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Er habe eine „aufreizende Gelassenheit“, sagt Horst Seehofer, CSU-Chef und Ministerpräsident, vor der Kulisse in Wildbad Kreuth. Jetzt aber drückt er aufs Tempo.

Merkur-Interview

Seehofer: "Söder hat perfekte Arbeit geleistet"

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München - "Wir dürfen keine Zeit verplempern", sagt Ministerpräsident Horst Seehofer vor der Klausur der CSU in Kreuth. 2015 müsse noch härter gearbeitet werden.

Nach Kreuth ist vor Kreuth: Nach der Berliner Landesgruppe gehen nun die Landtagsabgeordneten der CSU im Tegernseer Seitental in Klausur. Parteichef Horst Seehofer gibt ihnen trotz glänzender Umfragezahlen eine scharfe Mahnung mit: Verplempert nicht eure Zeit mit Personalfragen und Zahlenspielen, 2015 muss noch härter gearbeitet werden.

Zum 42. Mal fahren Sie am Montag nach Kreuth. Irgendwann muss das doch langweilig werden?

Überhaupt nicht.

Sie können sich nichts Schöneres vorstellen, als mit den Landtagsabgeordneten die theoretische Absicht zum Bürokratieabbau in Bayern zu debattieren? Und mit den Journalisten Ihre Umfragewerte?

Wenn man sich das Thema der Klausur genau anschaut, ist es hochspannend. Das Verhältnis von Staat und Gesellschaft neu zu definieren: Sicherheit, Soziales, Daseinsvorsorge. Das finden Sie jetzt aus medialer Sicht vielleicht etwas trocken. Aber für die Menschen ist es enorm wichtig.

Friedrich Merz, von seiner CDU enttäuscht, kommt nach Kreuth. Ist die Einladung ein Signal: Hey, wenigstens wir vergessen konservative Wirtschaftspolitiker nicht? 

Friedrich Merz ist bei uns hoch anerkannt. Er soll uns in Kreuth bereichern, gerade in der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Er fällt unter die Kategorie: „spannend“.

"Ich kümmere mich um alles"

Fahren Sie eine Doppelstrategie? Die Kanzlerin kümmert sich ums grüne Potenzial, die CSU um die konservative Kante?

Ich kümmere mich um alles!

Dann können sich die Abgeordneten ja zurücklehnen.

Nein. Die Strategie heißt: 2015 ist das wichtigste Jahr für unseren Erfolg bei den nächsten Wahlen. Jetzt werden die Fundamente gelegt. 2016 reden wir schon wieder über die Listenaufstellung für die Bundestagswahl. Dann sind wir auf dem Weg zu den wichtigen Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg. 2016 ist nicht das geborene Jahr für Sachpolitik. Wir können deshalb jetzt unmöglich Zeit verplempern für Personal- oder Koalitionsdebatten.

Was sind denn die großen Sachthemen? Es wirkt gerade ein bisschen still in der Landespolitik.

Falsch. 2015 brauchen wir besonderen Wagemut. Einige Stichworte: Entscheidungenzu Energiewende, Bund-Länder-Finanzen, Zuwanderung. Wir müssen die Heimatstrategie umsetzen mit der größten Verlagerung von Behörden und Institutionen in Bayerns Geschichte. Wir wollen an den Schulen das Ganztagsangebot ausbauen, die Pilotprojekte für die Wahlmöglichkeit G8/G9 müssen laufen. In anderen Ländern reicht jeder Punkt, um die Politik fünf Jahre zu beschäftigen. Wir haben für alles ein Jahr.

Ein paar Personalfragen haben wir trotzdem. Teilen Sie Volkes Meinung, dass Söder die besten Karten hat, 2018 Ihr Nachfolger zu werden?

Die Legislaturperiode in Bayern läuft fünf Jahre. Das ist ein politischer Marathon...

...bei dem Söder davonläuft und Aigner hinterherhinkt?

Das interessiert mich 2015 nicht. Wir haben gerade ein Jahr seit der Landtagswahl hinter uns. Übrigens eines, bei dem uns die Abteilung Unvorhergesehenes wieder einiges beschert hat. Ich freue mich über die guten Werte von jedem Kabinettsmitglied, auch über die von Markus Söder.

"Markus Söder hat perfekte Arbeit geleistet"

Es freut Sie auch, dass er Sie in der Benotung schon überholt hat, also beliebter als Sie ist?

Mir hat in der Schule mal ein Lehrer gesagt: Ein guter Dreier ist wie ein schlechter Zweier. Geheimnissen Sie da nicht zu viel hinein. Aber Markus Söder hat in der Tat perfekte Arbeit geleistet auf schwierigsten Feldern. Das freut mich.

Was erwarten Sie jetzt von Ilse Aigner?

Das wichtigste: Konsequenzen aus dem Energiedialog. Sie hat ihn organisiert, geleitet. Ihre Ressortverantwortung ist es auch, Schlussfolgerungen zu ziehen, wie Bayerns Energieversorgung künftig gesichert werden kann. Ich habe mich da komplett rausgehalten.

Sie machen’s doch eh wieder zur Chefsache.

Wir werden sehen.

