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Horst Seehofer hält im Festzelt von Töging am Inn auf dem Podium seine Rede.

„Ich sehe mich jetzt gezwungen ...“

Seehofer schaltet im Bierzelt auf Angriff - und kündigt an, künftig selbst twittern zu wollen

Horst Seehofers Auftritt tief im CSU-Stammland ist dennoch besonders: Es ist sein erstes Bierzelt seit der schweren Regierungskrise. Und was macht der 69-Jährige? Schaltet auf Angriff.

Töging am Inn - Horst Seehofer fängt harmlos an. „Sie glauben gar nicht, wie schön es ist, wenn man aus der Bundeshauptstadt ins gelobte Land zurückkommt“, sagt der Bundesinnenminister zu Beginn seiner ersten Bierzelt-Rede seit vielen Wochen. Doch dann schaltet der CSU-Chef auf Attacke. Greift seine Kritiker an - auch wenn er meint, „Kampagnen“ beschäftigten ihn nicht. „Jetzt steht also der böse Seehofer vor Ihnen - der Mörder, der Terrorist, der Rassist“, ruft er den mehreren hundert Besuchern zu. Und schimpft dann: „Genau diejenigen, die jeden Tag dafür eintreten, dass man in der Politik Anstand und Stil zu bewahren hat, überschütten mich mit Worten und Eigenschaften und Attributen, die weit unter der Gürtellinie liegen.“

Es ist ein Heimspiel für Seehofer. Ein Festzelt in Töging am Inn, im Landkreis Altötting, tief im CSU-Stammland. Entsprechend groß ist der Beifall. Einzelne Buhrufe sollen die Stimmung nicht trüben. Ein junger Mann mit Trillerpfeife wird relativ rasch nach draußen geführt, wo zwei Dutzend Demonstranten gegen Seehofer protestieren.

Seehofer verteidigt seine Politik und will kämpfen

Seehofer, der die Schirmherrschaft für den Deutschen Nachbarschaftspreis niedergelegt hat, nutzt die Gunst der Stunde. Verteidigt seine Politik. Versucht zu erklären - und die Schuld auf andere zu schieben. „Ich habe die Diskussion nicht ausgelöst“, sagt er rückblickend auf die schwere Regierungskrise wegen der Asyl- und Flüchtlingspolitik. Er betont, dass ein Politiker für seine Überzeugungen, seine Meinung kämpfen müsse. Dass er als Innenminister das Recht durchsetzen müsse. Dass er sich dabei nicht von einem schleswig-holsteinischen Regierungschef - ein CDU-Mann - etwas vorschreiben lasse. Dass der Rechtsstaat klare Kante gegen Gefährder und Straftäter zeigen müsse. „Ich kann als Politiker keine Empathie für einen Vergewaltiger aufbringen“, sagt Seehofer beispielsweise. Oder auch: „Ich bin froh, dass der mutmaßliche Leibwächter von bin Laden außer Landes ist.“

Es ist Seehofers erste Bierzelt-Rede seit der Regierungskrise in Berlin und seit seiner erst ausgesprochenen und dann widerrufenen Rücktrittsankündigung. In Sichtweite der Landtagswahl am 14. Oktober hatte er seine Partei damit in schwere Turbulenzen gestürzt. Sämtliche Umfragewerte rauschten nach unten: vor allem für Seehofer, für die CSU, aber auch für Ministerpräsident Markus Söder, der vor der inzwischen eigentlich unlösbar scheinenden Aufgabe steht, bei der Wahl die absolute Mehrheit der Mandate im Landtag zu verteidigen. Denn zuletzt holte die CSU in Umfragen nur noch aus ihrer Sicht miserable 38 bis 39 Prozent. Und Seehofer, der wird nach einer neuen Umfrage vom Mittwoch inzwischen als Belastung für seine Partei gesehen: 56 Prozent aller Befragten und immer noch 52 Prozent der CSU-Anhänger gaben dort an, Seehofer werde die CSU Stimmen kosten.

Viele Anhänger unterstützen Seehofers harten Asyl-Kurs - nur sein Ton gefällt nicht allen

Was aber sagen die CSU-Anhänger im Bierzelt? Viele hier unterstützen Seehofers harten Kurs in der Asyl- und Flüchtlingspolitik. Endlich bewege sich was, sagen viele. Endlich unternehme jemand etwas. Nur Seehofers Ton gefällt nicht allen. „Die Richtung stimmt - aber a bissl laut“, sagt einer. Und es gibt auch einzelne richtig kritische CSU-Anhänger, auch hier im CSU-Stammland. Seehofer müsse auch bedenken, dass die CSU das Christliche im Namen führe, mahnt einer.

Blick ins Bierzelt von Töging am Inn, während Horst Seehofer seine Rede hält.

Nach seiner etwa 45-minütigen Rede steigt Seehofer wieder in seine Limousine, rauscht davon. In den verbleibenden zweienhalb Monaten bis zur Wahl werde er mehrere solche Auftritte absolvieren, heißt es. Und: Seehofer will ab Ende August selber twittern. „Ich sehe mich jetzt gezwungen, weil manche Wahrheiten ich sonst nicht unter eine breitere Bevölkerung bekomme“, sagt er zur Erklärung. Immerhin schränkt er ein, er werde Twitter zwar nutzen, aber vielleicht „in einem anderen Stil“ als US-Präsident Donald Trump. Dieser macht über Twitter Politik und ist für seine Tweets berüchtigt.

Wie die Wahl für die CSU ausgeht, vermag heute noch keiner zu sagen. Bleibt die CSU unter der 40-Prozent-Marke oder liegt sie am Ende darüber? Und: Braucht sie tatsächlich einen Koalitionspartner? Bundesweit ist die AfD ist auf einem Rekordhoch, CDU und CSU sind schwach wie nie.

Klar ist: Spätestens um 18.00 Uhr am Wahltag werden in der CSU die Schuldzuweisungen beginnen. Und für viele in der Partei ist längst klar, wer notfalls zum Sündenbock gemacht werden soll: Seehofer. Umfragen, siehe oben, stützen diese Argumentation. Seehofer aber verabschiedet sich in Töging mit den Worten: „Man kann mir vieles nehmen, man kann mir auch mein Amt nehmen - aber meine Überzeugung wird man mir nicht nehmen, das kann ich euch versprechen.“

dpa

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