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Jede Nachfolgefrage liegt „auf Eis“. Wie lange? Horst Seehofer überlegt, länger im Amt zu bleiben.

Die neue Horst-Doktrin

Nachfolgerfrage: Will Seehofer doch im Amt bleiben?

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München - Konzept kreative Unruhe: Mit der Anweisung an seine Minister, neue Ideen zu entwickeln, will Horst Seehofer sein Kabinett auf Trab halten. Oder geht es ihm um mehr? Offenbar will er auch zeigen, dass er selbst unverzichtbar ist. Bis 2018. Oder länger.

Kleine Gemeinheiten trägt Horst Seehofer gern in der Innentasche seines Sakkos. An diesem Frühlingstag im Innenhof des Landtags greift er in die rechte Tasche, entfaltet ein Papier mit einer blauen Kurve der Flüchtlingsankünfte. „Erklärung BKin“ steht an einem Punkt, dahinter steigt die Kurve steil an; bei „Schließung Balkanroute“ fällt sie ab – für ihn der grafische Beweis, wie sehr „BKin“ Angela Merkel am Ausmaß der Krise schuld trägt. Er will es ihr unter die Nase halten.

Dann die linke Tasche: Er zieht ein Redemanuskript aus dem Sakko, es ist eine Kampfansage an sein Kabinett: Bis Juli sollen alle Minister innovative Vorschläge vorlegen. Wer bei einer viertägigen Klausur nicht liefert, muss mit unfreiwilligem Vorruhestand rechnen. Seehofer wedelt mit den Blättern, grinst, steckt sie ein: „Wir führen jetzt keine Machtkämpfe, sondern sagen dem Land, wie es weitergeht.“

Rechte Tasche, linke Tasche: Darin stecken auch Seehofers politische Lebensversicherungen. In der Osterpause hat er beschlossen, nochmal Vollgas zu geben – um ja nicht den Eindruck zu erwecken, er trotte der Pension in CSU (2017) und Regierung (2018) entgegen. Als sich am Montag das streng vertrauliche Strategieteam in der CSU-Zentrale traf, staunten die Teilnehmer, wie kämpferisch der Parteichef auftrete. Der Einsatz gegen die Asylpolitik der Kanzlerin und für einen neuen „Bayernplan“ in der Staatsregierung soll seine Hoheit über Themen und Personal demonstrieren. Er weiß: Andernfalls wird man in der CSU schneller zur Seite geschoben, als man je dachte.

Seehofer bügelt damit aus, was ihm als strategischer Fehler ausgelegt wird: seine Ansage, 2018 auszusteigen. Die neue Horst-Doktrin: Jede Nachfolgefrage liege „auf Eis“ – wie lange, entscheidet er, es sei ja sein Gefrierschrank, erklärt er bei jeder Gelegenheit. Immer mehr führende CSU-Politiker gehen inzwischen davon aus, dass sich Seehofer, der im Juli 67 wird, ernsthaft darauf vorbereitet, weiterzumachen. Eine Neuwahl zum Parteichef vor der Bundestagswahl im kommenden Jahr sei „sehr realistisch“, heißt es in der Parteispitze. Auch eine neuerliche Kandidatur als Ministerpräsident sei wahrscheinlich – doch mit der Entscheidung könnte er sich noch Zeit bis nach der Bundestagswahl lassen. Ein schlechtes Abschneiden der Union, das Seehofer derzeit in besonders düsteren Farben an die Wand malt, könnte die Lage noch einmal grundlegend ändern.

In der Partei bleibt es erstaunlich ruhig, selbst unter den Kronprinzen, die nicht alle für Tiefenentspanntheit bekannt sind. Auch ein Markus Söder, aktuell aussichtsreichster Nachfolgekandidat, habe erkannt, dass es bei der Bundestagswahl ungemütlich werden könnte, sagt einer. Söders Konkurrenten hätten ohnehin nichts dagegen einzuwenden, die Entscheidung noch ein Weilchen zu verschieben.

Bisher findet sich jedoch keiner, mit dem Seehofer über eine Verlängerung gesprochen hat. Er selbst antwortet auf die Frage, was er für sich langfristig plane, ein vieldeutiges Wort: „Alles.“

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Es gibt ja auch offene Fragen: Immer wieder wurde über seinen Gesundheitszustand spekuliert. Nach Ostern sieht er zumindest besser aus, nicht so blass wie in den Wochen nach jenem unglückseligen Kreuth-Tag, als er vor allen Abgeordneten am Rednerpult krampfte und einen Schwächeanfall erlitt.

Inhaltlich ist der Chef umtriebig wie lange nicht. Als die CSU-Landesgruppe unlängst Regionalkonferenzen für den Bundesverkehrswegeplan ankündigte, grätschte Seehofer in der Vorstandssitzung zunächst ungewöhnlich deutlich dazwischen. „Er will die Bühne für sich selbst“, heißt es in der Parteispitze.

Schließlich gehört eine Basis-Offensive zum Kern von Seehofers Strategie: Treffen mit den Orts- und Kreisvorsitzenden. Dort brodelt es über Merkel am meisten, also ist auch seine Rückendeckung dort am größten. Seehofer beginnt am 15. April in Wolfratshausen, Oberbayern-Heimspiel in Edmund Stoibers Heimatstadt. „Massive Verunsicherung“ sieht Seehofer in der Basis, schuld sei Berlin. Subtext: Wer soll’s heilen, wenn nicht der Erfahrenste? Bei der Bayern-Wahl 2018 sollten die Leute wieder sagen können: „Wir wollen, dass es so bleibt.“

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