Sie müssen in Bayern bis 2018 den Spannungsbogen halten, auch für die Fraktion. Was planen Sie? Eine kleine Kabinettsumbildung 2016 vielleicht?

Ich soll ein Kabinett umbilden, das soeben in einer Umfrage 69 Prozent Zustimmung erhalten hat? Dann wäre ich ja von allen guten Geistern verlassen. Das ist eine Aufgabe für die Zeit nach der Wahl. Ich erwarte jetzt Sacharbeit, damit die Werte – die sind ja nicht in Stein gemeißelt – so gut bleiben. Jetzt ist keine Postenverteilung angesagt.

Über einen Posten, das ist Ihrer...

Ach...

...müssen wir doch reden. Schließen Sie für sich aus, vor 2018 abzutreten?

Ich würde es als große Wählertäuschung ansehen, aus politischen oder taktischen Gründen vor 2018 das Amt zur Verfügung zu stellen. Davon kann es nur eine Ausnahme geben: die Gesundheit.

"In Bayern aufhören, im Bund anfangen – das wäre doch grotesk"

Hält die? Manchmal wird in der Landespolitik gemurmelt, Sie sähen zurzeit arg blass aus.

Mir geht’s sehr gut, achten Sie nicht auf zweckgesteuerte Zweifel daran. Ich habe eben zwei Aufgaben als Ministerpräsident und Parteivorsitzender, die in höchstem Maß anspruchsvoll sind. Ich gehe ständig an die Grenze dessen, was man sich körperlich zumuten kann.

Vor zwölf Jahren, als Sie ihre Herzmuskelentzündung überlebten, haben Sie sich geschworen: Nie wieder in diese Mühle. Jetzt tun Sie’s doch.

Die „Mühle“ wird nur dann zur Belastung, wenn Sie sich verbeißen, psychisch damit nicht richtig umgehen. Die große Erfahrung aus meiner Krankheit ist: Gelassenheit. Für manche ist das sogar eine aufreizende Gelassenheit.

Sie kämpfen ja – in aller Gelassenheit – für eine absolute Mehrheit der Union im Bund 2017. Um dann Vizekanzler zu werden?

Nein. In Bayern aufhören, im Bund anfangen – das wäre doch grotesk. Ich war 28 Jahre im Bundestag, zwölf Jahre Staatssekretär und Minister. Es gibt keinen Weg zurück in die Bundespolitik.

Ihre übliche Aschermittwochs-Erkältung haben Sie noch vor sich. Wer nimmt Ihnen diesmal die Rede ab?

Ich bin noch immer selbst mit in die Redeschlacht gezogen. Das System mit mehreren Rednern, mehr Information und mehr Unterhaltung hat sich bewährt. Ich habe Manfred Weber gebeten, länger als nur ein Grußwort zu sprechen. Ich bitte Edmund Stoiber in Passau noch einmal ans Mikrofon, wenn es ihm irgendwie möglich ist – er ist ja nach Strauß der Mister Aschermittwoch. Ich werde selbst reden, am Schluss kommt Generalsekretär Andreas Scheuer.

Jener Manfred Weber, der letztes Jahr noch in Ungnade bei Ihnen war, weil er die CSU für Europa-kritische Töne gerüffelt hatte?

Ich schätze ja Menschen, die ein langes Gedächtnis haben. Wenn einer alles vergisst, ist er arm dran. Aber wenn einer nichts vergisst, ist er noch ärmer dran.

Ein klassisches Thema für die krachledernen Formate Kreuth oder Passau: die Asylpolitik. Adressieren Sie dort jene 27 Prozent, die sagen, Bayern nehme zu viele Flüchtlinge auf?

Es sagt fast die Hälfte der Bayern: Wir machen es genau richtig. Ich verlange eine differenzierte Betrachtung, kein Schwarzweiß. Viele Flüchtlinge bitten mit allem Recht bei uns um Asyl, denken Sie etwa an traumatisierte Minderjährige aus Kriegsgebieten. Die erste Säule unserer Politik ist Solidarität und Humanität. Die zweite Säule ist Gerechtigkeit: Ein Rechtstaat muss Missbrauch von Asylrecht, dort wo er stattfindet, abstellen. Dann muss konsequenter zurückgeführt werden ins Heimatland. Das gilt vor allem für die Balkanstaaten. Die dritte Säule, wo Bund und EU deutlich zulegen müssen: Hilfe in den Herkunftsländern von Armutsflüchtlingen zu leisten. Wo der Fluchtgrund Armut ist, muss man mehr helfen – nicht zuschauen.

Um eine Antwort winden Sie sich seit Tagen: Stehen Sie hinter dem Satz Ihrer Kanzlerin, der Islam gehöre zu Deutschland?

Ich bin nicht auf der Welt, um Äußerungen der Kanzlerin zu bewerten. Für mich als CSU-Vorsitzenden ist der Hinweis zentral, dass wir in Bayern eine starke christliche Prägung haben, dass wir Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes, des christlichen Sittengesetzes und aus der christlichen Soziallehre heraus gestalten. Toleranz und Respekt für andere Religionen gehören zu diesem klaren Kompass.

Wir versuchen es andersrum: Wann gehört eine Moschee zur Modelleisenbahn-Welt im Keller von Horst Seehofer?

Ich habe nicht die Absicht, eine zu bauen.

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