Kind Seehofers publik wurde. „Ein Jahr später haben Günther Beckstein und Erwin Huber dann mit minus 17 Prozent das schlechteste Wahlergebnis überhaupt eingefahren. Mit Günther Beckstein alleine wäre das wohl nicht passiert. . .“ Plötzlich war Seehofer, der den Landtag immer nur als „Regionalliga“ bezeichnet hatte, Ministerpräsident. „Aber ich war von Anfang an nur der Notarzt, den man rief, weil es nicht anders ging.“

Horst Seehofer, Bundesinnenminister und CSU-Politiker. (Archivfoto)

Seehofer hat eine Menge Stoff für sein Buch. Wirtschaftskrise, Landesbankpleite, Rücktritte. Und wer ihm zuhört, kann sogar etwas für heute lernen. „Als ich 2013 glaubte, es herrsche halbwegs Ruhe, kam die Verwandtenaffäre im Landtag – und zwar im Wahljahr.“ Sein Rezept: konsequente Aufklärung, maximale Transparenz. Klingt fast wie heute. Die betroffenen Kabinettsmitglieder zwang er gegen Widerstand dazu, alle zu viel kassierten Gelder zurückzuzahlen. „Man kann auch mit solchen Rückschlägen noch eine Wahl gewinnen.“ 2013 war es sogar die absolute Mehrheit.

Horst Seehofer bald im Ruhestand - Den einzigen Luxus hat seine Frau mit in die Ehe gebracht

Bis heute schüttelt er den Kopf über diese Raffkes. Seehofer, Sohn eines Lkw-Fahrers und einer Hausfrau, ist in 41 Jahren Berufspolitik wohlhabend geworden, wenn auch nicht reich. Wichtig ist ihm das nicht. Seine Frau habe beschlossen, keine neuen Anzüge mehr zu kaufen, erzählt er lächelnd. Er solle die alten auftragen. „Ich brauche keine Jacht, keinen Flugschein und auch kein super Auto.“ Den einzigen Luxus, das Ferienhaus in Schamhaupten, hat seine Frau mit in die Ehe gebracht. Es ist ihr Geburtshaus. „Sie würde es auch verkaufen – aber ich fühle mich dort sehr wohl.“ Dorthin will er sich bald zurückziehen. „Ich war 50 Jahre in der Öffentlichkeit, das reicht.“ Ob man das glauben kann? Aktuell hat Seehofer höchste Sicherheitsstufe. Als das Gespräch endet, warten draußen schon die Staatssekretäre. Häuschen, Buch und Wehmut müssen warten.

Doch Corona beschert ihm bei Spaziergängen schon einen Vorgeschmack, wie ein Leben ohne Dienstwagen und Personenschutz aussehen könnte: „Mit Maske erkennt mich kaum jemand. Wenn ich noch eine Pudelmütze aufhabe, ist die Tarnung perfekt.“

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